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Literaturnobelpreis: Was von Nagasaki übrig blieb: Kazuo Ishiguro erhält höchste Auszeichnung der literarischen Welt

Von Ein Jahr nach Bob Dylan hat die Nobel-Akademie einen Autor ausgewählt, der Katastrophen, Zukunftszweifel und Fantasy in seine Romane mischt.
Der japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro (62) ist in Deutschland für seinen verfilmten Roman „Was vom Tage übrig blieb“ bekannt. Foto: David Cooper (Zuma Press) Der japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro (62) ist in Deutschland für seinen verfilmten Roman „Was vom Tage übrig blieb“ bekannt.

Es ist keine zwingende, unantastbare, über alle Einwände erhabene oder gar begeisternde Entscheidung, die nun in Schweden für Kazuo Ishiguro getroffen wurde. Ein Jahr nach der sensationellen Vergabe des Literaturnobelpreises an den Songdichter Bob Dylan hat die Nobel-Akademie eine vergleichsweise mittelmäßige Wahl getroffen. Der japanisch-britische Autor Ishiguro ist kaum mehr als ein gediegener Erzähler, ein Stilist mit wechselnder Überzeugungskraft. In Großbritannien weithin geschätzt, vielfach gelesen und bereits mit dem namhaften Booker-Preis bedacht, war er bislang unumstritten. Doch nun haben ihn höhere Weihen ereilt, deren Anforderungen er sich neu stellen muss. Und da zeigt sich: Kazuo Ishiguro hat es nicht als klassisch geschliffener oder aber mitreißend exzentrischer Schreiber aus dem kulturellen Untergrund an die Spitze aller Poetenpreise geschafft, sondern als Autor eines wohltemperierten Literaturbetriebs.

Schon als Kind kam Ishiguro mit Eltern und Geschwistern nach England, wo er zum gelernten Schriftsteller wurde. Während seines Anglistikstudiums an der University of East Anglia belegte er Seminare für Kreatives Schreiben – eine Ausbildung, die seinen großen russischen Vorbildern Fjodor Dostojewski und Anton Tschechow fern gelegen hätte, aber heute immer häufiger zur Grundschule hochgepriesener Literaten, wenn nicht gefälliger Schreibkünstler wird.

Zerstörung der Erde

Gleich in seinem ersten Roman „Damals in Nagasaki“ wählte Ishiguro eines seiner anhaltenden Themen: die Zerstörung der Erde, sei’s durch Waffen, Umweltunglücke oder wissenschaftlichen Herrschaftswahn, begleitet vom Zerfall der Zivilisation, des sozialen Zusammenhalts, der Menschlichkeit. Die Handlung spielt in Ishiguros Geburtsstadt, wenige Jahre nach dem Atombombenabwurf von 1945. Noch immer sind die Verheerungen zu erkennen, und sie bestimmen die Empfindungen einer Frau, die in einem trostlosen Hochhaus ihre erste Schwangerschaft erlebt. Nach einem weiteren Roman aus dem Japan der Nachkriegszeit („Der Maler der fließenden Welt“) wandte sich Ishiguro mehr dem Epischen zu. „Was vom Tage übrig blieb“ heißt sein in Deutschland bekanntester Roman, fürs Kino verfilmt von James Ivory mit Anthony Hopkins in der Rolle des Butlers, der auf die Vorkriegsereignisse der 30er Jahre mit der Abgeklärtheit eines wehmütig schicksalsergebenen Bediensteten zurückschaut.

Von drei Kindern in einem Eliteinternat, das sich als Erziehungsanstalt für Klone versteht, handelt schließlich „Alles, was wir geben mussten“ – ein weiteres Buch, mit dem Kazuo Ishiguro die Gegenwart in die Zukunft beamt, um zu beschreiben, was aus ihr werden könnte. Mit derlei Vorwegnahmen mischt der Autor etwas Fiction und Fantasy in seine Literatur und bewegt sich so im allgemeinen Trend. Bei Margaret Atwood, die ebenfalls als Kandidatin für den diesjährigen Nobelpreis genannt worden war („Der Report der Magd“) und demnächst in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält, kommt noch der Feminismus hinzu.

Sohn der Ozeane

Dahinter steht eine ökologisch beeinflusste, an den Errungenschaften der Automatisierung zweifelnde Zeitstimmung, die bis in die aktuelle Jugendliteratur fortwirkt („Die Tribute von Panem“) und gerade in Kino und Fernsehen die opulentesten Filme hervorbringt. Als Sohn eines Ozeanografen, der nach Großbritannien zog, um auf den Ölfeldern der Nordsee zu arbeiten, ist der nunmehr 62-jährige Kazuo Ishiguro ein geeigneter Verfasser für derlei futuristische Werke. Und vielleicht war sein ökologischer Mystizismus, am deutlichsten in „Der begrabene Riese“ zu finden, sogar das, was die Stockholmer Akademiker davon abhielt, den Japaner Haruki Murakami zum Nobelautor zu ernennen. Er schreibt weniger von der Vernichtung der Natur durch den Menschen als von der Vernichtung des Menschen durch sich selbst – eine sehr moderne, psychologische Ausrichtung der Poesie. Immerhin: Zum zweiten Mal in Folge haben sich die Nobeljuroren für einen englischsprachigen Schriftsteller ausgesprochen. Und für einen Mann. Nach langen Jahren des Proporzhandelns scheint das „Diversity“-Denken noch keinen Vorrang vor der Qualität gewonnen zu haben. So gesehen wäre Kazuo Ishiguro zumindest eine sehr akzeptable Wahl.

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