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Vokalkunst in vollendeter Sensibilität beim Rheingau-Musik-Festival: Wenn aus Liebesglut bohrende Liebesqual wird

Der Pianist Igor Levit und der Tenor Simon Bode machen Schuberts „Schöne Müllerin“ auf Schloss Johannisberg zur Sternstunde des Liedgesang.
In Aktion: Igor Levit begleitet am Flügel den Sänger Simon Bode auf Schloss Johannisberg. Foto: Ansgar@Klostermann.net In Aktion: Igor Levit begleitet am Flügel den Sänger Simon Bode auf Schloss Johannisberg.

Franz Schubert könnte diese helle, jugendliche Männerstimme im Ohr gehabt haben, als er 1823 seine „Schöne Müllerin“ komponierte. Birgt doch Simon Bode in seinem lyrischen Tenor eine zutiefst berührende, unschuldig weiche Kapsel, mit der er im melodramatischen Liederzyklus das tödliche Verletzt-Sein des abgewiesenen Müllersburschen beglaubigt. Mehr noch: Begleitet von seinem langjährigen Freund und diesjährigen „Artist in Residence“ beim Rheingau-Musik-Festival, Igor Levit, erlebte der seit Wochen ausverkaufte Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg eine Sternstunde des Liedgesangs. Zu Recht erntete das Musiker-Duo nach knapp 60 Minuten enthusiastischen Applaus.

Dabei drängen sich Vorlieben und Parallelen auf zwischen dem Wiener Liederkomponisten und seinen beiden diesjährigen Interpreten, die den Zyklus erstmals gemeinsam ausgestalten. Für Igor Levit sind wertvolle Menschen und die Freundschaften mit ihnen die wichtigsten Inspirationsquellen.

Auch für Franz Schubert galt: Ohne seinen Freundeskreis, zu dem auch der gesellschaftskritische Poet Wilhelm Müller gehörte, dessen Gedichte er in der „Winterreise“ und der „Schönen Müllerin“ vertonte, wäre die Musikgeschichte anders verlaufen. Igor Levit und Simon Bode kennen sich seit Schulzeiten und machen in den letzten Jahren mit teils persönlichen, teils kritischen Liederabenden von sich reden. Ist es außerdem ein Zufall, dass sich der russische Pianist (30 Jahre alt) dem Todesalter Schuberts nähert, während Simon Bode mit genau 33 Jahren die Lebenszahl erreicht hat, in der Wilhelm Müller nach einem Schlaganfall elend zugrunde ging?

Fest steht: Die Jugend der beiden Künstler erhöht noch das Thema der in der „Schönen Müllerin“ beschriebenen Liebesglut und Liebesqual. Umso ergreifender gelingt die Sezierung der seelischen Wunden, die den namenlosen Müllersburschen zu Selbstmordgedanken treibt. Simon Bode verkörpert ihn mit vollendeter Sensibilität und dem richtigen Schuss echter Überraschung. Unbeschwert ausschreitend beim „Wandern“, temperamentvoll und neugierig im rasanten „Halt“ und voller Ungestüm in der überschwänglichen „Ungeduld“. Schrecklich dann die wortdeutlich vorgetragene Zurückweisung durch die Geliebte, und „die böse Farbe“ Grün, dem Erkennungsmerkmal des Jägerrivalen. Bode steigert seine Wut jetzt bis zum Furor, etwa beim enttäuscht hervorgestoßenen „Und reiche mir zum Abschied deine Hand“.

Igor Levits wüste Tempi, seine klaren Pianissimi und die Behutsamkeit seiner Begleitung grenzen an ein Wunder. Viel zu früh setzt der Applaus des Publikums ein. Nur zu gern hätte man seinem versiegenden Kommentar zum „Wiegenlied des Baches“ länger nachgespürt.

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