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Interview: Wladimir Kaminer liest in der Frankfurter "Batschkapp"

Der Berliner Schriftsteller ist bemüht, seine verschiedenen Rollen als Ehemann, Vater und höheres Wesen zu erfüllen. Ein Glücksfall für die Literatur.
Dass er gerne Pilze sammelt, merkt man Wladimir Kaminer (50) hier nicht an. Man könnte ihn für einen Barkeeper halten. Dass er gerne Pilze sammelt, merkt man Wladimir Kaminer (50) hier nicht an. Man könnte ihn für einen Barkeeper halten.

Wladimir Kaminer ist ein Autor mit ganz eigenem Sound. Der in Berlin lebende russisch-deutsche Schriftsteller („Russendisko“) schrieb bereits Bücher über seine kaukasische Schwiegermutter und seine Mutter, und jetzt gibt es auch eines über seine Ehefrau. In „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ (Wunderraum Verlag) erzählt der 50-Jährige humorvoll von kuriosen Erfahrungen der lebensklugen Olga Kaminer. Bevor Kaminer am 11. Januar in der Frankfurter „Batschkapp“ aus seinem Werk liest, hat Olaf Neumann ihn beim Pilzesammeln begleitet und mit ihm über außergewöhnliche Frauen und sein Dasein als Ehemann, Vater, Sohn und Heiliger Geist gesprochen.

Herr Kaminer, während wir miteinander sprechen, sammeln Sie Pilze im Wald. Sind Sie schon fündig geworden?

WLADIMIR KAMINER: Nein, ich bin noch nicht fündig geworden, es ist ziemlich trocken hier. In meinem neuen Buch schreibe ich darüber, wie meine Frau eine alte Methode entdeckt hat, wie man Pilze im Garten züchten kann.

Sie haben bereits Bücher über Ihre Schwiegermutter und Ihre Mutter verfasst. Und jetzt gibt es auch eines über Ihre Frau Olga. Hat sie auf Gleichbehandlung gedrängt?

KAMINER: Nein. Ich wollte gar nicht als Familienschriftsteller in die Geschichte der deutschen Literatur eingehen. Eigentlich hatte ich vor, ein Buch zur aktuellen weltpolitischen Lage zu machen. Aber darüber schreiben ja schon so viele andere, also habe ich mir überlegt, lieber über meine Frau zu schreiben. Ich glaube, indem man einen Menschen unter die Lupe nimmt, kann man auch etwas über die Welt aussagen. Ich habe schon immer versucht, in meinen Büchern das Große im Kleinen zu entdecken. Alle Menschen sind Lebewesen auf der Suche nach dem Sinn. Aber bei den Frauen scheint dieser Lebenssinn angeboren zu sein. Sie wollen nicht einmal darüber reden, das wird ihnen schnell langweilig. Als wäre das mit dem Sinn von vornherein geklärt, wollen sie das Leben nur schmücken und verschönern.

Ihr Buch ist der Versuch, das Wesen Ihrer Frau bzw. der Frau im Allgemeinen zu ergründen. Sind Sie jetzt ein Frauenversteher?

KAMINER: Ich glaube, man versteht die Frauen nie. Aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Man wird zu einem besseren Mann, indem man versucht, das andere Geschlecht zu verstehen. Ich bin auf jeden Fall viel ruhiger und nachsichtiger geworden durch meine Erfahrung mit Frauen. Eigentlich wollte ich über alle Frauen schreiben, die ich kannte, aber darüber wäre Olga wahrscheinlich eifersüchtig geworden. Deswegen habe ich nur über sie geschrieben.

Sie schreiben, wie verschieden Olga und Sie eigentlich sind. Glauben Sie an den Satz von den Gegensätzen, die sich anziehen?

KAMINER: Ja natürlich. Allein die Gegensätze können aber keine gemeinsame Lebensgrundlage schaffen. Man muss schon ein gemeinsames Thema haben, um sich darüber auszutauschen. Die Ansichten können jedoch ruhig unterschiedlich sein. Mein Zusammenleben mit Olga ist ein fortwährendes Gespräch. Wir werden eigentlich nie müde zu diskutieren.

War Ihr Beruf, in dem Sie ja sehr erfolgreich sind, jemals eine Bedrohung für Ihre Ehe?

KAMINER: Im Gegenteil. Meine Familie hat wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen. Was wäre ich allein? Es ist sehr wichtig, Menschen um sich herum zu haben, die einen immer auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Man darf sich nicht auf eine Rolle konzentrieren, dann nimmt man sich selbst zu ernst. Man kann nicht nur als Heiliger Geist durch das Leben gehen, sondern auch als Vater, Sohn und Ehemann. Man muss all diese Rollen gleichzeitig ausüben können. Erst dann ist man erfolgreich.

Was bedeutet die Familie Ihnen? Man merkt Ihrem Buch an, dass Sie immer wieder gern nach Hause kommen.

KAMINER: Obwohl das Familienleben total anstrengend ist. Ich dachte immer, wenn die Kinder erwachsen sind, kann man sich auf die Rolle des Heiligen Geistes reduzieren und nicht immer nur Vater spielen. Aber irgendwie wird es nicht besser.

Welche Aufgaben kommen auf Sie zu als Vater erwachsener Sprösslinge?

KAMINER: Meine Kinder wollen ein Teil der Erwachsenenwelt sein. Selbständige Menschen mit einem Job und einer eigenen Einstellung. Das Problem ist, dass diese Erwachsenenwelt nicht unbedingt so viele neue Mitglieder aufnehmen möchte. Sie weiß nicht, wohin mit den alten. Wie soll sich die Generation der Heranwachsenden der Welt anbieten? Es reicht nicht, einfach nur dazustehen und laut zu schreien: „Hey Welt, ich bin da!“ Ich glaube, sie brauchen einen Schubs. Ich verstehe, dass ich diese erwachsenen Kinder irgendwie schubsen muss, aber ich weiß nicht, wohin.

Lesung Wladimir Kaminer

„Batschkapp“, Gwinnerstraße 5, Frankfurt. 11. Januar, 20 Uhr. Karten zu 20,90 Euro unter
Telefon (069) 95 21 84 10 Internet www.batschkapp.tickets.de

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