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Oper Frankfurt: Was für ein Kerl, dieser „Iwan Sussanin“

Die Oper Frankfurt nimmt Harry Kupfers eigenwillige Fassung des „Iwan Sussanin“ wieder auf. Dmitry Belosselskiys in der Titelrolle gibt ein sensationelles Frankfurt- und Rollendebüt.
Iwan Sussanin (Dmitry Belosselskiy) mit  Kateryna Kasper, Katharina Magiera und Anton Rositskiy. Foto: © Barbara Aumüller (© Barbara Aumüller) Iwan Sussanin (Dmitry Belosselskiy) mit Kateryna Kasper, Katharina Magiera und Anton Rositskiy.

Sterben kann ja so schön sein. Jedenfalls, wenn man dem ukrainischen Bassisten Dmitry Belosselskiy dabei zuhören darf, wie er fast den gesamten vierten Akt lang im Schneesturm zugrunde geht und dabei bis zum Steinerweichen von seiner Liebe zur Tochter, zum Adoptivsohn und natürlich zur russischen Erde singt. Das ist ein Erlebnis der umwerfenden Art. Die Oper Frankfurt hat den kraftvoll tönenden Bassisten gegen die nicht minder beeindruckende Legende John Tomlinson ausgetauscht, der im Oktober 2015 trotz seiner damals 69 Jahre nicht nur stimmlich, sondern vor allem darstellerisch als Offenbarung galt. Dmitry Belosselskiy ist wesentlich jünger, stapft aber als russisch bärenstarker Bauernpatriot nicht minder todesmutig mit seinen Feinden in die tückischen Sumpfgebiete.

Bei der Frankfurter Premiere vor zwei Jahren erntete Regie-Altmeister Harry Kupfer Buhs und Bravos für seine Version von Michail I. Glinkas Nationaloper von 1836. Auch bei der ersten und letzten Wiederaufnahme gab es eine kräftige Unmutsäußerung, übrigens an derselben Stelle wie bei der Premiere: Macht Harry Kupfer doch im zweiten Akt aus polnischen Feinden deutsche Invasoren während des Zweiten Weltkriegs, lässt „Sieg Heil“-Rufe ertönen und einen Deutschen Panzer auffahren.

Der einfache Bauer „Iwan Sussanin“, der sich angeblich vor 400 Jahren für sein Vaterland opferte, ist für ihn ein zeitloser Märtyrer. Früher zarentreu, hier schlicht patriotisch, lautet die Kupfer-Devise. Wobei der deutsch-deutsche Spezialist für slawisches Musiktheater zum Glück im schrecklichen Schlusschor ironische Brechungen einbaut. Da stehen die Russen, die mit Sussanin ihre Erde verteidigt haben, verkleidet als Hurra-Patrioten der Roten Armee und müssen auf dem roten Platz (oder ist es das rote Rathaus in Berlin?) die Legende des Sussanin zur Helden-Apotheose hochjubeln. Vorne steht die übrig gebliebene Familie Sussanins und schweigt dazu beklommen.

Orest Tichonov als Wiederaufnahme-Leiter hat Glänzendes geleistet. Durch seine gute Vorarbeit gelingt dieser packende Gänsehautmoment wieder unmittelbar, als sei Harry Kupfer erst gestern seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und habe Chormänner und -frauen einzeln angeleitet. Justin Brown, GMD des Staatstheaters Karlsruhe, übernimmt den Dirigentenstab von Sebastian Weigle mit großem Können und forciert den wuchtigen Oratoriumsklang Glinkas grandios. Die 100 Choristen singen Russisch, als sei es ihre Muttersprache. Die bewährte Solistenriege überzeugt mit neuer Kraft: Von Katharina Magiera in der Hosenrolle des Adoptivkinds Wanja über Kateryna Kasper als Iwans Tochter Antonida bis hin zum außergewöhnlichen Anton Rositskiy in der hohen Tenorpartie Sobinins. Kein Wunder, dass Bravoschreie und einzelne Standing Ovations den einsamen Buhrufer spielend übertönten.

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