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Verborgene Schätze

Von Zwei Monate lang wollen die „Europa-Kulturtage 2014“ der EZB in Frankfurt das EU-Mitgliedsland dem Publikum näherbringen.
Spuren der Geschichte: Reiterstandbild von Zar Alexander II. im Herzen der Hauptstadt Sofia.	Foto: dpa Spuren der Geschichte: Reiterstandbild von Zar Alexander II. im Herzen der Hauptstadt Sofia. Foto: dpa

Keine Stippvisite nach Sofia, der Hauptstadt, macht einen gleich zum Kenner dortiger Verhältnisse. Gegen manche Vorurteile ist ein Besuch aber hilfreich. Bemerkenswerterweise sieht man in Sofia: keine schnüffelnden Kinder, keine Hundeplage, weniger Bettler als auf der Zeil in Frankfurt. Selbst das Stadtbild umfasst zumindest keine auffälligen Monsterbauten wie etwa Bukarest (in Rumänien). Stattdessen sieht man überall zivile Leute, trinkt gute Weine oder verspeist grellbunte Süßspeisen. Und findet vor allem Gefallen an Schätzen kultureller Art, die oft im Verborgenen blühen, so wie – buchstäblich – die begehbare Nekropole im Untergrund der Sophienkirche oder das Ikonenmuseum unter der Alexander-Newski-Kathedrale.

Faszinierende Geschichte

Bulgarien hat und beklagt ein Negativ-Image. Es stimmt ja: EU-Mittel sind bei den Eliten versickert, und 2011 stand das Land auf der Korruptionsskala von „Transparency International“ auf Platz 83 von 182 – dem schlechtesten Rang innerhalb der EU.

Andere Blickwinkel zeigen das Land jedoch viel positiver. Da ist die faszinierende Geschichte, von der noch einzigartige antike Ruinen zeugen. Schon vor den Griechen blühte die Kultur der Thraker, später kam man unter die Römer und gründete seit 632 n. Chr. eigene bulgarische Reiche. Nie wurde man Teil Ostroms (Byzanz), nahm das orthodoxe Christentum aber an und leistete großartige Beiträge wie die kyrillische Schrift. Ein Besuch im Zentrum für Slawisch-Byzantinische Studien, der Privatstiftung eines berühmten Wissenschaftlers, weckt Staunen über die lange und reiche Handschriften-Tradition des Landes.

Das Bulgarien des Mittelalters ist berühmt für die Bogomilen, aus deren Sektierertum sich Frankreichs Katharer und andere Ketzerbewegungen speisten. Im 19. Jahrhundert befreite sich das Land mit russischer Waffenhilfe von den Osmanen (1877/79). Im Zweiten Weltkrieg legten Bevölkerung und Kirche Ehre ein, als sie die Judendeportationen trotz des Hitler-Bündnisses be- und weitgehend verhinderten. Spezielle Deutschland-Bezüge hat das Land, das für George Bernard Shaw 1894 noch ein Witz von Hinterwäldler-Balkanmacht war, auch im Theater. Heiner Müller war mit einer Bulgarin verheiratet (dafür nahm er es sogar mit dem bulgarischen Geheimdienst auf) und schrieb im Lande mehrere seiner besten Stücke („Philoktet“, „Der Horatier“, „Leben Gundlings“, „Hamletmaschine“) sowie einen berühmten Brief an den bulgarischen Regisseur Dimiter Gotscheff, der 1983 in Sofia Müllers „Philoktet“ inszeniert hatte.

Eine Reise nach Sofia kann so aussehen: Ein Abstecher ins Nationalmuseum für Geschichte, wo einst der Komintern-Chef und Diktator Georgi Dimitrow residierte (dann wurde ihm der Sofioter Hausberg Witoscha zu groß vor seiner Nase, und er zog um), führt zum Aufeinandertreffen mit dem Historiker, Museumsleiter und Ex-Minister Boschidar Dimitrow (keine Verwandtschaft). Der springt von Skythen, Goten abrupt zum Handel mit Tanks und Messerschmitts im Zweiten Weltkrieg, bleibt aber immer geistreich. Gold- und Silberschätze fanden sich in Bulgarien übrigens trotzdem reichlich. Mit am beeindruckendsten sind die Fresken im Kirchlein von Bojana, einem Unesco-Weltkulturerbe. Nur zehn Minuten darf man zu ihnen hinein, denn die Malereien von 1259, sieben Jahre vor Giottos Geburt, sind so empfindlich wie die Höhlenmalereien von Lascaux. Ein Führer von altmodischer Liebenswürdigkeit erzählt, wovon man sich selbst überzeugen kann: Die Gesichter dieser Heiligen und Könige strahlen inmitten des byzantinischen Formalismus einen Detailrealismus aus, den wir spontan mit italienischer Renaissancemalerei wie eben der Giottos in Paduas Scrovegni-Kapelle verbinden – oder rückwärts in der Zeit mit weströmischen Einflüssen. Wo kam das her? Keiner weiß es.

Dann sind da die Kostproben in Sachen bulgarischer Gegenwartskunst. „Cantus Firmus“, früher Teil eines Radiosenders, gilt als bestes Orchester im Land, arbeitet auf Festival-Basis mit ständiger Solistenauslese und ist mit Orchestern im Westen gut vernetzt, was zwei Konzerten der „EZB-Kulturtage“ zugutekommt. Obwohl Bulgariens neuere Musikgeschichte erst vor 120 Jahren begann, zeigt man Stolz auf Klassikbeiträge und Eigentümlichkeiten, wie die berühmte unregelmäßige Rhythmik. Jazzkonzerte und ein Folkloreabend ergänzen diesen Kern im Frankfurter Kulturprogramm. Hinzu kommt ein Charity-Konzert des bulgarischen Rundfunk-Kinderchors, der das bei uns Übliche an Sängerknaben-Choristik sprengt. Dieser (Mädchen-)Chor verblüfft durch die Art, wie mit der natürlichen Stimme gearbeitet wird und Phrasierungen eine uns ungewohnte Dynamik und Kraft entwickeln.

Lust auf Heavy Metal

Vergleichbare Züge prägen die Tanzsprache der „National Art Dance Company“, welche die große Abschlussveranstaltung bestreitet. Sucht man sie beim Proben in Sofia auf, findet man sich in einer leicht heruntergekommenen Turnhalle wieder, die sich Neshka Robevas Ensemble obendrein teilen muss. Worauf es aber ankommt, sind der Enthusiasmus, die Offenheit für moderne Einflüsse und das dynamisch Überschießende, womit Folkloreelemente, Spuren rhythmischer Sportgymnastik, Rap-Tanz und vieles mehr im Märchenschlüssel der Sommersonnenwende verschmolzen werden. Nicht alles in der Halle mag gefallen (die Musikbegleitung ist Geschmacksache), der Eindruck einer Art „Sacre du printemps“ auf dem Balkan herrscht aber vor und gibt der Sache ihren Ernst. Unbedingt sollte man sich „The Strings“ gönnen, eine vierköpfige Band aus Streicherinnen mit Geschmack an Heavy Metal, die in ihrer Heimat große Erfolge feiern. Wenn man sie reden hört und sieht, macht das jedenfalls entschieden Lust aufs Konzert.

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