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Porträt: Wer folgt dem Maestro Andrés Orozco-Estrada nach?

Von Wenn Andrés Orozco-Estrada 2021 den Chefposten der Wiener Symphoniker übernehmen wird, dann wird er sieben Jahren in Frankfurt gewirkt haben. Besonders die Open-Air-Konzerte am Main, aber auch seine temperamentvollen Auftritte mit dem HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper und beim Rheingau-Musik-Festival werden den Klassik-Fans in Erinnerung bleiben.
Mit seiner extrovertierten Art wurde der gebürtige Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada rasch zum Publikumsliebling bei den Auftritten des HR-Orchesters. Foto: Manfred Roth (HR) Mit seiner extrovertierten Art wurde der gebürtige Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada rasch zum Publikumsliebling bei den Auftritten des HR-Orchesters.

Andrés Orozco-Estrada verlässt das HR-Sinfonieorchester. Es handelt sich dabei weder um einen plötzlichen Rückzug noch um eine Flucht. Im Gegenteil: Wechsel von Orchesterleitern sind üblich. Sie werden, wenn sie vertragsgemäß verlaufen, frühzeitig angekündigt, weil der Musikbetrieb Jahre im Voraus plant. Das unterscheidet Sinfonieorchester von Fußballvereinen, wo Trainer von heute auf morgen entlassen werden oder von der höhere Perspektiven (und Einkünfte) versprechenden Konkurrenz aus Verträgen herausgekauft werden können.

Wenn der aus Kolumbien stammende Dirigent also im Sommer 2021 zurück nach Wien geht, dorthin, wo er studiert hat und wo seine Familie lebt, werden seit seinem Dienstbeginn in Frankfurt sieben Spielzeiten vergangen sein. Paavo Järvi, sein Vorgänger, wirkte (bis 2013) nicht länger am Main, vor ihm Hugh Wolff neun Jahre (bis 2006), und kaum noch erinnert man sich an Dimitri Kitajenko, der das Amt an der Spitze des HR-Sinfonieorchesters im Wendejahr 1990 angetreten hatte und ebenfalls nur sieben Jahre blieb.

Wichtiges Signal

Viel zu früh ist es, Bilanz zu ziehen. Dennoch: Auf der Habenseite des 40-jährigen Kolumbianers stehen die spektakulären Open-Air-Konzerte auf der Weseler Werft. Nicht nur, dass hier Zehntausende live und ohne Krawattenzwang dabei sein können, sondern auch der Umstand, dass der Hessische Rundfunk sich mit aller Medienpower unserer Zeit in Hörfunk, Fernsehen und Internet hinter sein Orchester stellt, ist ein wichtiges Signal.

Das HR-Sinfonieorchester wird sich auf einen neuen Chef – oder eine Chefin – einstellen müssen. Davon unberührt genießen die Musiker große Sympathie bei den heimischen Klassikfreunden. Bild-Zoom Foto: (HR/Pressestelle)
Das HR-Sinfonieorchester wird sich auf einen neuen Chef – oder eine Chefin – einstellen müssen. Davon unberührt genießen die Musiker große Sympathie bei den heimischen Klassikfreunden.

Manche wünschen dem Dirigenten, sein Repertoire zügig zu erweitern, andere fragen sich, warum er Bühnenwerke von Richard Strauss im Konzert spielen lässt, wo nebenan die Oper mit dem Museumsorchester und Sebastian Weigle (der übrigens schon zehn Jahre in Frankfurt wirkt und keine Absicht zeigt, die Stadt zu verlassen) exemplarische Arbeit verrichten. In jedem Fall ist Orozco-Estrada ein umgänglicher Typ, hat beim Dirigieren auch den Nachvollzug von Musik durch das Publikum im Blick, spricht außerdem Deutsch – das nimmt die Musiker wie auch die Hörer für ihn ein.

Natürlich wird gleich gefragt – auch hier ist der Musikbetrieb vom Fußball nicht weit entfernt –, wie es beim HR weitergeht. Die Existenz und die Leistungen der bundesweit zwölf gebührenfinanzierten Sinfonieorchester werden sehr auffällig immer wieder ins Spiel gebracht, wenn es um die Beitragssituation beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht. Vor diesem Hintergrund ist der Renommierfaktor nicht zu unterschätzen. Je prominenter der Name an der Spitze eines Klangkörpers, desto unangreifbarer das Orchester. Namen allerdings sind teuer (nur große Anstalten, wie etwa der Bayerische oder der Westdeutsche Rundfunk können sie sich leisten) und bisweilen auch schon verbraucht; sie locken mit Erfahrung, die wiederum leicht Gefahr läuft, in Routine zu erstarren.

Chance genutzt

Reizvoller ist da schon, auf junge, ehrgeizige Dirigenten zu setzen und ihnen ein gut gepolstertes Sprungbrett zu bieten. Sowohl Järvi als auch Orozco-Estrada haben diese Chance genutzt; der eine setzt seine Karriere nun beim Orchestre de Paris und alsbald beim Tonhalle-Orchester Zürich fort, der aktuelle Chefdirigent wird bei den Wiener Symphonikern anheuern, dem zweiten Orchester der österreichischen Metropole. Solche Schritte gelangen jedoch nicht immer: Wolff, Kitajenko und vor ihm bereits Eliahu Inbal konnten ihren Status mit ihrem Weggang nicht unbedingt verbessern.

Der moderne Jet-Set erlaubt vielen Dirigenten heute, mehrere Orchester zu leiten. Bis zu drei Chefpositionen – bei zehn bis fünfzehn vertraglich verpflichteten Arbeitswochen im Jahr – sind (nach ihrer und ihrer Agenten Meinung) locker zu bewältigen. Ob das den jeweiligen Orchestern gut tut, steht auf einem anderen Blatt. Denn auch hier ist die Welt in Bewegung geraten. Gerade an den ersten Pulten und bei den Solo-Bläsern wechseln die Musiker häufig; der Zuwachs an international ausgebildeten jungen Leuten erfordert, um einen spezifischen Orchesterklang zu erzeugen, permanentes Training auf hohem Niveau. Es anzuführen, gehört ebenfalls zu den Aufgaben eines Chefdirigenten. Eliahu Inbal und Hugh Wolff hat man in Frankfurt noch immer als „Marke“ in Erinnerung, weil sie mit diesem Sinfonieorchester ihre maßstäblichen Mahler- und Bruckner-, Haydn- und Beethoven-Sinfonienzyklen erarbeitet haben.

Frauen am Pult

Für die HR-Musik, an der Spitze der unerschrockene und mutige Orchestermanager Michael Traub, gibt es unangenehmere Aufgaben als die, aus der Vielzahl junger Dirigenten eine geeignete Persönlichkeit auszuwählen. Ein PR-Coup, wie ihn das neuformierte SWR-Orchester landete, indem es den umstrittenen, aber von jungen Leuten (insbesondere Frauen) gehypten Griechen Teodor Currentzis nach Stuttgart holte, wird ihm eher nicht vorschweben. Womöglich besinnt man sich auf die endlich wachsende Zahl hervorragender Frauen am Pult. Warum nicht den Spuren des Birmingham Symphony Orchestra folgen, das mit Mirga Gražinté-Tyla vor Jahresfrist einen mutigen Maßstab gesetzt hat? Man wird sich, ob beim HR oder andernorts, an Namen wie Susanna Mälki, Joanna Mallwitz, Anja Bihlmeier oder Oksana Lyniv gewöhnen müssen!

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