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Soziologin im Interview zur Selbstoptimierung: Von der Qual, immer besser zu werden

„Das optimierte Selbst“ heißt der Vortrag der Soziologin, in dem sie in der Frankfurter Zentralbibliothek ein Dilemma der modernen Gesellschaft skizziert.
Gerade aus Amerika zurückgekehrt, sitzt Greta Wagner jetzt wieder bis in die Nacht an ihrem Schreibtisch an der Goethe-Universität. Heute hält sie einen Vortrag. Foto: Holger Menzel Gerade aus Amerika zurückgekehrt, sitzt Greta Wagner jetzt wieder bis in die Nacht an ihrem Schreibtisch an der Goethe-Universität. Heute hält sie einen Vortrag.
Frankfurt. 

Greta Wagner ist Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Frankfurter Goethe-Universität. Gemeinsam mit Sighard Neckel hat sie den Band „Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft“ in der Edition Suhrkamp herausgegeben. Im Februar erscheint ein Buch über Selbstoptimierung und Neuro-Enhancement im Campus-Verlag. Die Wissenschaftlerin ist mit ihrem Partner soeben von einem Forschungsaufenthalt in den USA zurückgekehrt. Die Betreuung ihres einjährigen Sohnes teilt sie sich mit ihm. Mails beantwortet sie spätabends – die Zeit, in der sie zum Arbeiten kommt. Insofern erfährt sie, was sie beruflich umtreibt, täglich am eigenen Leib: den Wunsch nach beruflicher Verwirklichung und den Druck zur Selbstoptimierung, die das schafft. Dierk Wolters sprach mit ihr.

Frau Wagner, war es nicht schon immer so, dass Menschen versucht haben, das Beste aus sich herauszuholen?

GRETA WAGNER: Sicher gab es immer Versuche, etwas besser zu machen. Spezifisch für die Zeit, in der wir leben, ist aber, dass das zu einer Anforderung geworden ist, die die breiten gesellschaftlichen Schichten und alle Lebensbereiche betrifft: Kindererziehung, Beruf, Partnerwahl, das Verhältnis zum eigenen Körper, zur Karriere. Das führt dazu, dass all diese Optimierungsbemühungen sich ständig gegenseitig im Weg stehen, denn man kann nicht gleichzeitig ein optimaler Angestellter, ein optimaler Vater und ein optimaler Fitness-Mensch sein. Das schafft ein grundlegendes Gefühl des Ungenügend-Seins.

Aber wie kommt das überhaupt? Weil man früher nur in einer Rolle unterwegs war und heute in vielen?

WAGNER: Es gibt einen sozialen Wandel, der diesen Handlungsmodus des Besserwerdens verstärkt. Man kann das eine Neoliberalisierung der Sozialordnung nennen. Den Neoliberalismus macht aus, dass er von allen Interaktionsformen immer den Wettbewerb priorisiert. In dem Moment, in dem Wettbewerbe alle Lebensbereiche bestimmen, muss jeder Einzelne versuchen, sich zu verbessern. Ein Beispiel ist die Flut von Fernsehsendungen, die über Wettbewerbe funktionieren: bestes Restaurant, bester Körper, bester Partner . . . Wettbewerbe gelten immer als probates Mittel für Leistungssteigerungen, schaffen aber auch Leid, weil die Menschen sich zerreiben.

Wann hat das begonnen?

WAGNER: Viele neoliberale Reformen wurden in den 90er Jahren durchgeführt. Interessanterweise wurzeln aber auch viele Optimierungsbemühungen in den sozialen Bewegungen der 60er Jahre, zum Beispiel die Vorstellung, sich zu entfalten, mehr Freiheit einzufordern in der Arbeit, Selbst- und Mitbestimmung. In vielen Bereichen, in denen Hierarchien abgebaut wurden, sind neue Anforderungen an die Selbststeuerung entstanden. Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth schreibt, dass die Forderung nach Selbstverwirklichung zu einer Anforderung geworden sei. Die Diagnose ist: Viele Zumutungen, die die Menschen heute überfordern, wurzeln in sozialen Bewegungen, die erst einmal etwas erkämpft haben, deren Errungenschaften aber vermarktlicht werden und umschlagen in neue Zwänge.

