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Heldengeschichten: Wer kennt noch Winnetou?

In Elspe und Bad Segeberg ist Winnetou umjubelt – dabei ist der Apachenhäuptling für die heutige Jugend ein großer Unbekannter. Eine Expertin für Heldenfiguren kann den Widerspruch auflösen.
Winnetou lebt – zumindest bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg, wo der Schauspieler Jan Sosniok als Apachenhäuptling durch die Zuschauerränge des Freilichttheaters reitet. Foto: Georg Wendt (dpa) Winnetou lebt – zumindest bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg, wo der Schauspieler Jan Sosniok als Apachenhäuptling durch die Zuschauerränge des Freilichttheaters reitet.

Explosion im Sauerland: Am Ende knallt’s gewaltig bei „Winnetou II“, drei Bohrtürme stehen in Flammen, und der Bösewicht wird von einem Feuerteppich in die Tiefe gestürzt. Es ist der Höhepunkt bei den diesjährigen Karl-May-Festspielen in Elspe. Und auch auf dem Kalkberg in Bad Segeberg reiten sie wieder: der edle Apachenhäuptling Winnetou und sein Blutsbruder Old Shatterhand. Mit „Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg“ gehen die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg in ihre 67. Saison.

Eine Bronzebüste erinnert in Radebeul an Karl May. Bild-Zoom Foto: Matthias Rietschel (epd)
Eine Bronzebüste erinnert in Radebeul an Karl May.

Bis September werden wohl wieder 200 000 Menschen ins Sauerland pilgern – und sogar 370 000 nach Bad Segeberg in Schleswig-Holstein. Dabei werden die Werke des sächsischen Schriftstellers aus dem Wilhelminischen Deutschland kaum noch gelesen. Winne-Who? Der Häuptling der Apachen ist heute ein Unbekannter.

Zum Nachspielen geeignet

„Das liegt zum einen am Genre Western, das heute im Prinzip keine Rolle mehr spielt“, erläutert die Medienwissenschaftlerin Maya Götz aus München, Expertin für Heldenfiguren. „Wir haben seinerzeit eine komplett andere Fernsehsituation gehabt. Da gab es nur wenige für die Familie oder Kinder wirklich hochattraktive Abenteuergeschichten, und das waren dann eben vor allem auch die Karl-May-Filme. Diese Rolle haben jetzt Filmserien wie „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ übernommen. Das sind ganz andere Fantasywelten, in denen spektakuläre Computeranimationen eine große Bedeutung haben.“

Das Karl-May-Museum bietet mehr als Indianerromantik

Radebeul bewahrt ein Vermächtnis: In der Kleinstadt bei Dresden erinnert seit nunmehr 90 Jahren ein Museum an den Schriftsteller Karl May (1842–1912). In seinem letzten Wohnhaus – der „Villa Shatterhand“,

clearing

Zeige man Kindern die alten Karl-May-Filme mit Pierre Brice aus den 60er Jahren, funktionierten diese aber immer noch. Überhaupt hat das Indianer-Genre nach Einschätzung von Götz einen großen Vorteil gegenüber Science-Fiction-Serien wie „Star Wars“: „Indianer – das ist sehr viel dichter an der eigenen Spielwelt. Nachspielen ist für Kinder hochattraktiv. Anschleichen oder am Marterpfahl stehen. Ich kann mir vielleicht auch noch vorstellen, mit einem Pferd einen Abhang hinunterzureiten. Aber ein Raumschiff durchs Weltall zu steuern – das eher nicht. Das ist zu weit von meiner Lebenswirklichkeit entfernt.“

Die anhaltende Anziehungskraft der Karl-May-Spiele in Elspe und Bad Segeberg erklärt sich für Götz vor allem daraus, dass es spannendes Event-Theater ist. „Da kann ich ganz viel gucken, da sind Pferde, Eisenbahnen, Explosionen. Das ist also quasi ein sehr viel aufwendigeres Theaterstück. Normales Theater ist für Kinder oft ein bisschen langweilig, verglichen mit dem, was sie sonst sehen.“

Einfach strukturiert

Auch der Winnetou-Darsteller in Elspe, Jean-Marc Birkholz („Polizeiruf 110“/„Soko Leipzig“), hat festgestellt: „Natürlich kennen die Kinder die Bücher nicht mehr.“ Deshalb könnten sie mit Winnetou zunächst mal nicht viel anfangen. „Aber sie kommen dann sofort rein. Gut gegen Böse – das ist ihnen vertraut. Und die Geschichten sind so einfach strukturiert, dass sie sofort wissen, wer der Held ist.“ Das Schöne sei, dass das Geschehen auf der Bühne sie sofort zum Nachspielen animiere: „Das sehe ich manchmal schon in der Pause.“

Die Figur eines Häuptlings der Dakota-Indianer mit Federschmuck ist in der Villa Bärenfett im Garten des Karl-May-Museums zu bewundern. Bild-Zoom Foto: Matthias Rietschel (epd)
Die Figur eines Häuptlings der Dakota-Indianer mit Federschmuck ist in der Villa Bärenfett im Garten des Karl-May-Museums zu bewundern.

Der elf Jahre alte Lennart aus Köln, der schon seit mehreren Jahren nach Elspe fährt, steht eigentlich eher auf Flash, Hulk und Superman. Aber die etwas altmodische Abenteuerwelt auf der Naturbühne weiß er ebenso zu schätzen: „Die Hauptpersonen bei Marvel sterben sowieso nicht. Bei Winnetou weiß man nie. Das ist voll realistisch – und das macht es spannender.“

Karl-May-Festspiele

Elspe, bis 9. September.
Karten von 14,90 bis 34,90 Euro
unter Telefon (0 27 21) 9 44 40.
Internet www.elspe.de;
Bad Segeberg, bis 2. September. Karten von 15 bis 29,50 Euro
unter Hotline 0 18 05-95 21 11.
Internet www.karl-may-spiele.de

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