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Austellungen in der Darmstädter Kunsthalle: Verwirrende Blendgranaten

Die Hauptschau gilt dem Münchner Maler Florian Süssmayr, die beiden Studios bespielen die New Yorker Künstlerin Masha Tupitsyn und der Stipendiat Daniel Stubenvoll.
Darmstadt. 

Das Tischtuch ist ganz frisch und strahlt in leuchtendem Weiß, auch dank des dunklen Hintergrundes. Auf dem quadratischen Tisch stehen Salz- und Pfefferstreuer, ein Behältnis für die Bierdeckel und ein Glas mit Bestecken, die in Servietten eingewickelt sind. Doch die drei Stühle sind leer, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Das Gemälde ist also ein Stillleben kurz vor Eröffnung oder nach dem Reinigen eines Lokals.

Diese rätselhaft moderne und zugleich sehr klassisch anmutende „Auferstehung“ Florian Süssmayrs stammt aus dem Jahr 2014 – ein Ölgemälde, im Original 1,70 Meter hoch. Bild-Zoom Foto: Kunsthalle
Diese rätselhaft moderne und zugleich sehr klassisch anmutende „Auferstehung“ Florian Süssmayrs stammt aus dem Jahr 2014 – ein Ölgemälde, im Original 1,70 Meter hoch.

Keine Idylle, eher eine beliebige Kneipenszene hat Florian Süssmayr in düsteren Tönen zwischen Grau, Schwarz und Braun festgehalten. Das ist typisch für den Münchner Maler, Jahrgang 1963, der ein Faible für „abgerockte Kneipen“ hat, wie er das bezeichnet – Kneipen, die etwas heruntergekommen sind, aber jeden Tag noch etliche Trinklustige anziehen. Freilich ist Süssmayr alles andere als ein bayerischer Biertisch-Maler, wie jetzt die Darmstädter Kunsthalle mit einer Überblicksschau an Werken aus den vergangenen zehn Jahren bis 17. April zeigt.

Kneipen, Punk und Betti

„Bilder für deutsche Museen“, so der Ausstellungstitel, kündigte Süssmayr schon einmal an, als er im Jahr 2005 seinen ersten großen Auftritt im Münchner Haus der Kunst hatte. Damals kannten und schätzten den Autodidakten, der erst ein knappes Jahrzehnt zuvor mit dem Malen begonnen hatte, nur wenige Kunstkenner. Das hat sich geändert. Doch ein Malerstar wie der nur ein Jahr ältere Daniel Richter ist er nicht geworden, obwohl beide vieles gemeinsam haben, von der Punkmusik bis zur Kunst.

Fotografien (hier: „Salon Damen und Herren“) übermalt Süssmayr mit Öl. Bild-Zoom
Fotografien (hier: „Salon Damen und Herren“) übermalt Süssmayr mit Öl.

Bei einem Motiv ließ sich Süssmayr jedoch von Daniel Richter inspirieren – der wiederum dürfte seine Idee vom älteren und noch berühmteren Namensvetter Gerhard Richter haben. „Betti“, so der Titel des Porträts aller drei Maler, wenn auch in unterschiedlicher Schreibweise, zeigt eine junge Frau mit geflochtenem Haar, die sich vom Betrachter abwendet. Gerhard Richter malte so 1988 seine Tochter, Daniel Richter machte daraus eine Punklady mit Nieten-Lederjacke samt Aufschrift „Fuck the Police“. Bei Süssmayr ist das Bild ähnlich rotzig-trotzig, aber dafür lässt er offen, auf wen die zornige Nieten-Frau pfeift: „Fuck the . . .“ heißt es bei ihm nur.

Florian Süssmayr ist ein Maler, der sich nicht gern festlegen lässt. Selbst seine Bildtitel sind oft Blendgranaten, um Sein und Schein zu verwischen. Das Gemälde „Woodstock“ etwa zeigt eines der berühmtesten Motive des legendären Rockfestivals von 1969, ein stehendes Pärchen, das in Decken gehüllt ist und sich umarmt. Im Hintergrund sind eigentlich viele Menschen zu sehen, meist auf den Boden lagernd. Doch bei Süssmayr liegt links ein Pferdekadaver, weiter hinten sieht man sogar tote Menschen. Das friedliche Hippiefestival ist zum Schlachtfeld geworden – ein symbolhaftes Bild für all die gescheiterten Utopien.

Zwar hat Süssmayr kein Kunststudium absolviert, aber viel von Fotografie und Film gelernt. Zufällig gefundene oder selbst aufgenommene Fotos dienen ihm als Vorlagen, die er immer wieder verändert, übermalt, kopiert oder ummontiert, bis das Bild irgendwann fertig ist – ohne vorab sagen zu können, wann das ist. Dabei kommt mal ein fast realistisches, mal ein nahezu abstraktes Bild heraus.

Keine Scheu vor Kameras

Mitunter erinnern die Szenen auch an Filmstills, da Florian Süssmayr zuweilen Text auf die Leinwand kritzelt, als würden die Personen miteinander sprechen. Der Künstler hat lange in der Filmszene („Im Winter ein Jahr“) gearbeitet, bevor er zum Malen fand.

„Penner!“ heißt dieses Bild – weitere Schimpfworte sind eingekratzt. Bild-Zoom
„Penner!“ heißt dieses Bild – weitere Schimpfworte sind eingekratzt.

Auch Masha Tupitsyn ist vom Film fasziniert. Die junge New Yorker Künstlerin hat 1500 Liebesszenen aus 80 Jahren englischsprachiger Kinogeschichte versammelt. Allerdings ist nichts zu sehen, sondern nur zu hören – Tupitsyn hat ein Archiv der gehauchten oder gestammelten Liebesschwüre angelegt und in acht Bereiche vom Begehren bis zur unsterblichen Liebe gegliedert. Ein Hörmarathon von 24 Stunden, aber zugleich ein bemerkenswertes Kopfkino, denn die fehlenden Bilder malt sich automatisch jeder selbst aus (bis 24. Juli).

Eine Frage des Geldes

Der scheidende Charlotte-Prinz-Stipendiat Daniel Stubenvoll schließlich zeigt einen Comic seines Kollegen René Rogge. Die abenteuerliche Story um einen ägyptischen Finanzbeamten und den Pharao stellt Stubenvoll vor einen Zaun, der dem Gitter der Kunsthalle ähnelt. Ein trickreiches Spiel der Verknüpfungen, das jeder Besucher selbst auflösen kann bis zum Ende der Ausstellung am 17. April.

Auch mit den zwei Studioschauen macht Léon Krempel, seit zwei Jahren Direktor der Darmstädter Kunsthalle, das etwas unterschätzte Haus wieder zu einem Treffpunkt der Rhein-Main-Kunstszene. Um die Kunsthalle stärker ins Stadtbild zu rücken, will er zum Abschluss der langwierigen Sanierung des Hauses den Zaun zur vielbefahrenen Rheinstraße abbauen.

 

Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, Telefon (06151) 89 11 84. Eröffnung am Sonntag, 24. Juni um 17 Uhr. Süssmayr und Stubenvoll bis 17. April, Tupitsyn bis 24. Juli. Geöffnet dienstags, mittwochs und freitags 11-18 Uhr, donnerstags 11-21 Uhr, samstags und sonntags 11-17 Uhr. Eintritt 6 Euro. Internet: www.kunsthalle-darmstadt.de

 

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