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Ferdinand von Schirach: Wie werden Menschen zu Mördern?

Von Der in Berlin lebende Schriftsteller und Rechtsanwalt stellt im Frankfurter Schauspiel neue Erzählungen vor und erinnert an den Prozess gegen Sokrates.
Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach sieht hinter jedem Angeklagten, ob schuldig oder unschuldig, ein Schicksal und in jedem Gerichtsfall einen Einzelfall. Bilder > Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach sieht hinter jedem Angeklagten, ob schuldig oder unschuldig, ein Schicksal und in jedem Gerichtsfall einen Einzelfall.

Ferdinand von Schirach ist kein Mann lauthalser Töne. Wenn er redet, in Fernsehtalkshows oder an Leseabenden, dann spricht die leise Besonnenheit aus ihm. Eigentlich ist es ein Phänomen, dass der Mittfünfziger so großen Erfolg hat, obwohl er stets Zurückhaltung wahrt, während andere um ihn herum das Showgeschäft lärmender Selbstvermarktung betreiben. Es muss mit der Sache zu tun haben, der er sich widmet. Eine Sache, die aus sich selbst heraus alle Aufmerksamkeit bannt: Ferdinand von Schirach kümmert sich um das Verbrechen.

Kriminelle Energie

Seine Bücher werden viel gelesen, die entsprechenden Verfilmungen und Theaterfassungen gern gesehen, der Autor findet jede Menge Beachtung, obwohl es keine Kriminalromane sind, die er schreibt. Denn da, wo ein Krimi beginnt, am Tatort, mit der Sicherung der Spuren und den ersten Mutmaßungen der Ermittler über den Tathergang, hat Schirach seine Arbeit bereits erledigt. Er befasst sich mit dem Fall, bevor es überhaupt einer wird. Er versucht nachzuempfinden, wie das jeweilige Verbrechen zustandekommt. Er schildert die Ursprünge, die Anlässe, die Beweggründe, all die vielen Kleinigkeiten, die sich zusammenballen, bis sie eine unvorhersehbare kriminelle Energie ergeben, die sich entlädt.

Täter und Opfer

Folgt man dem Andante von Schirachs einfühlsamen Ausführungen, dann versteht man sehr schnell: Er zieht keine moralische Trennlinie zwischen Tätern und Opfern. Für ihn, den Schriftsteller und Strafverteidiger, gibt es nur Menschen. Doch das Böse interessiert ihn mehr als das Gute. Und so legt er dar, wie Männer oder Frauen im Laufe ihres Lebens an einen Punkt gelangen, an dem sie untilgbare Schuld auf sich laden. Schirach dürfte sich einig sein mit Patricia Highsmith, der amerikanischen Thrillerautorin („Zwei Fremde im Zug“), die davon ausging, dass auch der Unbescholtenste zum Mörder werden kann, wenn die Umstände sich entsprechend ergeben.

Juristische Dichtung

Am 17. April kommt Ferdinand von Schirach ins Frankfurter Schauspiel, um sein neues Buch „Strafe“ vorzustellen. Darin versammelt er Gerichtsgeschichten, wie er sie seit jeher verfasst. Es begann mit seinem Sammelband „Verbrechen“ (2009) und dem Folgeband „Schuld“ (2010), beruhend auf Rechtsfällen, wie er sie schon als junger Assessor kennengelernt hatte, in Berlin, wo er heute eine eigene Kanzlei innehat, in der er Unterweltler ebenso zu seinen Mandanten zählt wie Normalbürger oder Spione des Bundesnachrichtendienstes. In seinen ersten beiden Büchern erzählte Schirach etwa von einem Mann, der die Demütigungen seiner Ehefrau nicht mehr ertrug und sie mit einer Axt erschlug. Oder von einem anderen Mann, der mutmaßlich seine Freundin, die sich heimlich prostituierte, ermordete. Schirach berichtete von einem Kampfsportler, der auf der Straße von Angetrunkenen angefallen wurde und sie tötete, und er schilderte, wie neun Blaskapellenmusiker auf einem Volksfest gemeinschaftlich ein Mädchen vergewaltigten. Die „Storys“ waren als Serie im Fernsehen zu sehen, mit Josef Bierbichler und Moritz Bleibtreu als Strafverteidiger.

