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Die Verwandlung der Dinge: Von der Schallplatte zum Streaming

Von Wie sind die Großeltern eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab? Diese – nicht erfundene – Enkelfrage zitiert der erfolgreiche Sachbuchautor Bruno Preisendörfer in seinem neuen Buch.
Die gute alte Schallplatte: Nur noch von Liebhabern wird sie gepflegt. Für die meisten Jugendlichen sind die schwarzen Scheiben ein Relikt aus grauer Vorzeit. Wer up to date sein will, der streamt seine Musik über den Computer oder das Smartphone. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) Die gute alte Schallplatte: Nur noch von Liebhabern wird sie gepflegt. Für die meisten Jugendlichen sind die schwarzen Scheiben ein Relikt aus grauer Vorzeit. Wer up to date sein will, der streamt seine Musik über den Computer oder das Smartphone.

Dass früher alles besser war, glaubten schon die alten Römer. Auch heute seufzen vor allem ältere Menschen, wenn sie an vergangene Jahrzehnte denken, an ihre Jugend, wo alles einfacher und übersichtlicher war und das Leben noch in gemächlicherem Tempo verlief. Jedenfalls glauben sie das. Und Glaube versetzt bekanntlich Berge. Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, gehört auch schon zu diesen älteren Semestern. Aber statt Berge zu versetzen, geht er gelegentlich auf den Speicher seiner Berliner Wohnung, seufzt über die Unordnung und findet beim Stöbern Gegenstände, die er längst auf dem Müll wähnte. Einen Kassettenrekorder. Ein Telefon mit Wählscheibe. Eine Schreibmaschine. Bände verstaubter Zeitschriften. Vom ersten Kofferradio, liebevoll „Lissy“ genannt, hat er sich ohnehin nie trennen können. Es tut nach wie vor Dienst in seiner Küche.

Schrecklicher Traum

Über Luther und Goethe hat er schon geschrieben, jetzt geht es Bruno Preisendörfer um die Technik-Entwicklung. Bild-Zoom Foto: Uwe Zucchi (dpa)
Über Luther und Goethe hat er schon geschrieben, jetzt geht es Bruno Preisendörfer um die Technik-Entwicklung.

Preisendörfer, der mit wunderbaren Büchern über die deutsche Sprache zur Zeit Goethes („Als Deutschland noch nicht Deutschland war“, 2015) und Luthers („Als unser Deutsch erfunden wurde“, 2016) große Erfolge gelandet hat, begibt sich diesmal auf eine nur kurze, wie er das nennt, „Zeitreise“. Eben zurück in seine (und unsere) Jugendjahre, über deren technologische Verfahrensweisen jüngere Menschen nur noch schmunzeln können. Dass auch heute nur mit Wasser gekocht wird, wenn auch digital, betrachtet Preisendorfer gleich zu Beginn mit mildem Spott. „Heutzutage unterscheidet sich der Mensch hauptsächlich dadurch vom Affen, dass er mit dem Daumen auf dem Zahlenfeld eines Handys Nummern eingeben und gleichzeitig mit zwei Daumen auf dem Buchstabenfeld eines Smartphone-Displays Botschaften tippen kann. Sogar im Gehen!“

Weiter sinniert der Autor über angeblich lebensnotwendige „kleine Schächtelchen, die wir Fernbedienung nennen“, und erzählt von einem schrecklichen Traum: Die Geräte gehen, wie wir in der schönen neuen 4.0-Welt täglich erleben, nicht mehr an, sondern lassen sich nicht mehr ausschalten. Was dann? Wen hat nicht schon der Horror des autonomen Smart-Homes gepackt: Da hat man einen Alpengipfel erklommen, und das Handy teilt erfreut mit, man könne zu Hause den Kuchen jetzt aus dem Ofen holen. Eines ist Preisendörfer nicht: ein Nostalgiker. Er schreibt das Buch, wie er versichert, „in heiterer Verfassung“. Sein Bedauern hält sich in Grenzen.

Kratzige Schiefertafeln, Kreide und Schwamm brauchen Erstklässler heute nicht mehr (obwohl: Haben sie ihnen geschadet?), Schwarzweiß-Röhrenfernseher, Musiktruhen, Telefonzellen auch nicht. Ebenso wenig Walkmänner, Game-Boys und mp3-Player, die sind auch schon wieder weg. Wie auch das gemeinsame WG-Telefon mit dem kostenpflichtig bei der Post zu mietenden Sechs-Meter-Verlängerungskabel zur Förderung der Diskretion und die Taktik, mit einem Anrufbeantworter umzugehen.

Preisendörfer erinnert an Fernsehansagerinnen und Videotheken. Lauter Dinge, deren Verschwinden wir kaum bemerkt haben. Das ist so nah an der Realität und zugleich fern von ihr wie in Sketchen von Loriot (der nicht im Buch vorkommt).

Die emotionale Distanz zu den Dingen füllt Preisendörfer auf mit liebevoll formulierten Betrachtungen. Über die Mona Lisa etwa, die im Pariser Louvre leicht mürrisch aus dem Rahmen blickt, weil die Leute sie nicht mehr betrachten, sondern als Hintergrund für Selfies benutzen. Dass heute Senioren von ihren Enkeln lernen und nicht mehr die Jungen von den Lebenserfahrungen der Älteren, ist ihm ebenfalls eine Betrachtung wert. Quellen und Bezugspunkte seiner Erinnerungen sind Reklame (sagte man nicht mal: Slogans?) und Gebrauchsanweisungen. Bei allem ist die Welt nicht besser geworden und vielleicht auch nicht schlechter. „Verwandlung der Dinge“ heißt das Buch. Die Dinge sind nicht weg, sondern noch da. Nur eben anders.

Warum schreibt der aus der Nähe von Aschaffenburg stammende Autor ein solches Buch, das ein melancholischer Hauch unerfüllter Liebe umweht? „Eigentlich sollte es eine Art Autobiografie werden, ein Lebenslauf nach Dingen“, sagt er und fragt zurück: „Aber wen interessiert das?“

Keine Besserwisserei

Das Buch interessiert und gefällt uns, weil eben einem Bruno Preisendörfer dieser Absturz des einst Ach-so-Notwendigen in Harmlosigkeit, des Unabdingbaren in Kuriosität auffällt. Er thematisiert diesen Wandel. Ohne jede Moralinsäure und Besserwisserei. Das Leben an sich ist wichtig, man sollte es nicht mit einem virtuellen Start-Up verwechseln. Dem Leser fällt es leicht, Preisendörfers amüsante Zeitreise mit, wie er wünscht, „gedanklichen Updates aus der eigenen Erfahrungswelt zu aktualisieren“. Bis zu den Römern muss man gar nicht zurück, es genügt eine Zeitreise von 1950 bis morgen.

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