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Buchpreisbindung ist umstritten: Was wollen wir in Zukunft lesen?

Von Der Buchbranche geht es nicht gut. Mehr als sechs Millionen Leser sind dem deutschsprachigen Markt seit 2013 verlorengegangen. Die europäische Monopolkommission in Brüssel empfiehlt jetzt, die Buchpreisbindung zu kippen. Was würde das für Verlage bedeuten? Wir haben nachgefragt bei Weissbooks in Frankfurt.
Die Frankfurter Verlegerin Anya Schutzbach. Die Frankfurter Verlegerin Anya Schutzbach.

Anya Schutzbach ist Verlegerin des Frankfurter Verlags Weissbooks: Der Verlag, 2008 gegründet, publiziert Belletristik und erzählende Sachbücher. Der Schwerpunkt liegt auf deutscher Gegenwartsliteratur. Doch wer Ausgefallenes mit Qualität sucht, geht auch Risiken ein. Nicht immer stehen die Chancen so gut wie in diesem Jahr: Der junge Autor Lennardt Loß wurde zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen.

Bislang hat jedes Buch seinen festen Ladenpreis – gleich ob man es im Internet, bei einer Kette oder im kleinen Laden um die Ecke kauft. Nicht jeder aber verdient gleich viel daran. Einen Rabatt ab 40 Prozent verlangt der Einzelhandel, große Ketten wollen 45 Prozent. Das heißt: Geht ein Buch für 20 Euro über die Ladentheke, bekommt der Verlag 11, die Buchhandlung für ihre Vermittlungsleistung 9 Euro. Internethändler verlangen Rabatte „ab 50 Prozent aufwärts“, sagt Anya Schutzbach. Ihnen bleibt also mehr als die Hälfte des Verkaufspreises. Für seine Marge liest der Buchhändler das Buch, empfiehlt es, im Idealfall präsentiert er es liebevoll, sagt Anya Schutzbach. „Amazon hingegen ist nichts weiter als ein Logistik-Unternehmen, dessen Beratungsleistung sich darauf beschränkt, dass es eine Matrix erstellt und Kundenrezensionen einstellt.“

Klassischer Wettbewerb

Dies alles geschieht auf der Basis eines festen Ladenpreises. Fiele die Buchpreisbindung, käme es im ohnehin nicht fairen Verteilungskampf zu einer zusätzlichen Preiskonkurrenz im Verkauf an den Endkunden. Große Buchhandlungen könnten günstiger verkaufen als kleine – dass das ein Sterben letzterer nach sich zöge, gilt den meisten Branchenkennern als sicher.

„Die unabhängigen Buchhändler sind aber unsere wichtigsten Partner“, sagt Anya Schutzbach. „Wenn wir es nur noch mit den Ketten zu tun haben, werden wir einem Preis- und Rabattdiktat unterworfen sein, unter dem wir auch eine Marktbereinigung auf Verlagsseite erleben werden.“

Rein ökonomisch könne man die Aufkündigung der Buchpreisbindung, wie sie die Monopolkommission empfiehlt, zwar als klassischen Wettbewerb sehen. Doch ob eine Verschärfung des Wettbewerbs dem Kulturgut Buch guttäte, ist fraglich. Denn die Lesekultur ist ohnehin bedroht: 18 Prozent aller Leser sind dem Buchmarkt in den vergangenen fünf Jahren verlorengegangen – für immer. Die Lesekompetenz an Schulen sinkt.

Literarische Vielfalt schützen

In Deutschland sind Verlage verpflichtet, jedem Buch einen festen Preis zu geben. So viel kostet es, gleich, ob man es beim Buchhändler um die Ecke aufstöbert oder im Internet einkauft.

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Wie jüngste Studien zeigen, haben die Menschen weniger Zeit für die Lektüre von Büchern. Das Lesen hat überdies nicht mehr den gesellschaftlichen Stellenwert wie früher. Wenn es noch stattfindet, rangiert es meist nach dem Surfen im Internet und dem Genuss von Netflix-Serien, an den Tagesrand gedrängt. Wer in dieser bedrohlichen Situation nur noch auf Preisbrecher setzt, glaubt Anya Schutzbach, tut der Sache des Lesens nichts Gutes.

„Günstigere Bücher können nur solche mit hohen Auflagen sein.“ Gerade kleinere Verlage aber wie Weissbooks publizieren bislang jenseits des Mainstreams. Sie bedienen Liebhaber und Kenner – und selten jene Sparten, die am Markt erfolgreich sind. „Anspruchsvolle Literatur war noch nie kompatibel mit dem Mainstream.“ Natürlich könne man auch hier mit dem Argument der Marktbereinigung kommen: „Brauchen wir überhaupt so viele Bücher?“ Zwingend notwendig sei das nicht. Aber die Vielfalt des Angebots schränkte es natürlich dennoch ein.

Kulturelle Argumente

Es würde wohl auch „ein Leben nach der Buchpreisbindung“ geben, sagt Schutzbach. Ob das allerdings ein besseres wäre, bezweifelt sie. Die Monopolkommission argumentiert in ihrem mehr als 90-seitigen Empfehlung vornehmlich ökonomisch. Kulturelle Argumente, vermutet Schutzbach, seien aus dieser Sicht nur sekundär wichtig. Der Verlust der Buchpreisbindung wäre ein zusätzlicher Tropfen, der den Stein höhlt: „Sehenden Auges sind wir mit Entscheidungen konfrontiert, die eine so herausragende Leistung wie das deutsche Buchhandels- und Verlagswesen immer mehr schwächen.“

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