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Trend: Wie die Musikbranche um ein neues Publikum buhlt und sich dabei neu erfindet

Es gibt sie immer noch, die Gralshüter der klassischen Musik. Für sie stehen die Alten Meister göttergleich auf ihren Marmorsockeln, als seien sie keine Menschen aus Fleisch und Blut gewesen. Die muss man feierlich präsentieren, dafür hat man sich angemessen zu kleiden. Eine Hemmschwelle, die die Musikbranche abzubauen versucht.
Der Jazz-Pianist Francesco Tristano und Klassik-Kollegin Alice Sara Ott nahmen zusammen das Album „Scandale“ auf. Der Jazz-Pianist Francesco Tristano und Klassik-Kollegin Alice Sara Ott nahmen zusammen das Album „Scandale“ auf.

„Ich bin gegen den Dresscode. Der lässt so viele Menschen versteifen, da bleiben die fern, die nicht gewohnt sind, im Jackett und mit Schlips herumzulaufen“, greift Alice Sara Ott das Problem auf. Die junge Münchener Pianistin kam 2014 einer Einladung des isländischen Pop-Produzenten Ólafur Arnalds nach. In Reykjavik entstand das Album „The Chopin Project“, nicht in der technisch perfekten Welt einer sterilen Studioatmosphäre, sondern „on location“ mit „lebendigen Klavieren“ in Bars und Theatern. „Früher war das ja tatsächlich Salonmusik: Da trafen sich Menschen, um miteinander Spaß zu haben.“

Wie sehr auch die 29-Jährige „klassisch“ geprägt ist, merkte Ott ganz bald. „Ólafur hat alle Mikrofone sehr, sehr nah an die Saiten, an die Pedale, an mich herangebracht. Dann hörte ich plötzlich mein Atmen, mein Singen, mein Schnaufen und entschuldigte mich. Da fing er an zu lachen: Genau das wollen wir doch, das Menschliche in der Musik hervorbringen.“ Mit „The Chopin Project“ entstanden so die sicherlich lebendigsten Versionen der Sonaten und Nocturnes des Polen. Klassik ganz lässig, aber nicht minder respektvoll.

Charmanter Exzentriker

Fast 30 Jahre ist es schon her, dass dem Briten Nigel Kennedy (damals 32) das Kunststück gelang, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auch in den Popcharts zu platzieren. Das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten. Als charmanter Exzentriker wurde der Menuhin-Schüler zum „Punk-Paganini“ stilisiert. Barock ’n’ Roll, mit dem der Grenzgänger ein junges Publikum begeistern konnte. Das alte wendete sich mit Grausen ab. Ein Sakrileg.

Als absoluter Freigeist erwies sich auch der Cellist Yo-Yo Ma. Die CD „Hush“ war die spielerische Zusammenkunft mit Ausnahme-Vokalist Bobby McFerrin. Dass die beiden hier Bach und Jimi Hendrix vermischten, veranlasste einen Journalisten auf der Pressekonferenz zu sticheln: „Wollen Sie sich über die Klassik lustig machen?“ Die schlagfertige Antwort: „Nein, wir wollen einfach nur Spaß haben mit der ,Ernsten Musik‘.“ Eine simple Formel.

Da die Klassik vor allem von Repertoirepflege lebt, versuchte man bei den Vermarktern, mit jungen Interpreten und frischem Look eine jüngere Klientel anzusprechen. Selbst das älteste Schallplattenlabel der Welt, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft, auf ewig verbunden mit Namen wie Herbert von Karajan, schert hier nicht aus.

„Es gibt da keinen Königsweg“, betont Kleopatra Sofroniou, Vice President Marketing der Deutschen Grammophon. „Wenn wir ein junges Talent haben, das als Digital Native mit Facebook und Co. aufgewachsen ist, dann können wir nicht so tun, als sei in der klassischen Musik die Zeit stehengeblieben“, sagt Sofroniou.

Der Geiger und ehemalige Menuhin-Schüler Nigel Kennedy in Aktion: Schon vor knapp 30 Jahren landete der Brite mit Vivaldis „Jahreszeiten“ in den Popcharts. Bild-Zoom Foto: Henryk Pietkiewicz
Der Geiger und ehemalige Menuhin-Schüler Nigel Kennedy in Aktion: Schon vor knapp 30 Jahren landete der Brite mit Vivaldis „Jahreszeiten“ in den Popcharts.

