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Von echten und falschen Gefühlen

Im Mittagsgespräch am Main erklärt der Regisseur Claus Guth, warum er eigentlich ganz anders ist – aber nur so selten dazu kommt.
Regisseur Claus Guth ist gebürtiger Frankfurter und kommt immer wieder gerne in seine Heimatstadt. Bilder > Regisseur Claus Guth ist gebürtiger Frankfurter und kommt immer wieder gerne in seine Heimatstadt.

Im „Main-Nizza“ auf dem Liegestuhl ausspannen, in die Maisonne blinzeln, sich eine „Grie Soß“ zu Mittag gönnen – für Opernregisseur und Workaholic Claus Guth ist das kurz vor der Premiere von Lehárs „Lustiger Witwe“ am Sonntag schwierig. Besonders prall gefüllt ist sein Arbeitstag heute: Proben, eine Pressekonferenz und dieses Interview. Da versucht er, die knappe Zeit auf der Bierbank zum Durchtanken zu nutzen.

Der schmale, drahtige Frankfurter mit dem analytischen Blick gibt sich nie mit vordergründigen Eindrücken zufrieden. Er gilt als Tiefenpsychologe unter den Regisseuren und hat damit an der Oper Frankfurt Triumphe gefeiert und Preise gewonnen. Für Richard Strauss’ „Daphne“ und Debussys „Pelléas et Mélisande“ erhielt er 2011 und 2013 den „Faust“, und die letzte Arbeit vor drei Jahren, sein dunkel funkelnder „Rosenkavalier“, setzte Maßstäbe.

Kein Zweifel, Claus Guth ist mittlerweile ein berühmter Sohn Frankfurts. „Wenn ich in meine Geburtsstadt zurückkomme, denke ich jedes Mal über ,das Hessische‘ nach“, sagt er, nachdem er sich vom Nebentisch Salz geholt hat, und schwärmt: „Grüne Soße, lecker, das hatte ich jetzt lang nicht, das ist der Hammer.“ Für gewöhnlich hielten die meisten ihn, seinen Inszenierungen zufolge, für einen „düsteren Typen“. Wobei das seine Freunde und Menschen, die ihn näher kennen, gar nicht bestätigen könnten. Guth lässt seinen Blick entspannt über den Fluss schweifen: „Ich fühle mich in Frankfurt immer sofort so wohl, und das klingt jetzt wie ein Klischee: Aber die Hessen haben so etwas Natürliches, Unkompliziertes, Direktes an sich, auch eine gewisse Fröhlichkeit und Leichtigkeit.“ Das gefällt Guth, und er findet, sein Naturell passe dazu bestens. Von wegen düster.

Walzerrauschen

Dass Claus Guth gerade die erfolgreichste Operette der Welt probt, scheint perfekt ins Bild zu passen. Nach 22 Jahren setzt Bernd Loebe Franz Lehárs gewaltiges Walzerrauschen im Dreivierteltakt wieder auf den Spielplan. Guth, der dafür bekannt ist, süßliche Liebesgeschichten auch mal genüsslich auf links zu ziehen, wie gerade in Puccinis „La Bohème“ an der Pariser Oper, erklärt wider Erwarten: „,Die lustige Witwe‘ braucht heute keine Bombe, die man auf sie schmeißt, sondern eine kräftige Liebeserklärung.“ Mit anderen Worten: Die Zeiten des Rechtfertigungsdrucks, warum man ausgerechnet Hitlers Lieblingsstück aufführe, muss heute nicht mehr zu inszenatorischen Krampfanfällen führen. Bereits vor elf Jahren hat Guth sich für sein Operetten-Pasticcio „In mir klingt ein Lied“ am Münchner Gärtnerplatztheater durch die Archive mit dem Schriftwechsel Adolf Hitlers gewühlt. Denn der ging, wenn er die „Lustige Witwe“ sehen wollte, ins Theater am Gärtnerplatz.

