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Literatur: Was macht der Schöngeist im Herbst?

Von Die Weltliteratur hält vieles parat für die trüben Tage: die Erzählung „November“, den Roman „Herbst des Patriarchen“ und den Bauernbericht „Herbstmilch“.
Zwar ist der deutsche Herbst kein Indian Summer, aber die Blätter werden bunt, die Abende länger, und es wird Zeit, andere Seiten aufzuschlagen, schon bevor die Frankfurter Buchmesse beginnt. Die schöngeistige Literatur bietet viele Romane und Erzählungen, in denen es um den Herbst geht, so wörtlich wie sinnbildlich. Bilder > Foto: Daniel Karmann (dpa) Zwar ist der deutsche Herbst kein Indian Summer, aber die Blätter werden bunt, die Abende länger, und es wird Zeit, andere Seiten aufzuschlagen, schon bevor die Frankfurter Buchmesse beginnt. Die schöngeistige Literatur bietet viele Romane und Erzählungen, in denen es um den Herbst geht, so wörtlich wie sinnbildlich.

„Es riecht hier nach Herbst“, heißt es so unvergleichlich bei Joseph Roth. Man glaubt geradezu, sie mitriechen zu können, die Fäulnis und den Verfall, für die der schwermütige Wiener Autor die dritte Jahreszeit als Sinnbild nahm. Er, der das Morbide so liebte, beschwor den Herbst in „Radetzkymarsch“, wo das feuchte Laub sich in einer Kastanienallee sammelt. Doch auch an allen anderen Ecken der Kaiserstadt des frühen 20. Jahrhunderts nahm Joseph Roth den Modergeruch wahr, nicht zuletzt in der düsteren Grabesstätte der Donaumonarchen, von ihm selbst beschrieben in „Die Kapuzinergruft“. Zwei Romane über Untergang und Ende sind damit bereits benannt (Deutscher Taschenbuchverlag), zwei Werke über absterbende Zeiten und deshalb jetzt am besten zu lesen. Zwar hat der Herbst auch schöne Tage. Wenn der Oktober Frankfurt noch etwas warme Mittagssonne gönnt, schimmert der Main wie ein metallenes Laufband. Verzogen hat sich dann der Nebel, der morgens so tief über der Stadt hängt, dass er ihre Hochhäuser halbiert.

Heide und Hortensien

Noch steigt am Abend Kühle auf statt Kälte. Aber die Jeep-Besitzer haben die Sommertüren bereits gegen die Wintertüren ausgetauscht, und die Wolldecke hat Saisonstart. Was passt da besser als das gute Buch, die Tasse Tee, der erste Grog, nah an der Heizung oder am Kamin? Was also steht bereit im Bücherschrank? Was gibt er her? Der Herbst kann im Einzelfall ein zweiter Frühling sein. Und so könnte man als erstes zu Rosamunde Pilchers sieben „Herbstgeschichten“ (Rowohlt) greifen und anfangen mit Englands buntgefärbten Wäldern, den Heidepflanzen und Hortensienblüten und all den ausgebreiteten Sentimentalitäten zwischen Garten, Moor und Cottage. Die tiefergelegte Unterhaltungsliteratur unterscheidet sich von der gehobenen Belletristik schließlich nicht zwangsläufig durch ihre Themen. Um Liebe, Tod und Teufel geht es hier wie da, nur in jeweils anderer Güteklasse.

„Rosen im September“ etwa klingt ebenfalls nach Pilcher, ist aber ein Roman von François Mauriac, Frankreichs Nobelpreisautor des Jahres 1952. Er schreibt von einem alternden Schriftsteller, der seinen Schaffenswillen schwinden fühlt. Wohnhaft in einer großen Villa in Paris, mit langjähriger Ehefrau, fühlt er sich wie beerdigt. Zwei junge Frauen, denen er dank eines Freundes begegnet, beleben ihn und seine kreativen Kräfte. Doch noch fehlt ihm der Mut, alles hinter sich zu lassen. Ein Dilemma, zwischen Treue gegenüber dem anderen und der Pflicht gegenüber sich selbst, ein Hin und Her zwischen Beständigkeit und Wandel.