Ferdinand von Schirach charakterisiert Diebe, Einbrecher, Schläger, Folterer, Mörder, von denen die meisten ganz normale Familienmitglieder, Nachbarn oder Kollegen waren, bis die Dinge sich wendeten. Beim Niederschreiben seiner „Geschichten“ hantiert der Jurist mit Fakten und Fiktionen. Er nimmt Tatsachen und verdichtet sie zu Handlungen und Ereignissen, die nicht unbedingt bis in jede Kleinigkeit wahr sind, aber in ihrer Gesamtheit doch wahrhaftig. So entstehen literarische Texte aus jenem Bereich lauernden Unheils, in dem sich entscheidet, ob und warum jemand sich zu einem Vergehen hinreißen lässt.

Mindestens ebenso aufregend aber war ein erfundener Rechtsfall, den Schirach zu seinem Theaterstück „Terror“ verarbeitete. Darin hat ein Luftwaffenoffizier ein entführtes Flugzeug samt Passagieren abgeschossen, um zu verhindern, dass ein Selbstmordattentäter die Maschine über einem voll besetzten Stadion zum Absturz bringt. Nun steht der Soldat wegen 164-fachen Mordes vor einem Schwurgericht. Das atemberaubende Stück, uraufgeführt in Frankfurt durch den damaligen Schauspielintendanten Oliver Reese, verdeutlichte mit einem Schlag, was das Theater noch immer vermag: eine Begegnungsstätte für die Verhandlung öffentlicher Angelegenheiten zu sein, so wie es einst das Forum im alten Rom für die „Res publicae“ war.

Ein jedes Drama nämlich entsteht aus einem Dilemma, einem Zwiespalt, einer Notwendigkeit, zu entscheiden – entweder dafür oder dagegen. Das Spannende daran: Es gibt keine Nicht-Entscheidung. Auch wer nicht aktiv handelt, entscheidet. Denn sein Nichtstun hat Folgen, die er gegebenenfalls verantworten muss. Um die Frage, inwiefern ein Täter sich seiner Verantwortung bewusst war und vorsätzlich gehandelt hat, geht es in jedem Strafprozess. Das weiß Schirach als Jurist selbstverständlich, und deshalb beschreibt er so anschaulich die Befindlichkeit, aus der heraus jemand kriminell wird. Eine Tat aus dem Affekt, dem akuten Gefühlsstau heraus oder bei eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit unter Alkoholeinfluss ist anders zu bewerten als eine, die bei klarem Verstand erfolgte, nach langer Planung. Der gewisse Unterschied hat Einfluss auf das Strafmaß: Mord oder Totschlag? Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung? Einbruch oder Raubüberfall? Jeder Fall ist ein Einzelfall. Und es gibt kaum etwas, was die Öffentlichkeit so sehr gegen die Gerichtsbarkeit aufbringt wie ein Urteil, das sie nicht nachvollziehen kann.

Akten und Geständnisse

Bei Ferdinand von Schirach lässt sich alles nachvollziehen, so eindringlich klar legt er die Straftaten und das Schicksalhafte hinter ihnen dar. Geboren wurde er 1964 in München. Sein Großvater Baldur von Schirach war NS-Reichsjugendführer sowie Gauleiter von Wien und wurde bei den Nürnberger Nazi-Prozessen für die Deportation von 60 000 Juden zu 20 Jahren Haft verurteilt. Mit dieser Herkunft lebt Ferdinand von Schirach, und das dürfte nicht einfach sein in einem Land, das hoch empfindlich ist bei allem, was die nationalsozialistische Vergangenheit betrifft. Sein Studium der Rechtswissenschaften absolvierte Schirach in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn.

Zum literarischen Schreiben fand er über das Abfassen fachlicher Kommentare im Internet. Als Autor hat er gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Amerikaner John Grisham, ebenfalls studierter Rechtsanwalt und berühmt für seine Justizthriller („Die Akte“, „Die Jury“, „Das Geständnis“). Zugleich ist Schirach durch Buchtitel wie „Verbrechen“ und „Strafe“ auch in die Nähe des russischen Weltschriftstellers Fjodor Dostojewski gerückt. „Verbrechen und Strafe“ heißt in manchen Übersetzungen dessen Roman „Schuld und Sühne“. Darin geht es um einen Mörder, dessen Name zum Synonym für Verbrechen geworden ist: Raskolnikow.

Lesung Ferdinand von Schirach

Schauspiel Frankfurt, Willy-Brandt-Platz. 17. April, 20 Uhr. Karten zu 13 bis 35 Euro unter
Telefon (069) 212-49 494.
Internet www.schauspielfrankfurt.de

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