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Literatur: Wie eine „Titanic“ im tosenden Aufruhr der Zeit

Von In der wundervollen Eppsteiner Burgvilla führte der Autor Hans Pleschinski das Publikum zurück in das Chaos des zusammenbrechenden Nazi-Reichs im Osten.
Hans Pleschinski erzählt vom Ende des NS-Reichs. Hans Pleschinski erzählt vom Ende des NS-Reichs.

Oben am Waldhang ragt die Eppsteiner Burgvilla auf. Der Frankfurter Architekt Franz Burkhard hat sie vor mehr als hundert Jahren gebaut. Heute gibt es hier in stilvollem Ambiente Empfänge, Hochzeitsfeiern und Kulturveranstaltungen. Die steinernen Mauern wirken mit ihren Zitaten von Türmchen und Zinnen wehrhaft. Drinnen ist es an diesem heißen Juniabend angenehm kühl, noch kühler als draußen im Hof, den eine steinalte Eiche überschattet: Was für ein zauberhafter, was für ein wundervoller Ort für eine Lesung!

„Wiesenstein“ heißt der jüngste Roman (Beck-Verlag, 24 Euro) des Münchner Autors Hans Pleschinski (62, „Ludwigshöhe“). Wiesenstein heißt auch die prächtige burgartige Villa, die ein Berliner Architekt vor mehr als hundert Jahren in Agnetendorf (heute polnisch: Jagniatków) im Riesengebirge gebaut hat. Dort wohnte der Dichter und Literatur-Nobelspreisträger von 1912, Gerhart Hauptmann („Die Weber“, „Biberpelz“, „Rose Bernd“), fast ein halbes Jahrhundert lang bis zu seinem Tod am 6. Juni 1946 im Alter von 83 Jahren.

Im Bombenchaos

Wiesenstein, heute ein Museum, war für Hauptmann in der Einsamkeit Schlesiens luxuriöses Refugium und künstlerischer wie gesellschaftlicher Salon. Hier begegneten sich die bedeutendsten Schriftsteller und Schauspieler seiner Zeit. Hier war einer der größten Nazi-Schlächter, der Generalgouverneur des besetzten Polen, Hans Frank, zu Gast und Johannes R. Becher, später DDR-Kulturminister.

Pleschinskis Roman setzt im März 1945 ein. Dresden liegt nach grauenhaftem Bombardement in Trümmern. Der greise Gerhart Hauptmann, eben noch Kurgast in Loschwitz, reist mit Frau, Sekretärin und einem desertierten Wehrmachtsmasseur durch das Chaos der im Feuersturm verglühten Stadt zurück in seine Villa Wiesenstein, zurück in das Chaos im Osten des zusammenbrechenden deutschen Reiches, durch das Flüchtlingsströme und marodierende Sowjet-Soldaten ziehen. Gespenstische Szenen spielen sich in den letzten Kriegstagen in der Villa und draußen vor ihren Türen ab.

Pleschinski, dessen Thomas-Mann-Roman „Königsallee“ zuletzt ein großer Erfolg bei Publikum und Kritik war, hatte, wie er im Gespräch mit Christian Preußer, Redakteur dieser Zeitung, berichtete, an dem Stoff die wuchtige Gestalt des Künstlers Gerhart Hauptmann gereizt, der mit seinem Rivalen Thomas Mann zu den erfolgreichsten und angesehensten Repräsentanten deutscher Kultur im In- und Ausland zählte. Während Mann ins Exil nach Amerika ging, blieb Hauptmann in Deutschland, ohne je Parteigänger der Nazis zu sein.

Famoser Erzähler

Vor der unheilvollen Kulisse von Krieg und Untergang entfaltet Pleschinski ein authentisch recherchiertes Lebensbild eines prall-sinnlichen, am Ende von Alter, Krankheit und dem epochalen Beben gebrochenen Sprachkünstlers, der in seinen Theaterstücken das Elend der kleinen Leute wie nur wenige in den Blick nahm. Zugleich ist „Wiesenstein“ ein gewaltiges zeitgeschichtliches Panorama. Wie Hauptmann verfolgt Pleschinski auch die Schicksale jener, die nicht als mächtige historische Akteure in Erscheinung traten, deren menschliche Regungen aber in diesen endzeitlichen Wirren natürlich nicht aufhörten. Die Villa Wiesenstein erscheint dem Autor wie eine „Titanic“ im tosenden Aufruhr der Zeit.

„Biografie!“ heißt das Leitmotiv des Festivals Literaturm in Frankfurt und der Region. In der Eppsteiner Burgvilla, diesem zauberhaften, wundervollen Ort, ist an diesem Juniabend etwas von der Magie der Literatur und des Erzählens zu spüren: Sie vermag Menschen durch Zeiten und Räume zu tragen, sie vermag den Blick zu öffnen, sie vermag zu berühren und zu verwandeln. Was für ein inspirierender, bereichernder Abend mit diesem famosen Erzähler Hans Pleschinski!

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