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Festival: Von mittelalterlichen Großkatzen und dem Tod der Mutter

Von Das Rheingau-Literaturfestival „WeinLese 2018“ lädt zu Lesungen und Gesprächen auf Weingüter und zu romantischen Wanderungen.
Friedrich Ani liest aus seinem Roman „Die Ermordung des Glücks“. Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) Friedrich Ani liest aus seinem Roman „Die Ermordung des Glücks“.

Das Lese- und Gesprächs-Festival (13. bis 23. September) bespielt wie stets diverse Orte im Rheingau und deckt dabei eine Fülle von Themen ab. Der Tenor der „WeinLese 2018“ lautet auf Geschichte – und Geschichten. Eingeplant war übrigens auch Frankfurts Ex-Kulturdezernent Hilmar Hoffmann („Generation Hitlerjugend“), doch entriss ihm der Tod am 1. Juni zwar nicht mehr die Feder, wohl aber das Einladungsticket.

Durchaus historisch geht es in den neuen Werken von Andreas Platthaus (am 15.), Ulrich Wickert (19.) und Alfred Grosser zu (22.). Platthaus’ Buch „Der Krieg nach dem Krieg“ zollt der 100-Jahres-Jubiläumsorgie zum Ersten Weltkrieg Tribut. Der „F.A.Z“-Literaturchef denkt dessen Daten 1914–18 weiter, indem er den Friedensvertrag von Versailles als Zündfunken eines verlängerten Weltkriegs 1914–45 deutet, der eine „schreckliche Moderne“ beförderte. Wickert blickt fast bescheiden auf seine 75 Lebensjahre zurück und legt mit „Nie die Lust aus den Augen verlieren“ eine Art Best-of früherer Einsichten und Schriften vor.

Kosmopolitisch

Der leidenschaftliche Europäer Grosser spießt in „Le Mensch: Die Ethik der Identitäten“ mit philosophischem Timbre die Frage auf, was der Mensch als Individuum, Amtsträger, Gruppenwesen, Religionsanhänger und Teil einer Nation sei und warum man sich hüten sollte, „die da“ für naturgemäß schlimmer als seinesgleichen zu halten. Wir alle seien, wir alle sind auch einfach: Menschen.

Kosmopolitisch verfährt ebenfalls Tilman Spreckelsen, der zum dritten Male einen Buchmesse-Ehrengast, nämlich Georgien, mit einer modernen Nacherzählung und illustrierten Version seines Nationalepos beehrt. Wer wissen will, wie Spreckelsen aus Georgiens „Recke im Tigerfell“ den eigenen „Held im Pardelfell“ macht (Georgiens Mittelalter beherbergte Großkatzen in Fülle, da wird ein Tiger schon mal zum Leoparden), komme am 14. September aufs Weingut Hamm in Oestrich-Winkel.

Anna K. Hahn stellt „Das Kleid meiner Mutter“ vor. Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Anna K. Hahn stellt „Das Kleid meiner Mutter“ vor.

Weiter zur jüngsten schönen Literatur. Auch da spielt vielfach die Geschichte herein. In „Ein schönes Paar“ von Gert Loschütz (20.) offenbart ein Dachbodenfund dem Fotografen Philipp, wie sehr das Liebesglück seiner Eltern vom Faktum DDR kompliziert wurde: Liebe vor dem Panorama der deutschen Teilung. Robert Seethaler, der für den Roman „Das Feld“ in einer Matinee auf Burg Schwarzenstein in Geisenheim-Johannisberg den Rheingau-Literaturpreis erhält (23.), bringt die Toten eines fiktiven Provinzfriedhofs zum Sprechen über ein Jahrhundert Geschichte. Der Jury gefiel am vielstimmigen Ortsporträt des Österreichers, wie es die Tradition der Totengespräche aufgreift und kontrapunktisch Seethalers „Ein ganzes Leben“ fortführt. Es lebe der Zentralfriedhof!

Sprache der Justiz

Von südlich des Rheins stößt die Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn mit „Das Kleid meiner Mutter“ hinzu (16.). Ihre Madrider Heldin Anita entkommt dem Los ihrer „verlorenen Generation“, indem sie sich die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, die sie tot auffindet, zunutze macht und in deren Leben schlüpft. Friedrich Anis „Die Ermordung des Glücks“ vertritt das Krimi-Genre (13.). Petra Morsbach spürt im Roman „Justizpalast“ (21.) dem Denken und der Sprache des Justizwesens nach.

Veranstaltungsorte sind Burgen, Weingüter, Schlösser, Weingüter, Kelterhallen und Treffpunkte in Oestrich und Oestrich-Winkel, Eltville, Geisen-, Hatten- und Rüdesheim und Johannisberg. Es moderieren Heiner Boehncke, Martin Maria Schwarz, Ruth Fühner, Andreas Platthaus, Manfred Osten. Die Literatur- und Wein-Wanderungen mit Festival-Leiter Boehncke gehen wetterunabhängig über bis neun Kilometer und sechs Stunden.

Sie führen zu Rieslingschlössern von Hattenheim bis Johannisberg (15. September, 10.30 Uhr) beziehungsweise zu „Amors Garten“: dem Osteinischen Landschaftspark (22., 9.45 Uhr).

WeinLese 2018

13. bis 23. September im Rheingau. Karten (18–50 Euro) und Infos unter Telefon (0 67 23) 60 21 70. Internet www.rheingau-literatur-festival.de

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