Heute interessieren Guth andere Schwerpunkte. „Es geht um die Themen einer starken Frau im Zentrum und darum, wie man an seinem Lebensentwurf zerbrechen kann.“ Die große Marlis Petersen wird Hanna Glawari verkörpern. Guth kennt die Sängerin auch privat gut. „Ich weiß, was das für eine beeindruckende Persönlichkeit ist. Sie fällt auch in ihrem Leben immer wieder radikale Entscheidungen.“ Von Anfang an war Petersen seine Idealbesetzung für die Partie. Allein die Vorstellung, dass sie die Hanna singe, habe ihn zutiefst inspiriert, gibt er zu. Außerdem: Dass sie als weibliche Hauptfigur auch diejenige sei, die inszeniere und den Fortgang der Handlung vorantreibe, sei sehr ungewöhnlich für das Genre in dieser Zeit.

Geschichte mit Tiefe

Wenn Guth von der Liebe zwischen Danilo und Hanna spricht, hält er mehrfach inne: Das sei eine anrührende Geschichte mit Tiefe. Jeder kenne Elemente davon aus seinem eigenen Leben. „Zwei Menschen haben an einem gewissen Punkt ihre Weichen voneinander weggestellt, und dann gibt es eine Wiederbegegnung. Der Kopf sagt das eine, das Herz sagt das Gegenteil.“

Da die Operettengeschichte der „Lustigen Witwe“ für Guth stark „mit dem Thema Hollywood“ verbunden ist und „mit der Entstehung des Genres“, hat sein Bühnenbildner Christian Schmidt sich von den Rosenhügel-Filmstudios in Wien inspirieren lassen. Die kennt Guth aus seiner Zeit, als er im „Theater an der Wien“ inszenierte, denn sie sind die offiziellen Probenbühnen des Hauses. Schnell nennt er berühmte Namen wie Erich von Stroheim oder Ernst Lubitsch und lächelt hintergründig: „Klar, da weht einem natürlich auch die historische Situation mit um die Nase.“ Wieso? In seiner Interpretation gebe es einerseits die aufgedrehte, oberflächliche Ebene, die er mit der Idee eines Filmdrehs koppele. Und dieser Dreh habe die Zeit der 30er Jahre zum Thema. „Dadurch habe ich die Möglichkeit, permanent zu wechseln zwischen falschen Gefühlen und den wahren Empfindungen der Liebenden, die zum Vorschein kommen, sobald die Scheinwerfer aus sind.“

Wird es bei Guth ein Happy End geben, wie von Lehár vorgesehen? Alles will er nicht verraten: „Ich lasse das Bühnenpaar zusammenkommen, während das Privatpaar merkt, dass Wunden geschlagen wurden in der Vergangenheit, die einen so hohen Verletzungsgrad haben, dass sie wahrscheinlich nicht mehr heilen können.“ Aber keine Sorge, es werde auch viel getanzt, und er habe die spritzigen Dialogszenen völlig neu montiert. Am meisten Spaß hatte Guth bei den Stellen, „die komplett im Absurden landen“. Der Zuschauer werde sich fragen: Was ist echt, was ist falsch, was ist Film, was ist privat? „Am Ende möchte ich es so weit treiben, dass ein ununterscheidbares Chaos entsteht.“ Dann sagt er etwas, was mit seinem Namen als Markenzeichen untrennbar verbunden ist: „Ich spüre in dem Werk auch eine melancholische Spur, ein Auseinandersetzen mit Vergänglichkeit.“ Irgendwie beruhigend, dass Guth trotz aller verständlichen Witwenumarmungen auch Dinge sagt, an denen man seine Regiehandschrift klar erkennen kann. Dann steigt er aufs Rad und braust los.

Oper Frankfurt

Willy-Brandt-Platz. Premiere 13. Mai, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen bis
25. Juni. Karten von 15 bis 165 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94.
Internet www.oper-frankfurt.de

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