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Ausstellung: Was, wenn ich der Goethe wäre?

Von Wie aktuell Goethes Versdrama um einen Gelehrten, seinen Pakt mit dem Teufel und das verführte Gretchen ist, lässt sich auf vielerlei Gemälden sehen.
Das Gemälde „Margarete am Spnnrad“ (rechts) von Ary Scheffer (1831) neben anderen Gretchen-Darstellungen in der Münchner Kunsthalle. Foto: Matthias Balk (dpa) Das Gemälde „Margarete am Spnnrad“ (rechts) von Ary Scheffer (1831) neben anderen Gretchen-Darstellungen in der Münchner Kunsthalle.

Als im Januar 1773 die Magd Margaretha Brand als Kindsmörderin verurteilt wurde, war der junge Rechtsassessor Johann Wolfgang Goethe einer der genauesten Beobachter ihres Prozesses. Nach diversen Einsprüchen und Gnadengesuchen, die allesamt abgelehnt wurden, wurde ihr an der Frankfurter Hauptwache der Kopf mit dem Schwert abgetrennt. Ganz Frankfurt hatte den Prozess mit Aufmerksamkeit begleitet, die Umstände waren spektakulär: Die Magd war von einem durchziehenden Goldschmied geschwängert worden, hatte ihren Zustand verheimlicht, den Säugling nach der Geburt ermordet und war über Höchst nach Mainz geflohen.

Frankfurts Kindsmörderin

Vollkommen mittellos und entkräftet war sie nach einem Tag zurückgekehrt und wurde verhaftet. Goethe war mit zahlreichen Prozessbeteiligten persönlich bekannt: Der Gerichtsschreiber war früher sein Hauslehrer gewesen, die Ärzte, die Susanna Margaretha Brand behandelten, waren auch die Hausärzte der Goethes und Textors, und sein späterer Schwager Johann Georg Schlosser war der Schriftführer des Scharfrichters. So sehr beschäftigte Goethe die Geschichte der Kindsmörderin, dass sie zentral wurde für sein Versdrama „Faust“, an dem der Dichter fast sein ganzes Leben lang arbeitete: eine Magd, die am gesellschaftlichen Druck zerbricht, eine Liebe, die nicht sein darf. Bei Goethe ist der Mann, Faust, ein Verführer, zugleich aber selbst ein Getriebener, rastlos im Streben nach immer mehr.

Bilder mit Bühne

Die Ausstellung „Du bist Faust“ in der Münchner Kunsthalle nimmt den Besucher bei der Hand und führt ihn auf einem faszinierenden Parcours durch 13 Räume und ebensoviele Stationen des Goethe’schen Versdramas, die allesamt zeigen: Das Stück hat nichts von seiner Wirkkraft verloren hat, weil es Themen verhandelt, die bis heute aktuell sind. Ein riskanter Ansatz. Dass das Vorhaben gelingt, ist nicht zuletzt dem begnadeten Bühnenbildner Philipp Fürhofer zu verdanken, der jedem einzelnen Raum ein dem Thema entsprechendes intensives Gepräge gegeben hat. Seit nicht langer Zeit ist Fürhofer auch ein Frankfurter Bekannter. Als er kürzlich Frankfurts Schirn-Rotunde zu einem begehbaren Spiegel-Illusionsraum umgestaltete, war das eine der spektakulärsten Inszenierungen dieses schwierig zu bespielenden Halb-Außenraums, die es je gab.

Marmorskulptur „Faust und Magarete“ (1861) von Tommaso Solari. Bild-Zoom Foto: Matthias Balk (dpa)
Marmorskulptur „Faust und Magarete“ (1861) von Tommaso Solari.

