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Der Schöffling-Verlag feierte in diesem Jahr viele Erfolge: Von Badewannen und salzigen Suppen

Von Die einflussreiche Branchenzeitschrift „Buchmarkt“ hat die Arbeit des Frankfurter Verlegers Klaus Schöffling jetzt mit ihrem seit 1994 vergebenen Preis gewürdigt.
Zausel, Kauz und Sonderling? Aber nein: Ziemlich zielstrebig ist Klaus Schöffling, auch wenn man ihm das auf den ersten Blick nicht ansieht. Foto: (FNP) Zausel, Kauz und Sonderling? Aber nein: Ziemlich zielstrebig ist Klaus Schöffling, auch wenn man ihm das auf den ersten Blick nicht ansieht.

Klaus Schöffling fällt auf in jeder Menschenmenge. Das liegt an seinem langen weißen Bart, der ihm wild aus seinem Gesicht wächst und fast bis auf den Bauch herabzauselt. Aus „Faulheit“ habe er sich ihn wachsen lassen, des leidigen Rasierens müde, hat er einmal erzählt. Sehr faul allerdings kann der 1954 geborene Klaus Schöffling nicht sein. Denn gemeinsam mit seiner Frau Ida betreibt er seit nunmehr 22 Jahren den Schöffling-Verlag: Mit mittlerweile zehn Mitarbeitern entstehen Jahr für Jahr um die 30 Bücher. Dazu gesellen sich die berühmten Katzenkalender, die erheblich zur wirtschaftlichen Solidität beitragen und so manches literarische Wagnis erst ermöglichen. Mirko Bonné, Paulus Böhmer, Franziska Gerstenberg, Markus Orths, Silke Scheuermann und Burkhard Spinnen: Sie alle und viele Autoren mehr gehören zu seinen Entdeckungen, und das alles macht Arbeit. Viel Arbeit, denn ein Buch will nicht nur gelesen, lektoriert und verkauft sein, nein: Jedes Buch braucht eine ganz besondere Gestaltung, die es unverwechselbar macht. Und, nicht zu vergessen: jeder Autor seine ganz individuelle Art der Betreuung.

Zu all dem will der Begriff Faulheit nicht recht passen, und mehr als das ist es wohl der Begriff Zielstrebigkeit, der den Verleger auszeichnet – auch wenn man ihm das durchs Gesichtsgewuschel hindurch nicht gleich ansieht.

Nach dem Abitur, für das er zwei Anläufe brauchte (Frechheit, nicht Faulheit), zog es den Sohn einer Arztfamilie zu den Büchern, und zwar ohne Umwege zur allerersten Adresse: Suhrkamp. Gar nicht auf den Kopf gefallen, las der junge Klaus zur Vorbereitung ein paar Hesse-Bände, des Verlegers Siegfried Unselds Lieblingsautor. Es lohnte sich: Der Chef stellte den Lehrling persönlich ein, einen gab es damals pro Jahr.

Von ihm, erinnert sich Schöffling, lernte er alles: wie man ein Buch macht, wie man mit Autoren umgeht, wie man einen Verlag führt. 1987 ging er eigene Wege, gründete die Frankfurter Verlagsanstalt neu. Doch bald gab es Differenzen mit dem Financier. Die Schöfflings hörten auf – und starteten mit Hilfe von Eva Demski ihr eigenes Bücherhaus. Die Autoren zogen mit. Seitdem residiert der Verlag in einer fantastischen Altbauetage im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Mehr als tausend Manuskripte werden dem Verlag Jahr für Jahr zugeschickt, und obwohl alle angeschaut werden, bringt es kaum eines zum Buch. Hier kommt Klaus Schöfflings „Suppentheorie“ zum Einsatz, die besagt: „Sie wissen nach dem dritten Löffel, ob die Suppe versalzen ist, so ist das bei einem Roman auch. Es gibt keinen Roman, der ab Seite 50 noch Weltliteratur wird.“ Punkt, Aus, Ende. Wenn man Klaus Schöffling reden hört, uneitel, burschikos und fast ein bisschen schnodderig, könnte man auf die Idee kommen, so schwer sei das mit dem Verlegersein eigentlich gar nicht.

Nicht klagen, sondern wagen

Welch immenses Risiko es aber für einen kleinen Verlag bedeutet, einen Wälzer wie „Frohburg“ von Guntram Vesper zu verlegen, ist kaum zu ermessen: Schöffling tat es in diesem Jahr, kürzte das 1400-Seiten-Manuskript auf immer noch wahnsinnige 1000 Seiten – es gewann den Belletristik-Preis auf der Leipziger Buchmesse. Als dann noch Brigitte Döbert den Übersetzer-Preis erhielt für Schöfflings zweites Wahnsinns-Projekt des Frühjahrs, die Übertragung von Bora Cosics „Die Tutoren“ aus dem Serbischen (nur 792 Seiten), war das Glück perfekt. Der Frankfurter Binding-Kulturpreis, mit 50 000 Euro nicht schlecht dotiert, kam hinzu. Der „Verleger des Jahres“ ist die vorerst jüngste Auszeichnung von bislang 13 (!) Preisen, die den Verlag und seine Autoren in diesem Jahr beglückten.

Bei aller Freude darf man nie vergessen: Vor dem Glück ist das Wagnis. Aber auch da hat Klaus Schöffling seine ganz eigenen Erfahrungen: „Besser, man kalkuliert’s nicht vorher – das macht nur schlechte Laune.“ Im Zweifelsfall bremse ihn seine Frau Ida. Sie sei die realistischere von ihnen beiden, sagte er jüngst: „Wenn ich mit zu vielen Gedichtbänden ankomme, ist sie es, die sagt: Mach’ mal halblang.“ Die Ehe- und Arbeitsgemeinschaft funktioniert noch immer tadellos.

Schöfflings Erfindung ist übrigens auch „Frankfurt liest ein Buch“, jenes jährliche Veranstaltungskonzert mit dutzenden von Ereignissen rund um ein Buch. In der Badewanne war ihm diese Idee gekommen, als er überlegte, wie er es hinbekommen könnte, Valentin Sengers Klassiker „Kaiserhofstraße 12“ von 1978 neu aufzulegen. Die Aktion wurde ein Riesenerfolg – und ist es seitdem jedes Jahr neu.

Fragt man im Verlag, wie’s denn nun weitergehen soll, kommt sofort das nächste große Wahnsinnsding. Miljenko Jergovic heißt der Autor, eine Familiengeschichte aus dem Balkan, weit mehr als 1000 Seiten – man muss sich ja steigern. Und von dem jungen Amerikaner Joshua Cohen, der jüngst mit seinen klarsichtigen Analysen zum amerikanischen Stand der Lage auf sich aufmerksam machte, wird’s auch Neues geben.

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