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Musikgeschichte: Vor 90 Jahren wurde die „Dreigroschenoper“ in Berlin uraufgeführt

Brechts „Dreigroschenoper“ war der größte Theatererfolg der Weimarer Republik. Das Stück über die Macht des Kapitals und bürgerliche Heuchler wurde erst auf den letzten Drücker fertig.
Bei der Berliner Uraufführung der „Dreigroschenoper“ 1928 spielten Erich Ponto, Roma Bahn, Harald Paulsen als Mackie Messer am Galgen und Kurt Gerron mit. Regie führte Erich Engel. Foto: akg-images (epd) Bei der Berliner Uraufführung der „Dreigroschenoper“ 1928 spielten Erich Ponto, Roma Bahn, Harald Paulsen als Mackie Messer am Galgen und Kurt Gerron mit. Regie führte Erich Engel.

Die Proben waren chaotisch, in letzter Minute wurden noch Rollen umbesetzt, ein Lied hinzugedichtet. Aber dann feierten Zuschauer und Kritiker begeistert die Premiere der „Dreigroschenoper“: „Alles blitzte von Wagemut, Temperament, Angriffslaune“, jubelte die „Vossische Zeitung“. Vor 90 Jahren, am 31. August 1928, wurde das Werk von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt, Regie führte Erich Engel.

Die „Dreigroschenoper“ war der größte Theatererfolg der Weimarer Republik. Zum Ende der Saison 1928/29 gab es international bereits 200 Inszenierungen und etwa 400 000 Besucher. Bis 1933 war sie in 18 Sprachen übersetzt, die Nationalsozialisten verboten sie. Bis heute ist sie das meistgespielte Stück Bertolt Brechts, woran Weills Musik großen Anteil hat.

Dabei hat Brecht den Stoff nicht erfunden. Vorlage war die „Beggar’s Opera“ von John Gay aus dem Jahr 1728, ein Stück mit 22 Gesangsnummern für singende Schauspieler. Elisabeth Hauptmann hat das Werk 1926 ins Deutsche übersetzt. Völlig korrekt hieß also Brechts Version bei der Uraufführung 1928: „Die Dreigroschenoper“ von John Gay, übersetzt von Elisabeth Hauptmann in Bearbeitung von Bertolt Brecht.

Skrupellose Gesellschaft

Trotzdem ist die „Dreigroschenoper“ in Thema und Sprache durch und durch ein Original-Brecht. Er attackiert die bürgerliche Gesellschaft und skrupellose Geschäftsleute wie Peachum, der erfolgreich Bettlertouren organisiert, die an das Mitleid der Menschen appellieren. Sein Gegenspieler und Gegner ist der Gangster Mackie Messer, der sich mit dem „Haifisch-Song“ einführt. Sein Credo ist erstaunlich modern: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Bürger und Gangster sind austauschbar, alle sind korrupt. Die „Moritat von Mackie Messer“ ist international ein Klassiker geworden.

Zwei Frauen treiben die Handlung voran: Polly, Peachums Tochter, und die Spelunken-Jenny. Für sie schrieben Brecht und Weill die eindringlichsten Songs. Polly hat heimlich Mackie Messer geheiratet, ihr Vater unternimmt alles, um den verhassten Schwiegersohn an den Galgen zu bringen. Jenny macht bei dem üblen Spiel mit, nur eine göttliche Fügung – wie im antiken Drama – rettet Mackie und Polly.

Bertolt Brecht verfasste den Text zur „Dreigroschenoper“. Bild-Zoom Foto: akg-images (epd)
Bertolt Brecht verfasste den Text zur „Dreigroschenoper“.

Die „Dreigroschenoper“ ist nicht leicht aufzuführen. Soll man die Geschichte politisch zuspitzen, sogar auf die Gegenwart beziehen? Soll man eher die Unterhaltung betonen, vor allem die Songs präsentieren? Soll man die arme Oper szenisch aufputzen, mit Bühnenbild und Ausstattung prunken? Für all diese Varianten gibt es zahlreiche Beispiele, die oft nicht überzeugen können.

Zwei Aufführungen zeigen, wie man die „Dreigroschenoper“ auf die Bühne bringen kann, ohne sie der puren Unterhaltung auszuliefern oder sie zum Politik-Seminar zu machen: Robert Wilsons Inszenierung von 2007 am Berliner Ensemble, die immer noch auf dem Spielplan steht, und eine Frankfurter Produktion von André Wilms, ebenfalls aus dem Jahr 2007.

Rau und proletarisch

Der Amerikaner Robert Wilson, 1941 geboren, ist einer der gefragtesten und erfolgreichsten Theaterregisseure. Auch in Deutschland, besonders in Berlin und Hamburg, arbeitet er oft. Seine „Dreigroschenoper“ ist ein typischer Wilson, sehr künstlich, sehr stilisiert, jenseits allen Realismus, wie ein Traum. Viele Kritiker waren fasziniert von der Eleganz der Inszenierung, andere sprachen von Kunsthandwerk. Bewundert aber wurden die Schauspieler, besonders Jürgen Holtz als Peachum und Angela Winkler als Jenny.

Der Kontrast zwischen der Berliner und der Frankfurter Inszenierung hätte größer nicht sein können. Der französische Regisseur André Wilms, die Schauspieler und das Ensemble Modern, spezialisiert auf die Musik des 20. Jahrhunderts, spielten die „Dreigroschenoper“ rau, proletarisch, aber nicht politisch dogmatisch. Sie zeigten, dass das Stück heute noch oder wieder aktuell ist. Das beginnt schon bei der Bühne, einem Abbruchviertel aus Sperrholz und Pappe.

Der Bandenchef Mackie (Wolfram Koch), der Unternehmer Peachum, die Kleingangster, Bettler und Huren agierten direkt, lustvoll und schnell, und sie sangen ohne Schmelz. Manchmal kamen auch falsche Töne, aber sie waren richtig im Sinne der Texte. Schärfe und Rhythmus waren wichtiger als Wohllaut. „Alles blitzte von Wagemut, Temperament, Angriffslaune“, das Lob aus der „Vossischen Zeitung“ von 1928, charakterisiert auch die damalige Frankfurter Inszenierung.

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