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Staatstheater Mainz: Von Mystik mit Dinkelbrei bekommt man Kopfschmerzen

"Ich schlief mit Gott" heißt das Drama von Katja Brunner, das am Mainzer Schauspiel alle möglichen Einfälle zu Hildegard von Bingen zusammenmanscht.
Auf der Suche nach der Heiligen Hildegard (von links): Monika Dortschy, Gesa Geue, Anna Steffens, Daniel Friedl und Denis Larisch in Marco Stormans Inszenierung von „Ich schlief mit Gott“. Auf der Suche nach der Heiligen Hildegard (von links): Monika Dortschy, Gesa Geue, Anna Steffens, Daniel Friedl und Denis Larisch in Marco Stormans Inszenierung von „Ich schlief mit Gott“.

Einfach mal runterschreiben, was einem zum Mittelalter-Multitalent Hildegard von Bingen durch die Rübe rauscht? Dieser Verführung konnte die junge Zürcher Nachwuchsschreiberin Katja Brunner offenbar nicht widerstehen. Das klug daherplaudernde Ergebnis überfällt die Zuschauer mit der Pein narzisstischer Ödnis. Ganze 70 Minuten losgelöste Assoziationsfluten ziehen ungesühnt vorbei, ohne dass auch nur die leiseste Ahnung von irgendeiner Beziehung der Autorin zur mystischen Äbtissin zu spüren ist, die vor knapp tausend Jahren zwei Klöster gründete und eine der mächtigsten Universalgelehrten des Mittelalters war. Nach baldigem geistigem Abschalten verfolgt man eine zunehmend schrille Schau, die ebenso gut vom Mars, von Micky Maus oder den Göttern des Olymp handeln könnte.

Verweigerung von Sinn

Hat diese Verweigerung von Sinn einen Sinn? Keine Ahnung. Es türmt sich eine rasante, überraschende Formulierung auf die nächste. Immerhin zeigt die 26-jährige Trägerin des Mülheimer Dramatikerpreises 2013 („Von den Beinen zu kurz“), dass sie in der Lage wäre, mit Sprachgebäuden starke Gegenwelten, wüste Utopien und riesige Abrisskräne zu errichten. Warum tut sie es dann nicht?

Anfangs steigt die beeindruckende Schauspielerin Monika Dortschy auf die Bühne im U17 und zieht den dünnen Vorhang herunter, auf dem ein riesiges Kreuz prangt. Jetzt fällt der Blick auf den wässrig schimmernden Spiegelboden Paula Wellmanns, der, von bunten Plastikpflanzen gesäumt, an eine klare Seenlandschaft erinnert. Als Dortschy mit klugem Blick, ironischem Faltengesicht und markanter Stimme ihren Monolog von der vorenthaltenen Krone beginnt, glaubt man noch an einen starken Theaterabend. Dann aber teilen sich „fünf gegenwärtig Sinnsuchende“ in weißen Flattergewändern das weitere Material auf. Mal chorisch sprechend, mal einzeln deklamierend, mal singend, mal Brei mampfend. In dem chaotischen Sprachkonzert, bilderreich inszeniert von Marco Štorman, tauchen singulär treibende Bedeutungsbrocken auf und wieder ab: Man erfährt von Hildegards „starker Migräne“, vom „Reiz des Hungerns“, einem „Walzer zu Ehren der Grünkraft“, von den Schicksalen sprechender Emojis und von Pizzahüten.

Nachdem von „schwängernden Alraunen“, vietnamesischen Nagelstudios und dem Märchen von der seit Jahrzehnten schwangeren Hexe die Rede war, schließt das Werk profan: „Fehlende Nagelbette können mit Wachs aufgegossen werden . . . “ Dazu müssen Anna Steffens, Daniel Friedl, Denis Larisch und der für die erkrankte Gesa Geue eingesprungene Regieassistent Mark Reisig in einem aufblasbaren Riesenkaninchen Orgasmus spielen, sich Efeukronen an- und aufsetzen, ekstatisch Augen rollen und ihre Panik vor Paketen beglaubigen.

Applaus trotz allem

Ein Zugang erschließt sich nie und nirgends, ein Minimum an Spannung wäre schön. Zum Schluss gibt es viel Applaus für alle an der Produktion Mitwirkenden und Riesenjubel für die angereiste Autorin. Dann ist das kurze, lange Theaterexperiment vorbei, endlich.

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