Fürhofer nimmt das „Du“ im Ausstellungstitel wörtlich und stellt den Besucher auf die Faust’schen Bühnenbretter. Um ihn soll es gehen, und nicht um irgendeine Theaterfigur. Die ersten drei Räume stellen die Protagonisten vor: Mephisto, Faust, Gretchen. Dichter Goethe ist gleich zwei Mal zu sehen: einmal als junger Stürmer-und-Dränger-Dandy und einmal im reifen Alter. Was macht es mit einem, und was macht es mit dem Stoff, wenn man ihn ein ganzes Leben lang mit sich herumträgt? Meisterhaft arbeitet Fürhofer mit Spiegeln: Es gibt Räume, die mit semipermeablen Wänden funktionieren: Wenn man durch sie hindurchblickt, scheint da, wo hoffnungsvoll die Liebesgeschichte zwischen Faust und Margareta verhandelt wird, ahnungsvoll in der Ferne die Tragödie auf. Kuratorin Nerina Santorius weiß wohl, dass sich viele Besucher an den „Faust“-Stoff zunächst einmal als unliebsame Pflichtlektüre aus Schulzeiten erinnern. Sie setzt deshalb alle Hebel in Bewegung, die solchermaßen Beschwerten mit jener Begeisterung anzustecken, die der Stoff in 200 Jahren immer wieder hervorrief. Nicht umsonst ist das Ausstellungsthema die Kunst, die den „Faust“-Stoff spiegelt. Faust scheitert an seinen Unbedingtheitsansprüchen und flüchtet mithilfe von Mephisto in Rausch und Exzess.

Stumme Filme

Carl Gustav Carus hat den Pakt gemalt, viele andere Künstler haben sich davon inspirieren lassen, wie Faust Gretchen verführt: Wie sie sich von dem Geschmeide, das er ihr schenkt, hinreißen und zu dem Glauben verleiten lässt, sie könne damit tatsächlich zu einem anderen Menschen werden, zeigt hinreißend nicht zuletzt Friedrich Wilhelm Murnaus berühmte Verfilmung aus den 20er Jahren. Überhaupt spielen Filme keine geringe Rolle: Sie geben oft die Stimmung vor, sorgen für Belebung und aktualisierende Akzente. Die Theaterinszenierungen von Gustaf Gründgens und Peter Stein, István Szabós „Mephisto“-Film aus den 80er Jahren nach dem Roman von Klaus Mann.

Von hinten tritt der Besucher auf die Bühne von Gounods „Faust“, einer der spektakulärsten französischen Opernerfolge des 19. Jahrhunderts. Das durch Spiegel, Tapeten und Raumfarben erzeugte Ambiente hält die Ausstellung zusammen, die heterogen künstlerische Positionen am Erzählstrang des Dramas aufreiht. Dass alles auf den Rausch und die orgiastische Exaltation der Walpurgisnacht zusteuert, bebildern so unterschiedliche Künstler wie der abstrahierende Willi Baumeister und der Spanier Luis Ricardo Falero, der die Walpurgisnacht nutzt, um eine vor nacktem Fleisch nur so strotzende Versammlung von Femmes fatales zu malen.

Frankfurts Goethe, hier rechts gemalt von Joseph Karl Stieler 1928, hat sich mit Dr. Faust und Mephisto jeweils ein anderes Ich geschaffen. Der Gute und der Böse sind die zwei Seelen in seiner Brust, die auch in jedem anderen Menschen schlagen. Daher der Ausstellungstitel „Du bist Faust“. Bild-Zoom Foto: Matthias Balk (dpa)
Frankfurts Goethe, hier rechts gemalt von Joseph Karl Stieler 1928, hat sich mit Dr. Faust und Mephisto jeweils ein anderes Ich geschaffen. Der Gute und der Böse sind die zwei Seelen in seiner Brust, die auch in jedem anderen Menschen schlagen. Daher der Ausstellungstitel „Du bist Faust“.

Im Mittelpunkt des Münchner „Faust“-Spektakels, das sich die bayerische Landeshauptstadt bis 29. Juli verordnet hat, zeigt „Du bist Faust“ zwei Jahrhunderte einer Rezeption, die bis heute nicht an Wirkung verloren hat. Die Ausstellung endet in einem Raum, der den Text selber noch einmal zu Wort kommen lässt: in berühmten Zitaten, allesamt dem „Faust“ entnommen und längst eingegangen ins allgemeine Spruchgut. Zum Abschied wieder ein roter Theatervorhang: Und auf der Bühne steht der Betrachter im Spiegel, gemeinsam mit Faust, mit Gretchen und Mephisto, und jede Figur hält ihm einen kleinen Epilog. Abgang. Wirklich großes Theater.

Du bist Faust

Kunsthalle München, Theatinerstra . Bis 29. Juli, täglich 10–20 Uhr. Eintritt 12 Euro. Telefon (089) 22 44 12.
Internet www.kunsthalle-muc.de

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