Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Operette „Im Weißen Rössl“ am Staatstheater Mainz: Viel Spaß am Wolfgangsee

Von Die Mainzer Neuinszenierung von Ralph Benatzkys Operette „Im Weißen Rössl“ fördert mit viel Bühnenspaß auch die Geschichte des Werks noch oben.
Das Staatstheater Mainz. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv Das Staatstheater Mainz. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv

Das Bühnenbild von Christoph Schubiger erinnert an eine Pop-Up-Postkarte. Zumindest auf den ersten Blick vermittelt es die Urlaubsidylle, die Peter Alexander schon 1960 besang. Dennoch hat die Inszenierung von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann nichts mit dem dümmlich-überdrehten und künstlichen Frohsinn des Films oder ähnlich muffiger Bühnenbearbeitungen gemein, die dem Wirtschaftswunder-Deutschland unbeschwerte Reinheit vorgaukeln wollten. Inszenierungen, bei denen man keinesfalls verstand, warum den Nazis ausgerechnet „Im Weißen Rössl“ als entartet galt und von ihnen verboten wurde.

Wer also glaubt, sich mit der Mainzer Inszenierung in einen bunten Mitsing-Ferienprospekt zu begeben, sieht sich schon bald angenehm getäuscht. Immer wieder mäandern tanzend oder singend ein paar schräge Gruppierungen durch die Szene, wie beispielsweise die etwas abgehalftert wirkende Balletttruppe, die „Schwanensee“ verballhornt und für Lacher sorgt. Aber auch an anderen Stellen bekommt die idyllische Ansicht, die ohnehin nur eine Fassade ohne entsprechendes Dahinter ist, Risse. Denn in den Tiefen ist umso mehr am Werk. Immer wieder nämlich fährt aus den (Un-)Tiefen etwas hoch oder soll ein(e) Tote(r) im Wolfgangssee versenkt werden.

Gruß an Hitler

Zwischen all dem munteren und farbenfrohen Spaß wird deutlich, dass im „Weißen Rössl“ eine Gesellschaft am Werke ist, die nicht nur sämtliche Beziehungen der Ökonomie unterwirft, sondern die auch einige (geschichtliche) Leichen im Keller hat. Ein Koffer wird durch das farbenfrohe Spektakel gereicht, hier oder da mal dezent der Arm zum Hitlergruß gestreckt. Auch bei einigen der Figuren hat das Regie-Team etwas genauer hingeschaut, wer denn wohl warum zu Geld gekommen sein könnte, wie beispielsweise der munter berlinernde Fabrikant Giesecke (Clemens Dönicke/Ks. Jürgen Rust) mit seinem Wohlstandswanst.

Auch musikalisch hat die Mainzer Inszenierung unter Paul-Johanns Kirschners Leitung Einiges zu bieten. Grundlage ist nämlich die bühnenpraktische Rekonstruktion der Originalfassung, die erst 2009 in Zagreb auftauchte. Zum einen bekommt man bei den Massenszenen auf der Bühne eine Ahnung davon, in welchen Größen die Erschaffer des „Weißen Rössl“ ursprünglich gedacht hatten. Zum anderen mischen sich immer wieder grellere oder auch jazzige Klänge in die Musik. Da passt es musikalisch wie thematisch, dass ein Trio das Harry-Lime-Thema aus „Der dritte Mann“ anspielt, der schöne Sigismund (Daniel Friedl) zum „James-Bond“-Thema auftritt und sich als 006 vorstellt, während er einen kleinen Strip hinlegt und mehrere Frauen damit ohnmächtig zu Boden sinken lässt, oder auch Revue-Tänzerinnen auftreten, die aussehen, als kämen sie geradewegs aus dem Friedrichstadt-Palast.

Ein tolles Spektakel, in dem sich mitreißende Tanzeinlagen, Gesang und Gejodel mit ironischen Brechungen munter und anspielungsreich verquirlen, Werk- und Zeitgeschichte in die Inszenierung einfließt, ohne trocken zu werden, Gegenwarts- und Vergangenheitskritik eingearbeitet wird, ohne dass der Spaß verdorben wird.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse