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Thomas Melle wird neuer Stadtschreiber von Bergen-Enkheim: Wenn im Kopf die Hölle losbricht

Von Zuletzt wurde Thomas Melle für seinen erschütternden Roman „Die Welt im Rücken“ gefeiert. Er erzählt darin von seiner schweren seelischen Erkrankung.
Thomas Melle („Die Welt im Rücken“) lebt in Berlin. Am 1. September soll er in Frankfurt neuer Stadtschreiber werden. Foto: Arne Dedert (dpa) Thomas Melle („Die Welt im Rücken“) lebt in Berlin. Am 1. September soll er in Frankfurt neuer Stadtschreiber werden.

Als im vergangenen Herbst „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle erschien, waren Literaturbetrieb und Publikum elektrisiert. Im Frühjahr hatte Benjamin von Stuckrad-Barre sein „Panikherz“ herausgebracht, einen autobiografischen Roman über die eigene Drogen- und Magersucht, über Depression und Kontrollverlust, ein flottes, manchmal selbstironisches, gleichwohl ehrliches und zutiefst berührendes Buch. Dann kam Thomas Melle. Und führte die Leser noch tiefer in die Abgründe der Seele, dorthin, wo Wahn und Wirklichkeit ununterscheidbar werden – an die Ränder des Bewusstseins.

„Das ist kein Roman, das ist der Hammer“, jubelte die Kritik. Christian Preußer schrieb in dieser Zeitung von einem der „aufregendsten Bücher des Jahres“. Warum? Erstmals hatte ein Schriftsteller in romanhafter Form zum Thema gemacht, was im psychiatrischen Jargon heute „bipolare Störung“ heißt, früher als „manisch-depressiv“ bekannt war und Erkrankte als Grenzgänger des eigenen Ichs markierte, denen Ahnungslose und unaufgeklärte vielfach mit Misstrauen, auch Ablehnung begegneten.

1975 geboren, leidet Thomas Melle seit Jahren an einer besonders schweren Form der Krankheit. Drei manische Schübe, denen monatelange Phasen tiefer Depression folgten, hat der Autor bislang erlebt. Erstmals hat ein Schriftsteller in dieser Intensität über die Krankheit geschrieben. Was früher als Melancholie, Trübsinn, Schwermut, Wahn oder Verrücktheit in der Literatur vor allem an exzentrischen Doppelgänger-Figuren haftete, beschreibt Melle als nahezu vollkommenen Wirklichkeitsverlust, als existenzielles Beben, wie es womöglich bis dahin nur in Georg Büchners „Lenz“ ähnlich überwältigend zur Sprache gefunden hat.

Bis der Absturz kommt

Thomas Melle, der 2016 mit diesem autobiografischen Roman bereits zum insgesamt dritten Mal für den Deutschen Buchpreis nominiert war, ohne ihn letztlich zu erhalten, verfügt nicht nur über das Krankheitserlebnis selbst, sondern, was für den Schriftsteller wichtiger ist, über die sprachlichen und literarischen Mittel, um es anderen erfahrbar zu machen. Präzise schildert Melle, wie er die Herrschaft über sein Bewusstsein verliert, wie die Realität sich plötzlich in einen parallelen Kosmos voll rätselhafter Zeichen und Botschaften mit unauslotbaren Bedeutungen verwandelt. Wie ihn in den manischen Perioden auf einmal ungeheure Energien befeuern, die ihn ruhelos durch Tage und Nächte hetzen. Im Kopf flackert’s. Die überreizten Nerven nehmen Töne, Lichter, Gerüche und Gesichter, Räume und Gegenstände jetzt als ein fremdes Universum mit unentzifferbaren Sinnchiffren und grotesken Chimären wahr. Das euphorische Ich fühlt sich mächtig. Bis der Absturz kommt – in die Angst, die Lähmung, die Scham. Die Seele verfinstert sich, wird matt und kraftlos. Selbstmord scheint eine Lösung. Am Ende sind es Medikamente, Therapien, Klinikaufenthalte. Melle ist heute stabil. Die Gefahr, dass die Krankheit wieder auflebt, bleibt. Schonungslos erzählt Melle in diesem Roman von seinen Zusammenbrüchen, seinen Zeiten in der Hölle und in der Gosse.

Melle begann, nach einem Studium der Literatur und Philosophie in Tübingen und Schreibkursen in den USA, als Bühnenautor, verfasste zahlreiche Stücke, die an deutschen Theatern aufgeführt werden. 2011 erschien sein hochgelobter Debütroman „Sickster“. Bereits in diesem Buch ist die Welt aus den Fugen. Die Geschichte handelt von einem psychotischen Akademiker und einem alkoholkranken Macho, die erst bei einem Öl-Konzern, dann mit der Freundin in der Psychiatrie landen, wo sie aufbegehren gegen das, was sie kaputt gemacht hat. 2014 folgt der Roman „3000 Euro“, der von einer Supermarktkassiererin erzählt, die als Pornodarstellerin arbeitet und auf ihre Gage wartet, und einem Obdachlosen, der Schulden hat. In beiden Fällen geht es um 3000 Euro.

Die neunköpfige Jury hat sich mit Thomas Melle für einen hervorragenden Autor ausgesprochen. Die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, die schon Schriftsteller wie Peter Rühmkorf, Peter Härtling, Herta Müller und zuletzt Sherko Fatah mit dem schönsten aller deutschen Literaturpreise ausgezeichnet hat, lädt einen der spannendsten Autoren der jüngeren Generation nach Frankfurt: Ob er ins Stadtschreiberhaus einzieht, ob und was er dort schreibt, bleibt ihm überlassen. Das Preisgeld von 20 000 Euro ist Thomas Melle so oder so gewiss.

Traditionell wird der Stadtschreiber während des Berger Markts festlich in sein neues Amt eingeführt. In diesem Jahr soll das am 1. September geschehen.

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