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Virginie Despentes’ Roman „Das Leben des Vernon Subutex“: Völlig am Boden zerstört

Ihr Film „Baise-moi“ wurde verboten – nun ist Virginie Despentes wieder da. Ihr Gesellschaftsroman „Das Leben des Vernon Subutex“ ist ein zynischer Abgesang auf linke Utopien.
So trostlos, wie die französische Autorin Virginie Despentes auf diesem Foto wirkt, so traurig sind auch die Gestalten ihres neuen Romans. „Das Leben des Vernon Subutex“ erzählt von Randexistenzen in der Großstadt. Frankreich ist Gastland der diesjährigen Buchmesse. Foto: Juan Carlos Hidalgo (EFE) So trostlos, wie die französische Autorin Virginie Despentes auf diesem Foto wirkt, so traurig sind auch die Gestalten ihres neuen Romans. „Das Leben des Vernon Subutex“ erzählt von Randexistenzen in der Großstadt. Frankreich ist Gastland der diesjährigen Buchmesse.

Mögen Sie Liebesgeschichten? Mit romantischen Küssen im Mondschein? Spaziergängen am Strand? Frühstück auf den Champs-Élysées? Happy End? Dann sollten Sie um dieses Buch, um das sich die nächsten Zeilen drehen, einen großen Bogen machen. Denn in Virginie Despentes’ Stationenroman „Das Leben des Vernon Subutex“ wird es Sie ganz nach unten ziehen, in die dunkelsten Ecken der Gesellschaft, in einen Strudel des sozialen Abstiegs. Es geht um Vernon Subutex, der mal einen Plattenladen geführt hat, sich aber gleich zu Beginn der Handlung mit einem Gerichtsvollzieher herumschlagen muss, der alles einpackt, was Subutex nicht vorher schon aus der Wohnung geschafft hat. „Das Leben des Vernon Subutex“ ist eine rasante Fahrt ins Abseits – und sorgt in Frankreich derzeit für große Furore.

Aus dem Nichts kommt diese Aufregung nicht: Virginie Despentes gilt in Frankreich als weibliches Pendant zu Michel Houellebecq. Die 48-jährige Autorin war mal Punkrockerin, mal Model, mal Prostituierte, und sorgte mit der Verfilmung ihres Romans „Baise-moi“ (2000) auch in Deutschland wegen einer expliziten Vergewaltigungsszene für einen vieldiskutierten Skandal. Despentes hat sich einen Ruf als linksintellektuelle Erzählerin harter Stoffe erschrieben. Ihre Romane beschäftigen sich stets mit Randexistenzen, deren traurige Leben sich in der Regel um Beschaffungskriminalität, Drogen und Sex drehen.

So nun auch der Roman „Das Leben des Vernon Subutex“, der den Auftakt einer Trilogie bildet. In den französischen Feuilletons wird die Erzählung als großer Wurf gefeiert, gar mit Balzacs Jahrhundertprojekt „Die menschliche Komödie“ verglichen. Und auch hierzulande hyperventilieren Literaturkritiker, fällt die Sprache auf diesen 400-Seiten-Roman. Doch zu Recht?

Ein Bett für die Nacht

Die Handlung ist rasch erzählt: Vernon Subutex ist ein abgerissener Punkrock-Fan, der in Paris früher den Plattenladen „Revolver“ leitete. Doch weil ihm kostenlose Streamingplattformen im Internet die Stammkundschaft abluchsten, muss Subutex die Türen seiner Einkommensquelle schließen. Ende. Aus. Er hat kein Geld mehr, steht auf der Straße, ist obdachlos. Sein einstiger Mäzen, der erfolgreiche Poprocksänger Alex, stirbt unerwartet. Und so hangelt sich Subutex durch seinen Facebook-Freundeskreis, um ein Bett für die Nacht zu ergattern. Mal pennt er auf dem Sofa eines Drehbuchschreibers, mal quartiert er sich bei einer Pornodarstellerin ein. Er trifft Junkies, die in den Luxusbuden ihrer Eltern hausen. Und einen linken Professor mit Migrationshintergrund.

Subutex schleust sich während des Romans bei rund einem Dutzend ehemaliger Freunde ein. Viele hat er jahrelang nicht gesehen. Weil ihn sein Schicksal mit Scham erfüllt, gibt er vor, in Kanada zu leben und bloß für ein paar Tage auf Heimaturlaub zu sein. Kaum einer der Freunde nimmt ihm jedoch diese Geschichte ab. Um ein bisschen Kohle zu verdienen, versucht Subutex verschüttet geglaubte Aufnahmen des Sängers Alex zu verhökern. Es wird immer schlimmer, immer trauriger.

Schonungslose Sprache

Die Tragödie von Subutex ist zu simpel, als dass sie über einen gesamten Roman tragen würde, und so funktioniert seine Odyssee in der Hauptsache als Türöffner in die kaputten Leben seiner Freunde. Harte Einzelschicksale werden hier vorgestellt, wie etwa die einstige Heroinabhängige Silvie, die ihre Verwahrlosung vorm Spiegel bewundert. Oder Déborah, die jetzt Daniel heißt, als Pornostar arbeitet und heimlich in die beste Freundin verliebt ist. Es gibt den vermögenden Drehbuchschreiber Xaver, der die Menschheit hasst und ultrarechtes Gedankengut postuliert.

Der Leser lernt hier Menschen kennen, die gezeichnet sind von der Angst vor dem sozialen Abstieg, die hoffnungslos in einer Niedergangsspirale gefangen sind. Die Sprache ist hart, schonungslos, die Porträts der Verlierer gehen unter die Haut.

In atemberaubender Geschwindigkeit werden in dieser Rollenprosa Identitätskrisen abgehandelt, Konflikte heraufbeschworen und gelöst, Lügengebäude zum Einsturz gebracht. Subutex, der einst vermeintlich spießige Lebensträume wie Haus, Kinder, Garten zynisch verurteilte, wünscht sich bald nichts mehr als ein bisschen Beständigkeit und Sicherheit. Aus den jugendlichen Utopien sind zerbrochene Träume geworden.

„Das Leben des Vernon Subutex“ gilt bereits als Gesellschaftsroman unserer Tage: ein Abgesang auf den Kapitalismus, auf das Internet, auf die Unterhaltungsindustrie. Virginie Despentes beschreibt eine gesellschaftliche Depression. Der Roman ist wie ein harter Schlag, der den Leser auf die Bretter zwingt.

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