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Wer über Leichen stolpert, steckt tief im Schlamassel

Die aktuellen Bücher von drei der besten deutschen Autorinnen versprechen Spannung jenseits des Massenmarktes.

In den schottischen Highlands versucht Caitlin Anderson, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch schon wenige Tage, nachdem sie ihren neuen Job bei einer karitativen Stiftung angetreten hat, stolpert sie über eine Leiche: Es handelt sich ausgerechnet um ihren Exmann, vor dem sie sich in der schottischen Idylle verbergen wollte. Damit nicht genug: Offenbar wird sie auf Schritt und Tritt beobachtet, und Menschen, die ihr nahstehen, kommen unvermittelt zu Tode.

Parallel dazu erhält Ben Edwards, seit kurzem Reporter bei der Tageszeitung Scottish Independent, einen anonymen Hinweis, dass mehrere Kinder in Glasgow unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen seien. Darin verwickelt soll ausgerechnet die "We Help"-Stiftung sein – jene Organisation, für die auch Caitlin arbeitet.

"Der frühe Tod" ist der dritte Krimi von Zoë Beck, und wie seine Vorgänger ist er temporeich, erfrischend geradeaus, atmosphärisch dicht und sorgfältig recherchiert. Zoë Beck gelingt es, ihre sehr lebendig gezeichneten Figuren mit trockenem Witz auszustatten und die verschiedenen Erzählstränge geschickt und spannend miteinander zu verweben.

Weltfremde Ermittlung

Monika Geier legt mit "Müllers Morde" bereits ihren sechsten Krimi vor: Der Umweltmanager eines großen Energiekonzerns stirbt an einer CO2-Vergiftung am Totenmaar in der Eifel. Mit ihm eine Kuh. Ein bedauerlicher Unfall, konstatiert die Polizei: Vulkanische Gase seien ausgetreten und hätten Manager wie Kuh den Tod finden lassen. Als Leser weiß man es besser, und auch der Freund des Umweltmanagers zweifelt an dieser Version. Deshalb engagiert er den Historiker Richard Romanoff, die wahren Hintergründe aufzudecken. Romanoff hat zwar ein Händchen für das Aufspüren von Artefakten, aber eine Mördersuche ist für den etwas weltfremden Fahrradfahrer doch zu viel. Nur widerwillig lässt er sich auf diesen Auftrag ein und kommt einem sehr mysteriösen Mann mit Namen Müller auf die Spur, der in ein sehr zeitgemäßes Verbrechen verstrickt ist. Monika Geier erzählt in "Müllers Morde" aus verschiedenen Perspektiven und mit sehr, sehr feiner Ironie.

Ihre Kommissarin Bettina Boll überlässt diesmal die Hauptrolle dem Geschichtsdozenten, der wahrlich kein Indiana Jones ist. Wie stets schafft es Monika Geier, einen glaubwürdigen Plot in einer überzeugenden Szenerie zu entwerfen, die wundervoll absonderlich und gleichzeitig völlig alltäglich ist. Das funktioniert dank schräger Figuren, die nie überzeichnet sind, und intelligent-seltsamer Dialoge, die verwundertes Entzücken hervorrufen. Staunen ruft auch der neueste Kriminalroman von Uta-Maria Heim hervor: Helene arbeitet freiberuflich als Literaturübersetzerin in einer namenlosen Kleinstadt am Rande des Schwarzwaldes. Als in ihr Büro eingebrochen wird, wird nichts gestohlen außer einer Flasche Parfüm, und doch verändert sich alles.

Alles verändert sich

Eigentlich passiert nicht viel in "Feierabend" – vielleicht handelt es sich nicht einmal um einen Krimi –, und dennoch gerät alles in Bewegung. Heim schildert dies aus der Perspektive von drei Frauen unterschiedlichen Alters. Deren Wahrnehmung des inneren wie des äußeren Geschehens bildet den Kern des Romans – und alle drei sind unzuverlässige Erzählerinnen, die Dinge weglassen, verschweigen, nicht wahrhaben wollen, zum Teil auch nur unzureichend informiert sind. Wo Wirklichkeit endet, wo Realitätsverlust beginnt, verschwimmt. Ebenso verliert die Frage, ob diese Kategorien überhaupt relevant sind, an Bedeutung. Und doch zeigt sich, dass Familiengeschichte sich nicht abstreifen lässt, sondern Widerhall noch Generationen später findet – so zum Beispiel die Frage, was wirklich mit der Zwillingsschwester von Helenes Mutter passiert ist: Wurde sie vor 70 Jahren tatsächlich Opfer des NS-Euthanasieprogramms?

Uta-Maria Heim schreibt dicht und nur scheinbar naiv mit genauem Blick für Dialekte wie für Gegenwart und Gesellschaft. Das ist verwirrend und bedrängend, faszinierend und bewegend.

Zoë Beck: "Der frühe Tod". Lübbe, Tb., 301 S., 8,99 Euro

Monika Geier: "Müllers Morde". Ariadne im Argument-Verlag, Tb., 394 S., 11 Euro

Uta-Maria Heim: "Feierabend". Gmeiner-Verlag, Tb., 327 S., 11,90 Euro

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