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Buchmessen: Was tun mit rechten Verlagen?

Von Vier Tage blicken Buchbranche und Literaturfreunde nach Leipzig. Die Messe läutet traditionell den Buchfrühling ein. Zündstoff steckt – wie bereits in Frankfurt – im Auftritt rechter Verlage.
Ein Linker geht auf der Frankfurter Buchmesse 2017 auf den rechten Verleger Götz Kubitschek los (rechts). Am Mittwoch öffnet die Buchmesse in Leipzig. Ein Linker geht auf der Frankfurter Buchmesse 2017 auf den rechten Verleger Götz Kubitschek los (rechts). Am Mittwoch öffnet die Buchmesse in Leipzig.

Von der Eröffnung am Mittwochabend an bis zum Sonntag präsentieren sich in Leipzig rund 2600 Aussteller, so viele wie noch nie zuvor. Schwerpunktland ist Rumänien. 3600 Veranstaltungen stehen auf dem Programm des parallel laufenden Lesefestes „Leipzig liest“. Aber wer wird da zuhören?

Kaum je zuvor dürfte der Leipziger Bücherfrühling derart im Zeichen politisch brisanter Themen gestanden haben wie diesmal. Das Klima ist belastet von internationalen Krisen. Die Diskussionen sind vergiftet von Zwietracht, Argwohn und Aggressionen. Häufig schnappen sie über ins Irrationale und Wahnhafte. „Selten wurden die Debatten in Deutschland um Politik so hitzig geführt wie in den letzten Jahren“, sagt Buchmessedirektor Oliver Zille. Der Fokus der Messe liegt also auf dem Politischen.

Karte mit der Aufschrift „Kein Ort für Neonazis” auf der Buchmesse.
Buchmessen „Das Dümmste ist, rechte Verlage zu verbieten“

Wie soll man mit rechten Verlagen auf Buchmessen umgehen? „Grundsätzlich gehören rechte Verlage zum politischen Spektrum in Deutschland dazu“, sagt Daniel-Pascal Zorn, Co-Autor des Buches „Mit Rechten reden“.

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Früher linksextrem

Sind wir wirklich die Besten? Unter dieser Überschrift lädt Kurator Mohamed Amjahid internationale Gäste aus Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Medien ein, über die europäische Vergangenheit zu reflektieren, über die Gegenwart zu streiten und Ideen für die Zukunft des Kontinents zu entwickeln. Daneben geht es um die aktuellen Entwicklungen in den USA unter Präsident Trump, um Putins Russlands nach dem Ende der Sowjetunion, die Türkei unter Erdogan.

Der größte Konfliktstoff indes steckt wohl wieder im Auftritt rechter Verlage. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte es im vergangenen Herbst heftigen Streit und Proteste gegeben. Auch in Leipzig sind Medien wie die rechtspopulistische Zeitschrift „Compact“ des ehemals linksradikalen Demagogen Jürgen Elsässer seit Jahren vertreten. Der Antaios-Verlag von Götz Kubitschek, bei dem es im vergangenen Oktober in Frankfurt während einer Veranstaltung mit dem AfD-Politiker Björn Höcke zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Linksextremen kam, ist in Leipzig ebenfalls wieder präsent. Kubitschek ist wiederholt bei Pegida-Versammlungen aufgetreten.

Antaios verlegt nicht nur die Schriften der älteren Klassiker aus der rechtsintellektuellen, völkisch-nationalen Szene. Der auf einem ehemaligen Rittergut in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) residierende Verlag mit einem angeschlossenen „Institut für Staatspolitik“ und der zugehörigen Zeitschrift „Sezession“ ist längst Plattform für eine jüngere Generation aus dem Umkreis der Identitären Bewegung um Protagonisten wie Martin Sellner und Martin Lichtmesz geworden. Die Publikationen des derzeit wohl wichtigsten rechten Verlags ranken sich um die Themen wie Flüchtlinge, Zuwanderung, nationale Identität, Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft und Perspektiven eines staatspolitischen Systemwechsels.

Streit um Tellkamp

Unverkennbar sind Bemühungen, in Stil und Habitus an die Außerparlamentarische Opposition und die Sponti-Szene der 60er Jahre anzuknüpfen. Man will keinerlei Sympathien mit Altnazis zu erkennen geben. Zugleich versuchen die Jüngeren den ideologischen Brückenschlag zu Gesinnungsgenossen in anderen Ländern Europas. So erscheinen bei Antaios die Schriften prominenter Vertreter der französischen Rechten wie Renaud Camus oder Jean Raspail, der in seinem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ in obszönen apokalyptischen Wahn- und Schockbildern den Untergang der europäischen Zivilisation unter dem Ansturm barbarischer Einwanderermassen beschreibt. Das zynisch-antihumanistische Buch hat es zum Kultstatus in der rechten Szene gebracht.

Die Messeleitung in Leipzig verhält sich ähnlich wie in Frankfurt: diffus. Die umstrittenen Verlage haben nach Ansicht von Messedirektor Zille das gleiche Recht auszustellen wie andere Kunden auch, solange ihre Publikationen sich im Rahmen der Gesetze bewegten. Dennoch hat man versucht, die rechten Medien räumlich zu konzentrieren, was dazu führte, dass die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ihre Teilnahme abgesagt hat. Sie wollte nicht in einem „rechtsextremen Block“ vertreten sein. Das sei „rufschädigend“.

Direktor Zille glaubt, er halte das Banner des freien Geistes hoch. Die Buchmesse trete für Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein, sagt er. „Der kommunikative Aufschwung der rechten Szene“ sei ein gesellschaftliches Phänomen: „Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann“, betont er. Die Messe stehe für Offenheit, Vielfalt und Austausch.

Das hat freilich bereits in der vergangenen Woche einige Spannungen erzeugt. Der Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“) hatte mit der notorischen Kritik an unkontrollierter Flüchtlingspolitik und Behauptungen, Andersdenkende hätten in Deutschland massive Repressionen zu fürchten, wieder einmal die üblichen Fraktionen gespalten. Bei einem Disput in Dresden, an dem neben Kubitschek auch der Lyriker Durs Grünbein teilnahm, betrieb Tellkamp auch eine aus rechtspopulistischen Milieus sattsam bekannte Medienschelte. Tellkamp plädiert dafür, der deutsche Osten solle sich klarer vom Westen abgrenzen. Dahinter steckt die bei einigen Konservativen beliebte Auffassung, im Osten habe sich die deutsche Seele reiner bewahrt als im Westteil. Dort sei nach dem Krieg der Einfluss der Amerikaner beherrschend geworden. Der Suhrkamp-Verlag ging auf Distanz zum Autor (49). Bei Suhrkamp war 2008 der dickleibige Roman „Der Turm“ erschienen, der die Dresdener Gesellschaft der Vorwendezeit beschreibt. Seit Jahren wird eine Fortsetzung erwartet. Tellkamp kommt nicht voran. Zeit also, einen einige Jahre vor dem „Turm“ erschienen, damals aber kaum beachteten Roman zu lesen: „Der Eisvogel“ (2005). Dort geht es um frustrierte junge Leute im deutschen Osten, die sich als Avantgarde einer neuen rechtsintellektuellen Elite gebärden. Autor: Uwe Tellkamp.

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