Haben Sie ein Beispiel?

WAGNER: Zum Beispiel die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Wenn man selber entscheiden kann, wann man anfängt zu arbeiten, muss man sich permanent selbst motivieren. Deswegen boomen im Internet die Blogs über Prokrastination.

Weil die Leute sich selber antreiben sollen zu dem, was sie tun müssen?

WAGNER: Ja – all die neuen Freiheiten schaffen natürlich Entfaltungsmöglichkeiten, die keiner mehr missen möchte. Aber in dem Moment, in dem sie sich verbinden mit Marktanforderungen, die dauernden Wettbewerbsdruck schaffen, werden sie zu Zumutungen. Etwa wenn Unternehmen ein Quartalsziel festlegen, aber nicht, wie das erreicht werden soll. Dann fangen die Mitarbeiter des Teams an, sich selbst anzuspornen und auszubeuten.

Welche Gefahren drohen dadurch?

WAGNER: Auf der sichtbarsten Ebene, dass die Zahl derer steigt, die psychisch krank werden. Und es schafft neue Formen des sozialen Leidens, die man nicht medizinisch und psychologisch allein lösen kann. Weil es Probleme sind, die in gesellschaftlichen Entwicklungen wurzeln, müsste es eine Debatte darüber geben, wie man sie auch gemeinsam lösen kann.

Und was kann ich nun machen?

WAGNER: Sehen Sie, schon diese Frage ist das Problem. Denn wenn ich antworte: ,Machen Sie mehr Yoga‘, dann versuche ich das zu lösen mit den Mitteln, die das Problem erst geschaffen haben, nämlich der Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen.

Hinzu kommt, dass man der Selbstoptimierung ja auch viel abgewinnen kann. Es ist ja auch toll, was man aus sich herausholen kann, oder?

WAGNER: Tja: Man macht genau das, was man will, aber es führt ständig zu Situationen der Überforderungen. Und auch da zeigt sich wieder der Zusammenhang zu den Errungenschaften der 60er und 70er Jahre: Natürlich will niemand mehr die Erwerbstätigkeit der Frauen rückgängig machen, aber sie hat eine Doppelbelastung hervorgebracht.

Und es gibt keine Möglichkeit, individuell auszusteigen?

WAGNER: Dazu, diese individuellen Probleme kollektiv zu behandeln, kommt es nie: weil nämlich nie jemand Zeit dafür hat. Paradox.

So individuell sind die Probleme aber doch nicht. Sie werden doch dauernd diskutiert in den Medien.

WAGNER: Seit der Burnout-Debatte ist die Aufmerksamkeit tatsächlich gestiegen. Aber wie gehen Firmen damit um? Sie schaffen für ihre Mitarbeiter zum Beispiel einen Yoga-Raum. Dabei wäre, was wirklich zu Entlastung führen würde, viel eher mehr Personal.

Ach herrje! Manche versuchen es mit leistungssteigernden Mitteln. Auch dazu haben Sie geforscht.

WAGNER: Ja, aber weil man solche Medikamente in Deutschland schwer bekommt, ist das weniger verbreitet, als ich angenommen hatte. Interessanterweise auch, weil die meisten hier eher auf klassische Selbstoptimierung setzen: Disziplin, Sport treiben inklusive der digitalen Selbstvermessung, wenig Alkohol trinken. Ein Problem aber ist, dass immer so getan wird, als sei all dies kein Problem. Alles, was nicht pharmakologisch ist, hält man schnell für positiv.

Und was empfehlen Sie: Werft eure Fitnessarmbänder weg und trinkt jeden Abend ein paar Bier!?

WAGNER: Als Soziologin gebe ich Ihnen keine Ratschläge. Ich kann nur sagen: Man muss sich klar machen, dass das Gefühl, immer besser werden zu müssen, kein individuelles Problem ist. Das könnte schon mal entlastend wirken.

 

„Das optimierte Selbst“. Vortrag in der Zentralbibliothek Frankfurt, Hasengasse 4, 11. Januar, 19.30 Uhr

 

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