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Wiesbadener Staaatstheater: Was ist bloß mit den Tanten los?

Von In der Inszenierung von Ulrike Arnold über zwei mörderische Frauen sind Monika Kroll und Evelyn M. Faber als die Schwestern Brewster urkomisch.
Giftig gucken genügt nicht. Monika Kroll (links) und Evelyn M. Faber müssen alleinstehenden Männern schon eine gute Dosis Arsen verabreichen, um für Leichen in ihrem Keller sorgen zu können. Foto: Karl Forster Giftig gucken genügt nicht. Monika Kroll (links) und Evelyn M. Faber müssen alleinstehenden Männern schon eine gute Dosis Arsen verabreichen, um für Leichen in ihrem Keller sorgen zu können.

Ein paar Änderungen konnte sich Regisseurin Ulrike Arnold bei der häufig gespielten schwarzhumorigen Komödie um zwei ältere Tanten, die im wahrsten Sinne Leichen im Keller haben, weil sie alleinstehende Männer bei sich im Haus vergiften, nicht verkneifen: Der eine Neffe der beiden Damen hält sich nämlich für Sigmund Freud statt (wie in der Originalfassung von Joseph Kesselring) für den Präsidenten Teddy Roosevelt. Infolgedessen gräbt sich Michael Birnbaums Siggi Brewster auch ins Unbewusste oder das, was er dafür hält, statt am Panama-Kanal zu buddeln. Offenbar wollte man mit diesem Kniff noch ein paar psychoanalytische Tiefen in die Sache schaufeln. Die braucht es aber bei dem gut aufgelegten Ensemble mit den unglaublich reizenden Brewster-Tanten, die auch über Längen vor der Pause retten, gar nicht.

Heimtückische Güte

Denn so, wie Abby Brewster, gespielt von Monika Kroll, und Martha Brewster (Evelyn M. Faber) Hand in Hand über die Bühne trippeln, würde man die beiden am liebsten sofort als Oma-Tandem adoptieren. Zwei gediegene Damen, die jeden Wohltätigkeitsbazar krönen würden, sind die Schwestern hier. Dabei blicken sie mit einer Mischung aus Güte und Unschuld in die Welt, als wären sie an Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit kaum zu überbieten. Natürlich sagen sie schon mal, wenn ihnen etwas gar nicht passt, und Krolls Abby scheint manchmal geringfügig pikiert. Aber immer bewahren die beiden in ihren beigegrundierten Kleidern (sehr passende Kostüme: Anne Buffetrille) stilvoll die Façon. Das macht alles eigentlich nur schlimmer. Denn wem oder was kann man trauen, wenn eine derart liebenswürdige und vollendete Fassade so sehr trügt?

Und bei allem sind die beiden Schwestern auch noch so herrlich unaufgeregt. Ganz anders Janning Kahnert als ihr Neffe und Theaterkritiker Mortimer, der manchmal etwas gekünstelt überdreht wirkt. Natürlich hat der Arme gehörig Stress: Verlobung einerseits, Vertuschung der Tanten-Taten andererseits. Die ganze Bagage, die da ins Haus seiner Tanten kommt: mögliche Tanten-Opfer, Polizisten und gemeingefährliche Verbrecher. Normal“ ist hier – mal auf den ersten, mal auf den zweiten Blick – keiner. Und so wird das Bühnengeschehen vor allem nach der Pause mit jeder Minute bizarrer und komischer.

Irre Normalität

Bis Möchtegern-Bühnenautor und Übergangs-Polizist Klein seine große Stunde gekommen sieht und vor Theaterkritiker Mortimer endlich die Handlung seines Stücks darbieten darf. Mit leuchtenden Augen und im Zustand berauschter Selbstüberschätzung wirft sich Maximilian Pulst in die Vorstellung seines weniger als mittelmäßigen Stücks, begleitet von einer Musik, die nach Brahms’ „Ungarischen Tänzen“ klingt, bis man (wie Mortimer) in den Pirandellismo taumelt. Sehr komisch auch Ulrich Rechenbach als Oberwachtmeister Rhone, dem man anmerkt, dass er in seinem Agenten-Dress eigentlich ein übler Zeitgenosse wäre, wenn denn Intelligenz und Geistesgegenwart dazu reichen würden.

Alles in allem ein von der Regie gut organisierter Irrsinn, der sich stetig steigert.

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