Man sieht: Die Franzosen, die in wenigen Tagen zur Frankfurter Buchmesse anreisen und sozusagen die Blätter aufheben, welche die Bäume fallengelassen haben, verstehen was vom Herbst. „Seine Traurigkeit stimmt gut“, meinte der Dichter und Denker Michel de Montaigne. Und sein Landsmann Gustave Flaubert nahm sich sogar den traurigsten aller Monate vor. „November“, Flauberts erste Erzählung (1842), handelt ebenfalls von der Liebe als Schimäre, das heißt von einem älter werdenden Monsieur, der an seine Jugend sowie zwei Huren denkt (Insel-Taschenbuch). „Welches intime Bündnis verband mich mit diesem unbekannten Wesen?“, heißt es da. Man ahnt sofort: Die Sache geht nicht gut aus. Etliche Zeitgenossen fühlten sich an Goethes „Leiden des jungen Werthers“ erinnert.

Bayern und Bauern

„Herbstmilch“ heißt ein Buch, das 1985 dorthin führte, wo man die Poesie ganz zuletzt vermutet: auf einem Bauernhof in Niederbayern. Landwirtin Anna Wimschneider berichtet von ihrem Leben zwischen Feld und Stall und Stube und eben jener Herbstmilch, die besonders sauer ist (Piper-Verlag). Eine gute Gelegenheit für Großstädter, lesend zurück zur Natur zu finden und neu zu lernen, dass das Natürliche nicht immer grün sein und gegossen werden muss.

Auch für einen der prallsten Romane der Gegenwart ist wieder die Zeit gekommen: „Der Herbst des Patriarchen“. Man kann ihn getrost zum zweiten Mal lesen. So sehr packt Gabriel Garcá Márquez, Kolumbiens Nobelpreisträger 1982, das Leben dort, wo es sich am heftigsten gegen das Ableben wehrt: bei der Macht eines Potentaten. Der Präsident, um den es hier geht, herrscht über ein Land, das den Tod des Tyrannen ersehnt. Der „granitharte Greis“ betrachtet es als seine menschenfreundlichste Tat, die mittelalterliche Hinrichtungsart seines Staates modernisiert zu haben: Das Vierteilen wird durch den elektrischen Stuhl ersetzt. Einzigartig, wie hier der Herbst zum Inbegriff des Alterns eines einzelnen Menschen wie des Dahinsiechens südamerikanischer Unterdrückungsregime wird (Fischer-Taschenbuch).

Mord und Moder

Und was hat der Bücher-Herbst sonst noch im Regal? Henning Mankells Krimi „Mord im Herbst“ von 2013. Darin ermittelt der schwedische Kommissar Wallander nach einer Familientragödie auf einem Obsthof (Deutscher Taschenbuchverlag). Einer ganz anderen Gattung gehört „Herbst in Heidelberg“ (2011) an. Hier fabuliert die Germanistin Anna-Louise Jordan die schwierige Ehe des Dichters Clemens Brentano und seiner Frau Sophie Mereau aus (nur antiquarisch zu haben). Nicht zu vergessen ist aber auch der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård und dessen dritter Band einer Jahreszeiten-Reihe. „Im Herbst“ (Luchterhand-Verlag) handelt ausnahmsweise nicht von einem Leben, das zu Ende geht, sondern gerade erst begonnen hat. Der Erzähler schreibt Briefe an seine ungeborene Tochter und erklärt: „Ich will dir die Welt zeigen, wie sie ist.“

Dagegen ist nichts zu sagen. Allenfalls hinzuzufügen, dass die Unterhaltungsliteratur auch Sätze hervorbingt wie „Opa mochte den Herbst“. Er findet sich in der Geschichte „Im Himmel ist der Herbst wie Sommer“ (Bastei-Lübbe-Taschenbuch) von Linnea Holmström, einer schwedischen Rosamunde Pilcher, die einem Enkel das Wort erteilt.

Alle erwähnten Bücher sind übrigens gut antiquarisch zu kriegen, nicht nur die vergriffenen. In den Altbuchläden gehört derzeit zum Stöbern und Blättern oft eine Kanne Tee auf dem Stövchen. Zumal Antiquare, wie Schriftsteller, viel zu erzählen haben. Und weitere literarische Empfehlungen für den noch länger anhaltenden Herbst.

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