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Theaterstück "Begehren" in Mainz: Was Sie nie über Sadomaso wissen wollten

Von Brit Bartkowiak inszenierte am Staatstheater Mainz Gesine Schmidts Stück über Sadomaso- und Fessel-Sex: „Begehren“. Wie schlimm wird es?
Im Leben wie beim Sex geht’s drunter und drüber. Im Leben wie beim Sex geht’s drunter und drüber.
Mainz. 

Tief unten in den „U 7“-Verliesen rasseln, peitschen und brummen die Flogger, Handschellen und Vibratoren, kurz: das Sexspielzeug aller Art. Genau genommen werden diese Dinge nur einmal unter der Spüle hervorgekramt und beim Namen genannt. Ansonsten reduziert sich der Sadomasochismus aufs Sprachliche (BDSM-Jargon) und ein paar Kostüme, welche die schwarzen Leder- und Nieten-Welten auch nur andeuten (Carolin Schogs). Aber das Zeigen der Instrumente ist ja immer die halbe Miete bei der Folterei.

Als „doku-fiktionale Feldforschung“ schustert das Stück aus Selbstaussagen realer Personen Sprechtexte für Schauspieler. Anstelle Schmidts richten sich diese auf der Bühne an den Kameramann, der Videoeinsatz bleibt indes maßvoll. In „Begehren“ geht es um ein Phänomen aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft: die schnelle Verabredung zum Sex übers Internet, die grassierende Gewaltsex-Mode, unsere vermeintlich tabulose Gesellschaft – wobei die Tabus wohl eher wechseln als schwinden. Neu ist heute allerdings der innere Zwang, über sich und den Sex, den man hat, zu reden.

Harter Stoff

Ein glitzerroter Vorhang verhüllt je nach Bedarf Teile von Nikolaus Frinkes Bühne: Küche, Wohn- und Schlafzimmer einer kleinen Wohnung, dahinter Bad und Kabuff. Die vierte Wand fehlt, somit blicken wir „mitten ins Leben“. Die Figuren verhalten sich eher wie Autisten und bewohnen dieselben drei Räume, nehmen einander aber bis kurz vor Schluss gar nicht wahr. Die Thematik eint sie, die Gesprächssituation trennt sie. Außerdem wird die Isolation zur Metapher ihres Sexlebens und dessen, woran es krankt.

Monika Dortschy spielt Helga (75) und spricht über Sex im Alter, Heike Trinker die rothaarige Marina (54). Catherine Janke „gehört“ als Dame und Masochistin Julia (36) zum 45-jährigen Sadisten Gero (Johannes Schmidt), der sie aus ihrem Mutterkomplex löst, nur um sie zur „Sklavin“ zu machen. Trotzdem kaspert er uns den linken Sensiblen vor, während er den Gewinn an „Männlichkeit“ durch gelebten Sadismus beschreibt. Leoni Schulz spielt die Web-affine Laura (26), Martin Herrmann den alten Sack und Pornoexperten Thomas (56), Denis Larisch den schwulen Ole (40). Kleine Musikeinspieler aus dem Off trennen ihre kurzen Statements. Dramaturgisch geht alles zusehends Richtung „harter Stoff“.

Nun verschwindet die Uraufführung (Koproduktion: Theater Luxemburg) fast völlig hinter der Thematik, die das Stück zu einer zwiespältigen Erfahrung macht.

Schmidts Figuren lassen außer der Lust und dem Zeitbild auch viel Ungenügen und Frustration erkennen. Da liegt der Hund im Sauerkraut begraben. Das Pathos der sexuellen Freiheit kulminierte ja in den 1960/70ern in der These, schlimm am Sex könnten einzig und allein die Scham und Zurückhaltung sein. Wären die beseitigt, ließe der große Allbeglücker sämtliche Übel verschwinden. Jeder Einspruch hiergegen galt als Heuchelei und Puritanismus nach der Definition H. L. Menckens: „die drückende Sorge, dass irgendwer irgendwo glücklich sein könnte“.

„Begehren“ zeigt die Spätfolgen heute auf. Sexualität: ein riesiger Süßigkeitenladen ohne jeden moralischen Belang, der für alle Geschmäcker etwas da hat. Aber Süßigkeiten lenken den Geschmack auf immer feinere und perversere Genüsse; sie verderben den Magen. Sie machen nur den Ladenbesitzer reich: einst die „Aufklärer“, heute den Sexmarkt. Und sie lenken von andern wichtigen Dingen ab.

Nicht zuletzt war die sexuelle Befreiung von Anfang an frauenfeindlich und blieb es, weil junge Männer evolutionsbedingt für seriellen Konsumsex in jedem Hafen taugen, für Frauen hingegen viel mehr auf dem Spiel steht.

„Begehren“ gibt sich als Bestandsaufnahme, und wahrscheinlich werden zum ersten Mal ganze S/M-Clubs ins Theater strömen. Im Grunde aber ist dies der Abriss einer uneingestandenen Bedrängnis.

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