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Barockkonzert: Viel Spektakel zur Musik

Von „The Sound of Light“, Klang des Lichts, lautete das Motto am letzten Abend des „Fokus Teodor Currentzis“ in der Alten Oper Frankfurt.
Der Grieche Teodor Currentzis liebt die Extreme und dirigiert gerne mal mit dem ganzen Körper. Foto: Tibor-Florestan Pluto Der Grieche Teodor Currentzis liebt die Extreme und dirigiert gerne mal mit dem ganzen Körper.

Auf dem Programm steht Jean-Philippe Rameau. Musik, die Gefühle und Leidenschaften zum Thema hat, auch das Wirken der Natur auf Seele und Gemüt, und die sich mehr dem Menschen zuwendet als höfischen Formen und ritueller Diskretion. Die Franzosen unter Ludwig XV. (Rameau lebte im 18. Jahrhundert) konnten sich nur schwer damit anfreunden. Aber wer es tat, war begeistert. Ähnlich geht es einem heute mit Teodor Currentzis. Der griechische Dirigent, der aus der Tiefe des sibirischen Raumes mit seinem modisch „musicAeterna“ genannten Ensemble die klassische Musik neu erfindet – dies suggeriert jedenfalls die aufdringliche PR – polarisiert. Ein aufregend Kreativer, sagen die einen; einen Schaumschläger nennen ihn andere.

Tatsächlich ist der neue Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters ein Tänzer. Mit Armen und Händen, ja: den Fingern, nein: dem ganzen Körper modelliert er die musikalischen Phrasen. Das Orchester folgt ihm bedingungslos. Die Tempogestaltung: extrem. Verzögerungen bis zum Stopp, Beschleunigung bis zum Exzess. Dynamik: extrem. Mal kann es nicht leise, mal nicht brachial genug sein. Eleganter, sanft wiegender Streicherklang hier, Trampeln, tatsächlich: mit den Füßen auf den Bühnenboden dort. Das macht Stimmung und verblüfft.

Wem es gelingt, den Blick abzuwenden, merkt das Risiko solchen Musizierens, das in puncto Intonation, Präzision und Transparenz professionelle Standards schon auch verfehlen kann. Dafür erstaunt die schiere Menge des benutzten Instrumentariums bis hin zu Harfe, Drehleier und Maultrommel. Und das bei barocker Musik! Aber es kommt auf die Musik nicht an, sondern auf ihre Darstellung. Dazu geht immer wieder auch das Licht aus, komplett. Ein alter Trick und ideal für Kammermusik in Kleinstbesetzungen im Großen Saal: Man hört einfach besser. So begann der Abend (und auf diese Weise magisch überhöht beginnen viele Currentzis-Konzerte).

Fantasievoll aufgebauscht

Auf die Dauer erschließt sich darin jedoch kein Sinn, ebenso wenig aus der dramaturgisch beliebigen Aneinanderreihung von rund zwei Dutzend Partikeln aus Rameaus Bühnen- und (meist arrangierten) Instrumentalwerken. Es geht bisweilen zu wie in einer Schlagerparade. Ihr Star ist die Sopranistin Nadezhda Pavlova. Körperlich ähnlich beweglich wie der Dirigent, sprachlich auf Vokale fixiert und sängerisch auf (von Rameau so eher nicht gedachten) hohe Spitzentöne. Berückend aber gelingt ihr der endlose, leise Schlusston ihrer letzten Arie zum leider verstimmten Harfenklang. Danach dirigiert die Sängerin die Zugabe, einen fantasievoll aufgebauschten Variationensatz, während der Dirigent im Hintergrund Trommel spielt.

Nach dem ersten Teil hatte das Orchester noch, zur Überraschung des Auditoriums, musizierend die Bühne verlassen. Viel Show, viel Spektakel zur Musik – wer das möchte, ist an diesem letzten Abend im „Fokus Teodor Currentzis“ der Alten Oper richtig, ja: begeistert. Wer im Konzert lediglich Musik hören (ist das nicht genug?), Respekt des Interpreten vor dem Kunstwerk erleben will, findet reichlich Alternativen. Wo viel Licht, ist auch viel Schatten!

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