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Stadtplanung: Warum Frankfurts neue Altstadt ein historisches Experiment ist

Das Areal zwischen Dom und Römer bietet eine Fülle an urbanen Qualitäten, die selten geworden sind. Die Frankfurter sollten daraus lernen.
Noch wirken die Fassaden, Plätze und Gassen etwas steril, doch es wird nicht lange dauern, bis Anwohner und Touristen die neue Frankfurter Altstadt zu einem lebendigen Viertel gemacht haben werden. Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst) Noch wirken die Fassaden, Plätze und Gassen etwas steril, doch es wird nicht lange dauern, bis Anwohner und Touristen die neue Frankfurter Altstadt zu einem lebendigen Viertel gemacht haben werden.

Die Frankfurter werden künftig mit einem Paradoxon leben müssen: der „neuen Altstadt“. Doch wenn in ein paar Monaten die Läden, die Cafés, die Bäckereien, die Restaurants ihre Pforten öffnen, die etwa 200 Bewohner, die jetzt in die 15 rekonstruierten und 20 der Geschichte nachempfundenen Häuser einziehen, ihren täglichen Beschäftigungen nachgehen, die Sandstein-, Fachwerk- und Putzfassaden dann auch mal Patina ansetzen, kurz: Wenn aus dem neuen ein lebendiges Stadtviertel geworden ist, dann werden sie das zusammen mit ihren Gästen auch gut können. Das widersprüchliche Wortpaar „neu alt“ wird Alltag, das „neu“ wird jeden Tag etwas älter werden, bis das „alt“ das „neu“ vollkommen verdrängt haben wird. Und jene, die von 2005 an für den Wiederaufbau der in zwei verheerenden Bombennächten 1944 untergegangenen Frankfurter Altstadt gekämpft, gestritten, sich die Köpfe heißgeredet haben, werden besonders stolz sein. Denn Frankfurts neue Altstadt ist auch ein erfolgreicher Kampf gegen eine von allen im Römer regierenden Parteien zu verantwortende Planungspolitik, die vor allem die Interessen von Investoren und deren Gewinnabsichten im Auge hatte – und immer noch hat.

Stein auf Stein

Diese Altstadt ist eine Stadtreparatur und ein Experiment – nicht nur ein politisches, sondern vor allem ein bauliches, ein architektonisches, ein planerisches. Denn eine Stadt von 1944 kann man heute nicht wieder aufbauen. Jeder, der in solcher Absicht Stein auf Stein schichten wollte, würde schnurstracks im Gefängnis landen. Heute zu planen und zu bauen heißt, sich durch einen immer größer werdenden Wust von sich teilweise widersprechenden Gesetzen, Normen und Regeln zu kämpfen. Ob Brandschutz oder Akustik, Abstandsflächen, Energieeinsparung oder die Höhe der Aufkantung von Fensterbänken: Alles ist bis zum letzten Quadratmillimeter geregelt – was die Planer zu Halbjuristen macht, die sich durch die Vorschriften dilettieren, und dennoch den Gerichten breiten Ermessensspielraum lässt. Was den Alltag von Planern und Bauausführenden ohnehin ungeheuer aufwändig und kompliziert macht (und entsprechend auch die Bauwerke verteuert), wird bei einer Rekonstruktion komplizierter und aufwändiger (und entsprechend teurer). Das hessische Baurecht kennt keine Rekonstruktionen. Die 15 wiederaufgebauten Gebäude mussten als Neubauten behandelt werden. Und so kommt es, dass Haus Markt 7 ein Treppenhaus im doppelten Sinne ist: zu nichts anderem nutze, als den zweiten, feuerpolizeilich zwingend vorgeschriebenen Fluchtweg für die „Goldene Waage“ zu beherbergen. Experten sind sich einig: Es war eine Kunst, diese in vielen Jahrhunderten entstandene Altstadt nach dem Regelwerk, das heute gilt, zu errichten.

Und: Die Stadtverordnetenversammlung beschloss im Jahr 2007 nicht nur sechs, wenn möglich sieben historisch wertvolle Häuser zu rekonstruieren, sie beschloss im selben Jahre, öffentliche Gebäude nur noch nach den Richtlinien des Passivhaus-Standards zu errichten. Dieser Beschluss galt auch für die 35 Gebäude auf dem Dom-Römer-Areal – was die Kosten weiter erhöhte. Dass es jetzt fast 200 Millionen Euro wurden – die Gesamtrechnung steht noch aus – statt der ursprünglich gedachten 120 Millionen, war abzusehen. Wobei die Kosten für den Rückkauf des Technischen Rathauses, dessen Asbest-Sanierung und Abriss sowie für den Umzug der technischen Ämter in das ehemalige Gebäude der Stadtwerke in dieser Summe noch gar nicht enthalten sind.