Die auffälligste ihrer neuen Präsentationsformen bekam den Namen „Yellow Lounge“ – für eine CD- und eine Konzertreihe, die Klassik in die Clubs brachte. Francesco Tristano und Alice Sara Ott traten in Frankfurt noch im „Cocoon“ auf – mit dem Steinway mitten unter den Leuten. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass klassische Musik auch junge Menschen begeistern kann“, hat Sofroniou erkannt. „Wir gehen deshalb gemeinsam mit unseren Künstlern aktiv aufs junge Publikum zu, dahin, wo es ist. Zum Beispiel in die angesagtesten Clubs der großen Metropolen. Und der Erfolg gibt uns Recht.“

Genauso wichtig für eine Annäherung ist auch, dass Popstars wie Rufus Wainwright ihre Affinität zu Puccini, Verdi, Elgar & Co. auf einer „Yellow-Lounge“-CD-Kopplung offenbaren oder Sting mit dem bosnischen Lautenvirtuosen Edin Karamazov dem Renaissance-Komponisten John Dowland seine Reverenz erwies oder auf „If On A Winter’s Night“ Henry Purcell („Cold Song“) und Franz Schubert („Der Leiermann“) huldigte. „Die Grenzen zwischen den Genres verschwinden zusehends.

Immer mehr Künstler suchen Inspiration in anderen musikalischen Welten oder wollen sich auch in ihnen ausprobieren“, betrachtet Sofroniou die klassische Musik als ein lebendiges Genre. „Es gibt zahlreiche zeitgenössische Komponisten, besonders in der Symphonik und Kammermusik, die das Zeug haben, mit ihren Werken selbst einmal zum Klassiker zu werden.“

Prompt sehen sich viele junge Pianisten im weiten Feld zwischen E- und U-Musik als „Neo-Klassiker“ kategorisiert – ein nicht wirklich geliebter Begriff bei den Protagonisten. Ob Nils Frahm (am 24. April mit seinem „All-Melody“-Solo-Programm im schon lange ausverkauften Großen Saal der Frankfurter Alten Oper), Ludovico Einaudi, Chilly Gonzales oder Hauschka. Sie setzen nicht bei den experimentellen Komponisten der Gegenwart wie Rihm oder Lachenmann an, sondern greifen eher auf die Spätromantik, den Impressionismus und die Minimalisten zurück.

Das Label Berlin Classics hat einen Ableger mit dem Namen „Neue Meister“. Ein absichtlicher Affront? „Es kann natürlich sein, dass sich jemand davon provoziert fühlt, aber das war nicht primär unsere Absicht. Wir wollen mit diesem Label sagen: Uns geht’s um die Komponisten von heute“, kommentiert Christian Kellersmann, als Director Content and Creative bei Edel : Kultur verantwortlich für die „Neuen Meister“. Auch für Kellersmann heißt die Herausforderung, „ein neues Publikum zu generieren und die neuen Komponisten einem breiteren Publikum bekannt zu machen“.

Cembalo und Jazz-Piano

Das Spektrum der „Neue-Meister“-Künstler ist bewusst breit angelegt. „Federico Albanese (am 3. April in der Frankfurter „Brotfabrik“) könnte man am ehesten einen Neo-Klassiker nennen, Johannes Motschmanns ,Facets Of Infinity‘ wurde vergangenen Oktober mit „Spark“ als Auftragswerk für das Frankfurter Opern- und Museumsorchester in der Alten Oper uraufgeführt, und Sven Helbig hat mit ,Rammstein‘ und den ,Pet Shop Boys‘ für ,Panzerkreuzer Potemkin‘ gearbeitet“, gibt Kellersmann einen Einblick in seinen Katalog.

Zu dem gehören auch Nigel Kennedy und die Cembalistin Tamar Halperin, die mit Jazz-Pianist Michael Wollny das viel beachtete Duo „Wunderkammer“ bildet. Die in Kiedrich lebende Israelin brachte im vergangenen September nach ihren Satie-Adaptionen ihr „Bach-Space“-Projekt heraus. Johann Sebastian, losgelöst von Raum und Zeit.

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