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Literatur: Was Rilke-Gedichte mit Lady Gaga zu tun haben

Von Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter hat die erste „Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ verfasst. Die Wissenschaftlerin, die in Frankfurt lebt, ist die designierte Direktorin des renommierten Marbacher Literaturarchivs.
Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter will mit ihrem Buch auch Hemmschwellen abbauen. Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter will mit ihrem Buch auch Hemmschwellen abbauen.

„Der Begriff Weltliteratur beflügelte und stieß ab, schon im Zeitalter seiner Erfindung“, schreibt Sandra Richter in der 16. von 25 Thesen, mit denen sie ihr gewaltiges Unterfangen einem Ende zuführt. Dann folgen noch hundert Seiten Anmerkungen und weitere hundert mit einem Literaturverzeichnis. All dies zeigt schon äußerlich: Sandra Richter klotzt richtig ran. Die Professorin, die im Alter von 29 Jahren habilitiert wurde, ist mächtig ehrgeizig. Wäre sie es nicht, wäre sie wohl nicht zur Nachfolgerin von Ulrich Raulffs als Direktorin des Marbacher Literaturarchivs berufen worden. 2019 tritt sie die Stelle an. Als Universalgelehrte, die im schweifenden Überblick alles verhandelt, gibt sie sich trotzdem nicht: Bei aller Detailverliebtheit bleibt ihr Buch übersichtlich. Denn in Wahrheit erzählt diese Weltliteraturgeschichte, die mit Sebastian Brants „Narrenschiff“ 1494 beginnt und bis in die Gegenwart reicht, etwa 90 Einzelgeschichten. Sie beleuchten deutsche Literatur da, wo sie irgendwo in der weiten Welt einen Widerhall fand.

Ein Paradebeispiel ist natürlich Goethes „Werther“. Legendär ist hierzulande das „Werther“-Fieber (blaue Strümpfe, gelbes Wams), etliche Selbstmörder beriefen sich auf ihr liebeskrankes Vorbild. Aber nicht nur in Deutschland geliebt, gehasst und oft auch parodiert, mit zeitlicher Verzögerung wirkte er auch in die weite Welt hinein. Das geht bis zum Koreaner Shin Kyukho, der seine japanische Kaugummifabrik in „Werther“-Verehrung Lotte taufte. Auch solcher Kuriositäten nimmt sich Sandra Richter gerne an. Das baut Hemmschwellen ab, sich mit vermeintlichen schwierigen Sujets zu beschäftigen, und verankert die Literatur in der Gegenwart.

In Netzstrumpfhosen

Richter, die als Professorin in Stuttgart lehrt und mit ihrer Familie in Frankfurt lebt, ist dabei ungewöhnlich forsch. In ihrem Rilke-Kapitel kommt sie nicht nur auf Lady Gaga zu sprechen, die ein (gekürztes) Rilke-Vers-Tattoo auf ihrem Oberarm trägt, sondern garniert diese Information wie als Beweis für die Welthaltigkeit und Gegenwartstauglichkeit der Literatur noch dazu mit einem (ganzseitigen!) Foto von Lady Gaga in Netzstrumpfhosen. Andere Fotos zeigen Peter Fonda und Jack Nicholson auf der Harley Davidson in „Easy Rider“ (zum Kapitel über Hesses „Steppenwolf“) oder Eisbär Knut.

Die Kapitel sammeln Anekdoten, Vorbild-Wirkungen, Übersetzungsgeschichten und Kolportagen zu Fallgeschichten, die einen Sog entwickeln. Zeigen sie doch in ihrer Gesamtheit, wie weit und auf welch verschlungenen Wegen ein einzelnes Werk Wirkung entfalten kann. Um ein Beispiel zu nennen: Die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann waren ein Vorbild für Orhan Pamuks frühen Roman „Cevdet und seine Söhne“.

So hinterließ der Dichter aus Lübeck auch Spuren in der türkischen Literatur, während ihm, wie Sandra Richter ebenfalls zeigt, Gabriel García Márquez mit einem abfälligen und von Lektüre-Unkenntnis zeugenden Statement zum Roman eines Familienverfalls lange die Geltungsmöglichkeit in Lateinamerika nahm.

Was all diese gesammelten Fälle und Lesefrüchte-Spuren in ihrer Gänze zeigen, versucht Richter zum Schluss in 25 Thesen zusammenzufassen.

Besonders gewichtig sind die ersten drei: „Jenseits der Grenzen der eigenen Sprache ist Nichtwahrnehmung der Regelfall.“ Auch heute noch, in einer längst globalen Welt, gilt: Autoren schreiben innerhalb ihres eigenen Sprachraums. Wer darüber hinausreicht, hat Glück, besonders starke Figuren (These 2) oder historisch und politisch gewichtige Themen (These 3).

Wer kennt Heyse?

Ebenso bemerkenswert ist, dass der Zufall (Wer hat was von wem gelesen und weitergegeben) eine mächtige Rolle spielt. Gönner zu haben oder Glück – am besten beides –, spielt keine geringe Rolle. Aber selbst programmierte Weltliteratur kann keinen dauerhaft zwingenden Anspruch auf Weltgeltung für sich reklamieren. Sandra Richter greift als Beispiel Paul Heyse heraus. Im 19. Jahrhundert wurde er in Deutschland gefeiert, in Schweden mit dem Nobelpreis geehrt und fand weltweit Beachtung. Zum Ende des Jahrhunderts nahm seine Verehrung rapide ab. Kaum jemand kennt Heyse heute noch.

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