Schlusssteine mit Fratzen

Roter Sandstein an den Fassaden, an Tür- und Fenstergewändern, grauschwarz schimmernder Schiefer auf Dächern oder an den Giebeln, Sichtfachwerk für Pfosten und Streben, Andreaskreuze und Bundwerk, Friese und Skulpturenschmuck, Schlusssteine mit Fratzen, schmiedeeiserne Fenstergitter, hölzerne Ladenportale, eine zweistöckige Galerie aus Holz hie, eine Treppe aus scharrierten Muschelkalkstufen dort, Knaggen und Konsolen verziert mit Heiligenfiguren ein Haus weiter. An der „Goldenen Waage“ sogar Gold-blitzende, wild geformte Wasserspeier. Und dazu enge Gassen, beschauliche Plätzchen, kleine Winkel, romantische Hausdurchgänge, kleine Parzellen. Sogar eine ganze Reihe an Spolien, also Originalbauteilen der 1944 zerbombten Gebäude. Ornamente, Dekorationen, in bester Handwerkskunst bearbeitete Naturmaterialien im Überfluss. Als hätte ein unsichtbarer Riese ein Füllhorn an sinnenfroher Baukunst über das historische Areal zwischen Dom und Römer ausgeschüttet. Atem raubend, Blicke anziehend, Verwunderung provozierend. Manchmal kommt man mit dem Schauen gar nicht nach. Wer sich Zeit lässt, vielleicht auch wieder kommt, wird immer wieder Neues entdecken. Freilich: Diese Baukunst – versehen mit U-Bahn-Anschluss und (öffentlicher) Tiefgarage – wird eine Ausnahme bleiben. Eine ebenso teure wie schöne wie einmalige Ausnahme. Andere Städte wie Dresden haben – mit einer Vielzahl an Spenden – eine prächtige Kirche wieder aufgebaut, andere Städte wie in Berlin bauen sich gerade ein prächtiges Schloss – mit hohem Bundeszuschuss – wieder auf. Frankfurt hat sich – aus eigenen Mitteln – eine Altstadt geleistet. Alltag wird sie nicht werden. Sie ist schlicht zu teuer. Und die Erdgeschosse: Vermietet werden sie alle zusammen auch künftig von der Dom-Römer-GmbH. Auch das wird Ausnahme sein. Aber nur so ist sicherzustellen, dass auch Läden und Geschäfte, die qua Angebot nur wenig Miete zahlen können, in der Lage sind zu überleben. Und uns Vielfalt schenken.

Die neue Altstadt sollte die Frankfurter – und nicht nur diese – an eines gemahnen: mit den Zeugnissen der Vergangenheit vorsichtiger, bedächtiger umzugehen. Das betrifft nicht nur Traditionskneipen. Vieles, was wegen des schnellen Geldes abgerissen, zerstört, einfach und bedenkenlos aus der Erinnerung gelöscht wird, könnte erhalten, umgebaut, umgenutzt werden. Und das gilt nicht nur für Historisches, sondern auch die Zeugnisse jüngerer Baukunst. Etwa der 50er Jahre, wo die schönsten Baudenkmäler schon nicht mehr stehen. Der 60er, der 70er, der 80er Jahre. Der Umgang mit Geschichte fordert – individuell wie kollektiv – Einsicht in die eigene Fehlbarkeit. Hätte das einst neue Technische Rathaus, auch wenn es ein genauso maßstabs- wie trostloser Klotz war, der ganz demokratisch von einer Mehrheit im Stadtparlament beschlossen war, nicht wenigstens in homöopathischen Dosen in der ebenso demokratisch beschlossenen neuen Altstadt erhalten werden können? Als winzige Störung im Glanz der Rekonstruktionen? Und sollten wir nicht von dieser sehr verdichteten, uns an jeder Ecke ein neues Erlebnis bietenden Gebäudemasse lernen, wenn wir uns gegen Nachverdichtung wehren? Soll die Altstadt nur eine Kompensation, eine Traditionsinsel, für eine ansonsten investorengerechte Stadtplanung sein, die uns so wenig urbane Stadterweiterungen wie den zerfaserten Riedberg oder das geklonte Europaviertel beschert hat?

Kompliziertes Regelwerk

Oder sollten wir nicht, unabhängig von teurer Rekonstruktion und aufwändigem Fachwerk, die urbanen Qualitäten der neuen Altstadt, die unser Leben bereichern, nicht auch anderswo in Frankfurt einfordern? Damit diese Alltag werden? Brunnen zum Beispiel. Und eine kleine Bitte hinterher: Könnte man das komplizierte Regelwerk, das Neubauwohnungen unendlich verteuert, nicht vereinfachen? Zumindest ein klitzekleines bisschen?

Die nun in raschen Schritten der Fertigstellung entgegengehende Altstadt schließt ein Kapitel ab. Ein Kapitel scheinbar endloser Diskussionen, andauernden Streitens und Versöhnens, enormer Anstrengungen. Und doch bleiben viele Fragen. Fragen, die für neue Kapitel der Stadtplanung gestellt werden müssen. Damit die neue Altstadt nicht gleich wieder Geschichte, sondern uns Auftrag für die Zukunft wird.

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