E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 27°C

Von Prag bis Aserbeidschan

Von Was hat die süße Moorleiche Svantje mit 800 Jahre alter Literatur aus Persien zu tun? Am ersten Abend „Literatur im Römer“ kam beides zur Sprache.
Rainer Stach durfte mit Moderatorin Sigrid Löffler seine in der Tat erzählstarke Kafke-Biografie „Die frühen Jahre“ vorstellen.	Foto: Rainer Rüffer Rainer Stach durfte mit Moderatorin Sigrid Löffler seine in der Tat erzählstarke Kafke-Biografie „Die frühen Jahre“ vorstellen. Foto: Rainer Rüffer

Es war wie immer, es war wie nie. Was störte: die Akustik im Saal war breiig, und das Format von je fünfzehn Minuten für sechs Autoren und zwei Autorinnen erlaubte die Bücher und Verfasser kaum anzutippsen. Tiefe Gespräche? No chance. Andererseits war der Tisch reich gedeckt, da nährten die Brosamen immer noch ihren Mann. Auf ihm lagen, und wurden in dieser Reihenfolge vorgestellt, die neuesten Werke von Sabrina Janesch („Tango für einen Hund“), Buchpreisträger Lutz Seiler („Kruso“), Bodo Kirchhoff („Verlangen und Melancholie“), Robert Seethaler („Ein ganzes Leben“), Sherko Fatah („Der letzte Ort“), Reiner Stach („Kafka: Die frühen Jahre“), Arthur Becker („Sieben Tage mit Lidia“) und Olga Grjasnowa („Die juristische Unschärfe einer Ehe“). Sigrid Löffler und Gerwig Epkes stellten Fragen.

Beiträge fürs Sprüchesäckl lieferte neben Kirchhoff („Ich wusste ja nie, worauf dieses Buch hinausläuft. Das weiß ich nie bei einem Buch“) vor allem der nach Berlin verschlagene Österreicher Seethaler. Sein Roman, eher eine unaufgeregte Novelle, erzählt vom harten Leben eines schicksalsergebenen Mannes im Alpental, auch vom Aufkommen der Moderne, und zwar in einer Stille, die berührt. „Diese schreckliche schöne Stille trage ich immer noch in meinem Herzen“, führte Seethaler in seiner Sportjacke aus. „Zwischen den Worten steht das Leben“, orakelte er und erzwang so fast die erstaunte Frage ans Orakel, wie seine Bücher zu Bestsellern werden können? Aber ach: „Ich hab’ keine Ahnung“. Was ihm einen Lacher eintrug.

 

Tango in der Pampa

 

Sabrina Janesch, in Froschgrün, lässt in „Tango für einen Hund“ im Roadmovie-Stil durch die Pampa reisen (die Lüneburger Heide). Noch eine Walachei?, wollte man rufen und dachte an Herrndorfers „Tschick“. Immerhin versteht sich Janesch aufs Verdichten („gnadenlos reduzieren“ nannte sie es), und mit der sexuell attraktiven Moorleiche Svantje schenkt sie der Coming-of-age-Sparte zumindest neuen Zierrat. Lutz Seiler hatte nach ihr einen glücklicheren Auftritt als zuvor auf dem Blauen Sofa. Löffler teilte er mit, sein Weg vom Lyriker zum Romancier sei keiner „vom Sprinter zum Marathonläufer“, sondern zu einer „ganz anderen Art, in der Welt zu sein“: statt lyrischer Abwesenheit erheische der Roman „konzentrierte Anwesenheit“, auch um „vier Jahre auf der Baustelle“ durchzuhalten. Nein, um deutsche Jünglinge gehe es ihm nicht. Eher hätten ihn US-Vorbilder wie Fitzgeralds „Gatsby“ angeregt.

 

Kafka, das zarte Kind

 

Sherko Fatah stellte seine Geschichte zweier entführter Männer im Irak vor (siehe unser Interview oben). Ganz anders Kafka-Biograf Stach, dem es (mit Löffler) gelang, einige seiner Eindrücke vom jungen Kafka als Virus weiterzugeben: der nach Kaiser Franz benannte Kafka als „zartes, aber gesundes Kind“, Kafka der Kneipen- und Kinogänger, der Freunden Filmszenen vorspielte und Filmmethoden literarisch aufgriff, Kafka der Neugierige, der Mann in der Defensive, der „so produktiv“ werden konnte. Wie von Shakespeare, werde jede Generation ihr eigenes Kafka-Bild haben.

Ob Artur Becker bei seiner Lidia an Benedetto Croces Tochter Lidia dachte, die mit dem Exilpolen Gustaw Herling-Grudzinski in Italien lebte? Harsche politische Verhältnsse wären die Verbindung. Becker las „in memoriam Siegfried Lenz“ aus seinem Venedig-Roman. Leider blieb keine Zeit, seine „Zauberberg“-Parallele zu prüfen. Ähnliche Lage bei Olga Grjasnowa: Als sie die mittelalterlichen Quellen ihres Buches über Aserbaidschans Jeunesse Dorée nannte, hätte man den Hinweis gern verfolgt gesehen. Da war die Zeit aber schon wieder um.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen