E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 20°C

Neuerscheinung: Weshalb ist die Romantik romantisch?

Von Was sagen uns romantische Handschriften heute? Wofür brauchen wir ein Romantik-Museum? In dem Buch „Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand?“ geben neun zeitgenössische Autoren neun famose Antworten.
Dreidimensionale Darstellung aus den Manuskripten Clemens Brentanos „Zum Leben und den Visionen der Anna Katharina Emmerick“, 1850-1852.   Fotos (5): Alexander Paul Englert Dreidimensionale Darstellung aus den Manuskripten Clemens Brentanos „Zum Leben und den Visionen der Anna Katharina Emmerick“, 1850-1852. Fotos (5): Alexander Paul Englert

Wer Kunst zeigen will, nehme schöne Bilder und hänge sie an die Wand. Wer Literatur zeigen will, steht vor einer ungleich schwierigeren Aufgabe. Denn Literatur, fast müßig, es eigens zu sagen, besteht aus Schrift, und ist damit, anders als jedes Bild, erst einmal abstrakt.

Ein Problem, dem sich das neben dem Frankfurter Goethe-Haus bis 2020 entstehende Romantik-Museum stellen muss. Eine verlockende Idee also, vorab einmal zu fragen, welche Geschichten uns romantische Handschriften heute eigentlich erzählen können. Und klug, diejenigen um Rat zu bitten, die es am besten wissen oder ahnen müssten: Schriftsteller von heute.

Zufriedener Joseph von Eichendorff.  Entwurfshandschrift zu „Des Kindes Leben und Tod. Eine Phantasie“: „Gut! u. Fertig!“ Bild-Zoom
Zufriedener Joseph von Eichendorff. Entwurfshandschrift zu „Des Kindes Leben und Tod. Eine Phantasie“: „Gut! u. Fertig!“

Der Buchtitel „Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand?“ ist einem fiktiven Briefwechsel entnommen, den Feridun Zaimoglu entworfen hat, ein glühendes Liebeswerbeschreiben Clemens Brentanos an Karoline von Günderrode fortspinnend. Er eröffnet den Neuner-Antwort-Reigen, und zwar fulminant.

Ins Himmlische erheben

Denn dermaßen behend bewegt er sich in den Sprach- und Gehirnwindungen dieses Nicht-Liebespaares, dass es eine herrliche Freude ist, ihm zu folgen: Clemens, lichterloh brennend, verbrämt kaum den fleischlichen Grund seiner Lust und ergötzt sich mindestens so sehr wie an Karoline an seiner sprachlichen Kraft, mit der er die „lichterloh“ entbrannte Liebe zu Karoline ins Himmlische zu erheben weiß.

Clemens Brentano: Ein Auszug aus dem Werkkonzept zu „Die Lehrjahre Jesu“, 3. Lehrjahr. Bild-Zoom
Clemens Brentano: Ein Auszug aus dem Werkkonzept zu „Die Lehrjahre Jesu“, 3. Lehrjahr.

Welche Handschriften die Autoren wählten, stand ihnen ebenso frei wie das, was sie daraus machten. Thea Dorn beginnt biographisch mit dem Bekenntnis, als Mädchen habe sie Eichendorffs Reclam-„Taugenichts“ mit der Anmerkung „taugt nichts“ versehen. Sich selber bezeichnet sie als kleine „Naseweisin“, was hübsch ist, alldieweil sie das ja bis heute geblieben ist. Sie umkreist den berühmten Vierzeiler: „Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort“. Dabei schwingt sie sich auf zu einer Romantik-Versteherin ersten Grades und übt aus ihrem (eichendorffschen) Geist heraus eine derart luzide und berührende Gegenwartskritik an uns zeitgenössischen „Diesseits-Versessenen“, dass man ihr alle Naseweisheit für immerdar zu verzeihen bereit ist.

Wer ahnen will, was Romantik ist, der lese dieses Buch! Fort setzt sich das mit Peter Härtling, der die Veröffentlichung dieses Buchs nicht mehr miterleben konnte. Er nimmt sich Brentanos „Lore-Lay“-Erfindung vor: Auch sie gehört zum Handschriftenschatz, den das Hochstift verwahrt. Kurze Einleitungen der Forscher des Hauses bereiten den literarischen Erkundungen übrigens den wissenschaftlichen Grund.

Eichendorffs Entwurfshandschrift zu „Des Kindes Leben und Tod. Eine Phantasie“ (vor 1814): „Zu vollenden“. Bild-Zoom
Eichendorffs Entwurfshandschrift zu „Des Kindes Leben und Tod. Eine Phantasie“ (vor 1814): „Zu vollenden“.

Und den Fotografien von Alexander Paul Englert, die das Buch in großer Zahl durchziehen, gelingt es, die Handschriften mit einer geradezu haptischen Pracht wie magische Zeugnisse einer vergangenen Zeit leuchten zu lassen.

Urtümliche Verbindung

Katharina Hacker spricht davon, dass die Handschriften „eine leibliche Verbindung mit dem Schreiber, der Schreiberin herstellen“, und Patrick Roth zeigt, was dies heißt, in einer Erzählung, die zeigt, was Novalis’ berühmte These „Die Welt muss romantisiert werden“ bedeutet: Das Schriftlich-Werden von etwas, das bisher ganz unstofflich nur als Gedanke oder Gefühl existierte, beschreibt Roth als eine Art, zur Welt zu kommen.

So geht es Text um Text, und es ist jedesmal ein neues Wunder: Wolfgang Büscher folgt den sprunghaft-quietschfidelen Tagebuch-Notizen des reisefreudigen jungen Eichendorff, der später ach so melancholisch wurde, Eva Demski reist in den Rheingau nach Winkel, um das Grab der Günderrode zu suchen, die sich 24-jährig aus unglücklicher Liebe erdolchte, und muss alle ihre Fantasie zusammennehmen, um sich das Dörfchen, das heute eine breite Bundesstraße säumt, in seiner urtümlichen Verbindung mit dem breit dahinfließenden Rhein vorzustellen.

Aus Friedrich Schlegels Notizen „Zur Philosophie“, zwischen 1802 und 1804. Bild-Zoom
Aus Friedrich Schlegels Notizen „Zur Philosophie“, zwischen 1802 und 1804.

Michael Lentz nimmt sich mit Friedrich Schlegels Fragment, in dem er die Wissens- und Themengebiete dieser Welt wie Trabanten um das Kernwort „Poesie“ kreisen lässt, der vielleicht komplexesten und rätselhaftesten Romantik-Notiz mit einer ebenfalls überaus komplexen Deutung an. Er begreift die Poesie als „intrinsisches Wirkprinzip“ einer Welt, die stets im Werden ist.

Bleibt Sibylle Lewitscharoff, die sich, wie Zaimoglu und Härtling, Brentanos annimmt. Doch anders als jene, die ihn kritisch, doch auch liebenden Auges sehen, knöpft sie sich den Dichter, den sie „hinreißend“ nennt, vor, indem sie ihn an seinem, wie wir Heutige wohl sagen würden, therapiebedürftigen Verhältnis zu Frauen und seiner inbrünstigen Katholizität packt und kräftig durchschüttelt.

Mehr als fünf Jahre seines Lebens saß Brentano neben der siechen Nonne Anna Katharina Emmerick und studierte ihre Wundblutungen, die sie als Wiedergängerin Jesu Christi erscheinen ließen. Ein absurdes Menschheitstheaterstück, das mit dem Tod der armen Frau noch lange kein Ende fand. Herrlich aufgeschrieben ist das und, wie alle anderen Berichte auch, mit Englerts Fotografien so sinnlich garniert, dass die Vorfreude, diesen und andere Schätzen dermaleinst im Romantik-Museum zu begegnen, übergroß wird. Zwei Jahre noch müssen wir warten – eröffnet wird Anfang 2020. Über die Wartezeit hinweg tröstet uns dieses grandiose Buch.

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen