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Albert Camus’ „Caligula“ im Schauspiel Frankfurt: Wenn eh alles egal ist, ist dann alles erlaubt?

Von Unter den römischen Kaisern ist er berüchtigt für seine Lust an Terror und Gewalt. Der französische Autor Albert Camus hat ihn in seinem Stück zu einem abgründigen Nihilisten gemacht.
Björn Meyer als brutaler römischer Kaiser. Foto: Birgit Hupfeld Björn Meyer als brutaler römischer Kaiser.
Frankfurt. 

Nicht erst heute sehen wir dubiose Leute an der Macht. Schon das Imperium Romanum ächzte unter zweifelhaften Regenten. Natürlich: Schlichte Vergleiche verbieten sich, zumal der römische Caligula in seiner Negativität eine Ausnahmeerscheinung war. Nicht umsonst sprach man im Zusammenhang mit ihm von „Cäsarenwahn“.

Lange galt Caligula in der Geschichtsschreibung als wahnsinnig. Schaudernd hatten die Geschichtsschreiber und Autoren seiner Epoche seine furchtbaren Taten beschrieben: etwa die Spiele, bei denen Caligula in einen Blutrausch verfallen sein soll. Senatoren ließ er köpfen oder Tieren zum Fraß vorwerfen. Eine Biografie des deutschen Althistorikers Aloys Winterling entwarf 2003 ein etwas anderes Bild. Einen menschenfreundlichen, auch nur halbwegs sympathischen Herrscher machte aber auch er nicht aus Gaius Iulius Caesar – wie Caligula (12–41 n. Chr.) eigentlich hieß. Doch zeigte Winterling, dass Caligulas Taten politisch motiviert waren: Caligula hatte nicht nur erlebt, wie seine eigene Familie ausgelöscht worden war, er hatte auch die Ränkespiele der Macht beobachtet und musste zusehen, wie er die Senatsaristokratie in ihre Schranken weisen konnte.

In der Revolte

Albert Camus’ Vierakter „Caligula“, im Frühjahr 1945 in Genf uraufgeführt, ist allerdings kein historisches Drama. Die Frage, ob Caligula aus Wahnsinn gehandelt hat oder ob es politische Gründe für seine Grausamkeiten gab, interessierten Camus nicht. Vielmehr spielt Camus an Caligula eine Haltung zur Absurdität des menschlichen Daseins durch. Der Kaiser ist ein scharfsinniger Mann, ein Intellektueller – manchmal etwas melancholisch-schwermütig. Wo Camus’ Sisyphos der Absurdität gleichsam entkommt, indem er sie akzeptiert und den Stein weiter rollt, revoltiert Caligula gegen das Absurde und leitet daraus menschenverachtende Freiheiten für sich ab, nach dem Motto: Wenn eh alles egal ist, kann ich tun und lassen, was ich will. Alles ist erlaubt.

Als eine solche Revolte inszeniert Dennis Krauß seine Version von Camus’ Gedankenspiel. Björn Meyer als Caligula sagt gleich zu Beginn, dass er den Mond (Sinnbild für das Unerreichbare) wolle und dass er nicht verrückt sei. Wie er da ruhig steht und spricht, wird klar, dass er seine Taten aus der Erkenntnis ableitet: „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“. Eine Träne rinnt Meyer die Wange hinunter. Später wird er sich wie ein Kind auf der Suche nach Liebe oder Geborgenheit an die weise Caesonia (Yodit Tarikwa) schmiegen oder, als sei er zu schwer geworden, seinen Kopf auf die Schulter von Scipico (Alex Friedland) legen. Es sind wenige kurze Momente, in denen Krauß seinen Figuren gestattet, in seinem bewegungskarg inszenierten Sprachdenkstück Emotionen körperlich darzustellen. Geradezu im Körper gefangen wirkt auch Chereas Wut (Justus Pfannkuchen) auf Caligula.

Die Kostüme hüllen die Darsteller in eine Art Toga, auf denen sich an die französische Trikolore erinnernde Streifen befinden. Und Krauß scheint den Moralphilosophen Camus noch im Verzicht auf Dramatik überbieten zu wollen. So viele absurde Freiheiten, wie sie sich Caligula nimmt, so wenig Freiheiten gönnt Krauss seinen Spielern. Am freiesten erscheint ironischerweise der freigelassene Sklave Helicon. Den lässt hier ein ziemlich bei sich selbst seiender David Hirst auf einer E-Gitarre spielen – auch wenn der Sound nach Ungemach klingt.

Zwar knipst Krauß seinem Rom nach und nach das Licht aus. Mit jeder neuerlichen Zuspitzung oder als Zäsur zwischen den vier Akten schwindet das Licht aus den drei anfangs leuchtenden Buchstaben „Rom“. Insgesamt wirkt die rund 75minütige Inszenierung aber leider etwas hölzern und ächzt unter ihrer formalen Strenge.

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