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Die schlimmen Erlebnisse greifen ans Herz: Wie man auf der Bühne vom Kindervergewaltiger und Mörder Marc Dutroux erzählen kann

Von „Five Easy Pieces“ von Milo Rau kreist um die belgische Dutroux-Affäre. Nur war die komplett neu besetzte Version im Mousonturm zu sehen.
Kinder erzählen, was Kindern widerfuhr. Foto: Phile Deprez Kinder erzählen, was Kindern widerfuhr.

Eines von sieben Kindern zwischen 8 und 13 Jahren erzählt mit aschfahl geschminktem Gesicht die Geschichte des Vaters von Marc Dutroux. Ein anderes spricht einen Brief eines Dutroux-Opfers an seine Eltern in die Kamera. Zwei andere wiederum stellen als Elternpaar Szenen nach. Sie erzählen vom Verschwinden der Tochter bis zur Gewissheit, dass sie eines der Dutroux-Opfer wurde. So pur und klar und schön, dass man hört, wie es allen im Publikum den Atem nimmt. Die Gesichter werden entweder groß auf eine Leinwand übertragen, während man den Szenen auf der Bühne zusehen kann, oder aber die Kinder stellen Szenen nach, die zuvor mit erwachsenen Darstellern aufgenommen wurden und parallel eingespielt werden.

Trotz dieser ausgeklügelten Brüche und Distanzen, die permanent darauf verweisen, dass „nur“ etwas auf der Bühne dargestellt wird: Was man in „Five Easy Pieces“ über den Kindervergewaltiger und Mörder Marc Dutroux hört und sieht, ist nur schwer zu ertragen – gerade in dieser Form, in der auch die Themen Voyeurismus und Authentizität stets präsent sind.

Es ist zum Weinen

So möchte man heulen oder doch zumindest die sieben Kinder auf der Bühne umarmen, die es auf sich nehmen, Teile dieser Geschichte zu erzählen. Aber stopp! Letzteres wäre übergriffig. Sprechen doch einige der Kinder auch davon, dass sie schon Küsse von Verwandten gruselig fanden. Denn auch das gehört zum Konzept: Die jungen Darsteller stellen und reden nicht ausschließlich nach – sondern sprechen auch über und für sich selbst.

So schwingt das Thema Grenzen und Grenzüberschreitungen in „Five Easy Pieces“, das gerade von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum Stück des Jahres gewählt wurde, immer mit (Milo Rau wurde in der Kritikerumfrage der Deutschen Bühne schon zum Schauspielregisseur des Jahres gewählt). Und da es um Grenzen und Kinder geht, gehören auch Verbote zur Aufführungsgeschichte: weil sich eines der Mädchen Kleidungsstücke auf der Bühne auszieht oder auch wegen arbeitsrechtlicher Bedenken, da die Kinder schon zu oft mit dem Stück auf der Bühne standen. Daher musste Ende vergangenen Jahres der Mousonturm die Aufführung vom Spielplan nehmen.

Macht und Vertrauen

Inzwischen gibt es eine „Zweitbesetzung“. Sie war nun zum ersten Mal überhaupt im Mousonturm zu sehen. Und am Ende gab es Standing Ovations für das junge Ensemble und den Erwachsenen, der in der Rolle desjenigen auftritt, der die Kinder castet. Trotz der Lakonie seiner Bemerkungen und Kommentare vergisst man nicht, dass er es ist, der die Kinder anleitet. Das sensibilisiert für das komplexe Thema Machtverhältnisse. Milo Raus Verdienst ist, dass er nicht belehrt, sondern Fragen aufwirft wie: Wo beginnt es, dass ein Kind zu etwas genötigt wird, was es eigentlich gar nicht will?

Immer wieder blickt Rau dahin, wo es weh tut. Das geht weit über die Dutroux-Affäre hinaus – denn er spannt einen Bogen vom Tod des kongolesischen Politikers Patrice Lumumba zur sogenannten Dutroux-Affäre. Beim Nachdenken wird klar, wie dicht am Leben ausgerechnet dieses mehrfach gebrochene Dokumentartheater ist, weil es so viel von den Zumutungen aufnimmt, die Gesellschaft, Staat und Leben nun auch manchmal bedeuten. Trotzdem kann man in „Five Easy Pieces“ auch immer wieder lachen oder lächeln. Auch blitzt immer wieder das Leben in seiner Schönheit auf. Manchmal dort, wo man sie nicht unbedingt vermutet oder nicht so entdecken möchte.

Roh und zart, ausgeklügelt und pur, weise und fragend, stark und fragil: Mit dieser ziemlich einmaligen Mischung zielen Milo Rau und seine jungen Darsteller aus Belgien genau ins Herz. Großartig!

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