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Serie: Junge Kuratoren in Frankfurt: Warum gibt es so viele Depressions-Memoiren?

Innerhalb der Frankfurter Künstlerszene gibt es junge Leute, die versuchen, sich einen eigenen Kunstbetrieb aufzubauen, mit Ausstellungen, Lesungen, Performances. Was man dafür braucht? Einfallsreichtum, Tatkraft und die Hoffnung auf Erfolg. Insgesamt sieben solcher Kuratoren stellen wir in einer Serie vor. Heute: das Kolleg „Schreibszene Frankfurt“.
Im Kolleg „Schreibszene Frankfurt“ sind Literaturwissenschaftler unter sich und diskutieren über Autoren der Gegenwart. Foto: Rainer Rüffer Im Kolleg „Schreibszene Frankfurt“ sind Literaturwissenschaftler unter sich und diskutieren über Autoren der Gegenwart.

Wie forscht man zur Gegenwartsliteratur, zu lebenden Autoren, überhaupt zum Literaturbetrieb? Um diese Fragen kreist die Arbeit des Kollegs „Schreibszene Frankfurt“, das seit Frühjahr 2016 an der Goethe-Universität angesiedelt ist. Sieben Doktorandinnen und Doktoranden, eine Postdoktorandin und zwei Professorinnen erforschen, wie es auf der Website des Projekts heißt, „die Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“. Sie beziehen dabei verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und Methoden ein. Die literaturwissenschaftliche Arbeit wird um soziologische und ethnografische Perspektiven erweitert. Was das konkret bedeutet, erzählen die jungen Wissenschaftler bei einer frühsommerlichen Zusammenkunft auf dem Universitätscampus Westend. Regelmäßig trifft sich die Gruppe zu Kolloquien, Workshops und Projektvorstellungen, organisiert darüber hinaus Vorträge und Tagungen.

Andreas Bülhoffs Dissertationsprojekt dreht sich um die Frage, wie zeitgenössische Schreib- und Lesetechnologien den Konsum und die Produktion von Texten beeinflussen. Bülhoff möchte erfahren, ob beispielsweise Software wie Microsoft Word einen Einfluss auf die Textinhalte hat. „Welche Technologien produzieren welche Texte?“, lautet die Fragestellung.

Trost durch Lesen

Alexandru Bulucz forscht über den 2007 verstorbenen Schriftsteller und Büchnerpreisträger Wolfgang Hilbig. Er schaut sich, und das ist typisch für die Arbeitsweise der „Schreibszene“, nicht nur Hilbigs literarische Texte, sondern auch seine Gespräche und Poetikvorlesungen an. Ziel sei „eine neue Perspektive auf Hilbig“, sagt Bulucz. Hanna Engelmeier, Postdoktorandin und Koordinatorin des Kollegs, beschäftigt sich mit „Trost in und durch Literatur“. Sie arbeitet an einem Essayband zu dem Thema. Die Erfahrung des Lesens, auch ihre persönliche, sei dabei ihr Ausgangspunkt, erzählt Engelmeier. Depression und andere psychische Erkrankungen sind in den letzten Jahren immer öfter Gegenstand autobiografischer Bücher in den USA.

Sara Heristchi erforscht, wie die Depression derartiges „kulturelles Prestige“ erlangen konnte. Heristchi untersucht populäre Depressions-Memoiren, derer es nicht mangelt. In Deutschland indes sei das Schreiben über eigene psychische Erkrankungen noch nicht selbstverständlich, sagt Heristchi. Mit den Frankfurter Poetikvorlesungen erforscht Kevin Kempke eine mittlerweile unverzichtbare Institution des literarischen Lebens. Sie begannen 1959 mit einer Vorlesung von Ingeborg Bachmann und werden bis heute jedes Semester, zuletzt mit Michael Kleeberg, fortgesetzt. Kempke möchte das Format der Poetikvorlesung mit anderen literarischen Gattungen vergleichen und die Besonderheiten des Formats herausstellen. Dass die Co-Direktorin des Kollegs „Schreibszene Frankfurt“, Professorin Susanne Komfort-Hein, die Frankfurter Poetikvorlesungen leitet, darf man dabei als eine glückliche Fügung sehen.

Ethnologischer Blick

In ihrem Dissertationsprojekt blickt Laura McAleese auf britische Literaturfestivals. McAleese fährt zu den einschlägigen Festivals, macht dort Notizen, fotografiert und führt Interviews. Ihr Blick ist dabei ethnologisch und soziologisch zugleich. McAleeses Ziel: „Ein System zu entwickeln, um möglichst umfassend alle Aspekte eines Festivals wissenschaftlich untersuchbar zu machen.“

Die vor allem in Deutschland stark verbreiteten Autorenlesungen sind das Dissertationsthema von Lena Vöcklinghaus. „Ich schaue mir an, wie gesprochene Literatur funktioniert“, sagt sie. Vöcklinghaus bewegt sich dabei zwischen Soziologie, Theater- und Literaturwissenschaft.

„Ist die Lesung ein Ritual?“, lautet eine ihrer Fragen. Der häufige Besuch von Autorenlesungen gehört selbstverständlich zu ihrem Projekt. Schließlich untersucht Miriam Zeh, wie Autoren ihr eigenes Schreiben in Blogs und in sozialen Netzwerken inszenieren. „Was für ein Bild von Autorschaft und Kreativität entsteht da?“, fragt sich Zeh, zu deren Forschungsgegenständen so unterschiedliche Autoren wie Stefanie Sargnagel und Rainald Goetz gehören.

Die meisten jungen Wissenschaftler der „Schreibszene“ sind nach Frankfurt zugezogen. Frankfurt sei für das Kolleg „ein exemplarischer Beobachtungsort“, betont Susanne Komfort-Hein. Das Projekt sei nicht lokal ausgerichtet. Gleichwohl habe die Gruppe schon viele Kontakte zum Frankfurter Literaturbetrieb geknüpft, sagt die Anglistik-Professorin Julika Griem, Co-Direktorin der „Schreibszene“. Einige haben die Stadt auch sonst ins Herz geschlossen. Lena Vöcklinghaus schätzt beispielsweise die Frankfurter Buchmesse. Sie erlebte die Messe angenehmer und ruhiger als die in Leipzig, kurzum: „eine schöne Erfahrung.“

 

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