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Interview: "Wilhelm Tell": Regisseur Christian Stückl über die Aktualität des 200 Jahre alten Stückes

Im Passionstheater Oberammergau hat am 6. Juli Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ Premiere. Die Regie führ Christian Stückl, der lange Jahre am Schauspiel Frankfurt inszeniert hat. Im Interview mit Barbara Just spricht er darüber, warum die Szenerie bei ihm eher an einen Kriegsschauplatz als an ein Alpendrama erinnert.
So sieht das Passionstheater Oberammergau den Wilhelm Tell. Bilder > So sieht das Passionstheater Oberammergau den Wilhelm Tell.

Wer „Wilhelm Tell“ hört, denkt an dessen Schuss mit der Armbrust, mit dem er seinem Sohn den Apfel vom Kopf schießt. Sie auch?

CHRISTIAN STÜCKL: Natürlich. Bekannt ist, dass der Vater gezwungen wurde, den Apfel vom Kopf des Sohnes zu schießen. Mehr wissen die meisten nicht. Deshalb muss man zu lesen anfangen und sich den Aufbau der Geschichte anschauen.

Der Klassiker von Friedrich Schiller ist Ihrer Ansicht nach so aktuell wie nie. Warum?

STÜCK: Das Verrückte ist, dass man ein wahnsinniges Geschichtswissen braucht. Zu klären ist: Wo leben die Unterwaldner, die Schwyzer, wo die aus Uri und welches Verhältnis haben sie zu den herrschenden Habsburgern? Gleich zu Beginn, wenn Konrad Baumgarten vor den Leuten seines Landvogts, den er ermordet hat, davonläuft, sind wir schon in einer Kriegssituation. Deutlich wird, hier werden die Menschen von den Herrschenden unterdrückt. Das geht so weit, dass der Despot Gessler einen Hut aufhängt und die Bevölkerung verpflichtet, sich vor diesem zu verneigen. Doch wo Menschen zu etwas gezwungen werden, fangen sie an, sich zu wehren.

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STÜCK:: Die Männer versuchen sich zu wappnen, sind aber auch zaghaft. Sie wollen den Konflikt ohne Blut beenden. Dann passiert diese fast gruselige Aktion mit dem Apfelschuss, doch Gessler lässt Tell entgegen seinen Zusagen nicht frei. Letztlich geht es um die Frage: Darf man gegen einen Despoten aufstehen und ihn töten? Tell entscheidet sich dafür, im Bewusstsein, es gibt einen Gott, der über ihn richten wird. Zugleich ist ihm klar, Teil eines System zu sein, in dem der Einzelne zum Mörder werden kann. Auch wir sind ringsum mit Kriegen beschäftigt. Genau das hat mich gereizt, nämlich nicht ein Schweizer Heimatstück zu machen, sondern eines über den Krieg und die Auseinandersetzung mit dem Töten.

Schillers nicht einfache Sprache dürfte eine Herausforderung für Ihre Darsteller sein. Wie gehen Sie damit um?

STÜCK: Ich habe das viel zu lange Stück kräftig gekürzt. So ist der Text verständlicher geworden, vor allem durch das Streichen von vielen Nebensätzen, die Schiller sehr liebte. Es ist aber keine Neudichtung entstanden. Mit den Mittel des Streichens und dem Setzen von heutigen deutschen Wörtern versuche ich die Sprache so zu machen, dass sie auch die Laiendarsteller in den Mund kriegen.

Bei der Uraufführung 1804 in Weimar führte Goethe Regie. Sich selbst als Regisseur in einer solchen Tradition zu sehen, bedeutet Ihnen das etwas?

STÜCKL: Goethe war Dichterfürst, ob er auch Regiefürst war, weiß ich nicht. Der „Faust“ geht ja mit Anweisungen los, wie man richtig Theater macht. Ob er sich selber daran gehalten hat? Ich denke nicht darüber nach, dass die Uraufführung der Herr Goethe gemacht hat. Das hilft mir auch nichts, weil ich nicht weiß, wie er Regie führte.

In der Weimarer Klassik war man überzeugt, den Menschen erziehen zu können zu einem Wesen von Verstand, Gefühl und Sittlichkeit. Hat das Theater heute so eine Kraft?

STÜCKL: Im „Tell“ kommt das Wort „Erziehung“ nur einmal in dem Zusammenhang vor, wenn die Hauptfigur darüber nachsinnt, „zum Mörder erzogen“ worden zu sein. Als Jäger habe er im Kopf gehabt, immer der Gams nachzujagen, aber einen Menschen habe er nicht umbringen wollen. Mein Eindruck ist, Schiller erzieht nicht ständig, sondern zeigt, in welchen Nöten sich der Mensch befindet. Man darf nicht vergessen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa die napoleonischen Kriege tobten.

Markus Zwink will zur „Tell“-Aufführung eine Musik komponieren. Können Sie dazu schon was verraten?

STÜCKL: Nein. Nur so viel: Zusammen mit Stefan Hageneier, der für Bühnenbild und Kostüme zuständig ist, haben wir uns entschieden, bewusst kein Alpendrama zu machen. Die Szenerie wird an einen Kriegsschauplatz irgendwo in der Welt erinnern. Auch die Kostüme werden nicht zwischen Edelweiß und Jodler, Kühen und Toblerone-Mountains angesiedelt.

„Früh übt sich, was ein Meister werden will“, heißt es im „Tell“. Das gilt auch für Ihre Darsteller; im Oktober werden Sie bekanntgeben, wer 2020 bei der Passion Hauptrollen übernimmt. Eine Belastung oder Chance für alle Beteiligten?

STÜCKL: Wenn am 20. Oktober die Darstellerwahl für die Passion stattfindet, ist das keine Neuerfindung. Ich habe ein ganz starkes Team von 2010, ob dies die beiden Jesus-, Johannes- oder Petrusdarsteller sind oder auch die Magdalenen. Trotzdem ist es in dem Zehn-Jahres-Rhythmus, in dem die Spiele stattfindet, wichtig, die nächste Generation mitzunehmen. Den Tell spielt jetzt ein 23-Jähriger. Auch andere Figuren habe ich bewusst mit sehr jungen Darstellern besetzt. Das ist für die Betreffenden eine schöne Herausforderung.

„Der kluge Mann baut vor“, „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, –- der „Tell“ strotzt von bekannten Zitaten. Mögen Sie eines besonders?

STÜCKL(lacht): Nein. Aber beim zweiten Auftritt von Tell hat man den Eindruck, dass er ein wandelnder Bauernkalender ist. Ein Wahnsinn, was da geboten wird. Wenn Schiller das alles erfunden hat, dann sind wirklich viele Zitate von ihm in unseren Sprachgebrauch eingegangen.

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