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Ausstellung: Volker Kriegel als Zeichner und Erzähler in Frankfurts Caricatura

Der begnadete Gitarrist war nicht nur ein Pionier des Jazzrock, sondern auch ein furioses Multitalent, wie die Schau an rund 420 Werken zeigt.
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Regieren tut er ja ganz ordentlich, aber er hat kein Gefühl für den Rhythmus. Und wenn man den Rock ’n’ Roll über alles liebt, droht halt irgendwann die Blamage, sogar als König. Als der beim Konzert im Burghof zur Gitarre greift und wieder die kurze Pause bei „I Can’t Get No Satisfaction“ vermasselt, ist die Katastrophe da. Der König geht auf Wanderschaft, kehrt aber, als er den Rhythmus im Blut hat, wieder zurück und ruft die Republik aus. Eine wunderschöne Geschichte, die Volker Kriegel 1982 leise und lakonisch erzählt, spitz gezeichnet und in satten Farbtönen koloriert hat.

Eine melancholische Geschichte, die fast auf Kriegel zutreffen könnte. Freilich galt der bis zu seinem frühen Tod 2003 als Deutschlands Jazzgitarrist Nummer 1, der den Jazzrock bei uns populär machte. Kriegel tat sich auch als Schriftsteller und Cartoonist hervor, verlegte sich dann wegen einer Erkrankung mehr aufs Zeichnen. „Männchen malen und Jazz spielen“, so war seine Maxime. Ein Multitalent also, das jetzt im Frankfurter Caricatura-Museum zum 75. Geburtstag und zum 15. Todestag bis zum 20. Januar nächsten Jahres gewürdigt wird.

Eine üppige Werkschau

Leider blieb der Nachlass des in Darmstadt geborenen, später in Frankfurt und zuletzt in Wiesbaden lebenden Künstlers nicht in der Region, sondern ging ans Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Doch die Witwe Ev Kriegel besitzt noch genug Blätter, um knapp die Hälfte der 420 Werke für die Schau beizusteuern, der andere Teil kommt aus Hannover. Volker Kriegel war ungemein fleißig. Das Zeichnen bot ihm Ruhe: „Diesen Ausgleich zwischen der stillen einsamen Tätigkeit und dem lauten Musizieren vor vielen Leuten habe ich immer als angenehm empfunden, als Ergänzung. Deshalb war es schön, nach einer Tournee nach Hause zu kommen und mit der Zeichnerei den inneren Frieden zu finden.“

Der Autor im Selbstporträt: Er war ebenfalls ein praktizierender Musiker. Oben: Volker Kriegels „Karneval der Tiere“.  Abb.: Museum Bild-Zoom
Der Autor im Selbstporträt: Er war ebenfalls ein praktizierender Musiker. Oben: Volker Kriegels „Karneval der Tiere“. Abb.: Museum

Doch Kriegel illustrierte neben eigenen Geschichten auch Klassiker wie Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ oder Werke von Kollegen wie „Erna, der Baum nadelt“ des Trios Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Pit Knorr. Beide Bücher sind jetzt ausführlich zu begutachten. Aber im Zentrum stehen die zahllosen Cartoons über den Alltag, den Fußball, Essen und Trinken, Kunst, Philosophie und natürlich über die Musik.

Nicht zu vergessen „Kriegels kleine Hunde-Kunde“ von 1986, mit der er bei Tierfreunden aneckte. Dabei ist doch klar, dass Hunde unpraktisch sind. Während das Liebespärchen am Strand schwer atmend mit sich beschäftigt ist, buddelt der Hund im Sand und stört mit seiner staubigen Arbeit erheblich. Ein Cartoon sollte eben ein ästhetisches Vergnügen sein – gepaart mit einem Funken Schadenfreude.

Zeichnen konnte er. Mit klaren Tuschestrichen umriss er seine Figuren und Formen, die dadurch sehr prägnant wirken und zuletzt mit zarten Aquarellfarben gefüllt wurden. Da bleibt neben dem Lachen noch viel fürs Auge. Ganz ohne Farbe kommt aber das Blatt von 2001 aus, das einen Mann im Doppelbett zeigt. Zwar liegt niemand im zweiten Bett, aber darauf postiert ist ein Tablett mit einer Flasche Wein und einem Glas. Offenbar will der Mann seine Einsamkeit ertränken. Kriegel hat dazu den passenden Spruch parat, frei nach Kurt Tucholsky: „Schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann.“ Kommentar überflüssig, oder?

Ball im Netz?

Volker Kriegel kennt auch das absolute „Bayernglück“. Das besteht nicht etwa darin, vor einer Maß Bier zu sitzen, sondern oben auf dem Krug als Zwerg. Dann wirkt der Alkohol noch besser. Auch die Fußballer bekommen ihr Fett weg in der entlarvenden Serie „Körpersprache und Fußball“. Wenn der Stürmer mal wieder auf die Knie sinkt und dramatisch die Augen gen Himmel erhebt, weiß auch der katholische Fußball-Novize, dass der Ball nicht im Netz gelandet ist. Natürlich hat Kriegel seine Musikerkollegen porträtiert, etwa Albert Mangelsdorff mit Posaune oder Wolfgang Dauner am Klavier.

Der Jazzverächter Adorno musste auch dran glauben, zumal Kriegel bei ihm Soziologie und Philosophie bis zum Vordiplom studierte, sich dann aber für die Musik entschied und in seiner Freizeit weiterhin zeichnete. So nahm er in den 90er Jahren auf Konzertreisen eine schmale, aber mehr als sechs Meter lange Papierrolle mit. Immer wenn er Muße hatte, bekritzelte er sie mit Figuren. Jetzt fand sich ein Verlag, der das Werk pünktlich zur Eröffnung der Schau veröffentlicht.

Caricatura

Museum für Komische Kunst, Frankfurt, Weckmarkt 17. Eröffnung am heutigen Mittwoch um 18 Uhr. Dann bis 20. Januar 2019, Di bis So 11-18 Uhr, Mi 11-21 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (069) 212 301 61. Internet: www.caricatura-museum.de

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