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Documenta in Kassel: Wo bleiben die jungen Wilden?

Die internationale Schau zeigt viel zu viel oberlehrerhafte Politkunst. Und die ähnlich stark auftrumpfende Performance-Kunst verdrängt derzeit die Maler, Bildhauer und Grafiker.
Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, die Guillermo Galindo zu einer Installation verarbeitet hat. Foto: Boris Roessler (dpa) Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, die Guillermo Galindo zu einer Installation verarbeitet hat.
Kassel. 

Kunst und Kassel war einmal. Heute muss der Besucher nicht mehr viel von Kunst verstehen, dafür umso mehr von Politik und Wirtschaft, Globalisierung und Rassismus, Kapitalismus und Kolonialismus. So ändern sich die Zeiten – und so politisch war keine der bisher 14 Ausgaben der Kasseler Weltkunstschau Documenta seit dem Start 1955. Das ist erst einmal legitim, denn die Documenta entstand aus der Überzeugung heraus, nach der Nazizeit die absolute Freiheit der Kunst zu vermitteln.

Nun aber soll man alles verlernen, um Kunst richtig zu sehen, so Documenta-Chef Adam Szymczyk. Dabei spitzt Szymczyk die Ideen seiner Vorgänger noch zu. Seitdem Catherine David vor 20 Jahren die Idee einer „Retroperspektive“ eingeführt hat, werden viele betagte oder verstorbene Künstler ausgegraben. Von den jetzigen 160 Teilnehmern ist nur jeder Zehnte unter 40, jeder Vierte ist älter als 65 oder längst tot. Von Aufbruch oder jungen Wilden kann man da nicht reden. Natürlich werden Künstler oft falsch beurteilt oder vergessen. Aber muss diese Rückbesinnung ausgerechnet die Documenta leisten?

Maria Hassabis Live-Installation „Staging“ ist auf der Kasseler Documenta in der Neuen Hauptpost zu sehen. Bild-Zoom Foto: Fred Dott
Maria Hassabis Live-Installation „Staging“ ist auf der Kasseler Documenta in der Neuen Hauptpost zu sehen.

Aus gutem Grund wird die Schau nur alle fünf Jahre ausgerichtet, um zu zeigen, was sich verändert hat und was es Aktuelles gibt. Die Documenta war immer ein Seismograph der Gesellschaft und ein Spiegel der Zeit. Heute jedoch bewegt sich die Kunst nur noch mit dem ständigen Blick in den Rückspiegel. Der Blick nach vorn, in Fahrtrichtung, scheint eingetrübt zu sein. Offenbar geht nichts mehr in der Kunst ohne Rückblick. Was der genau bringt, konnte aber noch kein Kurator klar beantworten.

Pistolen aus Plastik

Ohnehin gibt es in Kassel nur politisch korrekte Kunst zu sehen. Immer wieder geht es um die abenteuerliche Flucht von Migranten übers Mittelmeer mit ihren Nussschalen, etwa bei Guillermo Galindo, der Bootsteile in Klangkörper verwandelt hat. Máret Anne Sara hingegen erinnert mit einem Vorhang aus Rentierschädeln an verbotene Praktiken der indigenen Samen – Minderheiten werden groß geschrieben in Kassel. Und den erschreckenden Gebrauch von Waffen bringt Regina José Galindo auf den Punkt, darf man doch auf die Künstlerin mit Maschinenpistolen anlegen, die gottlob nur aus Plastik sind.

Maria Eichhorn wiederum deckt die perfide Enteignung von jüdischem Besitz auf, Piotr Uklanski erinnert an die zahllosen Nazi-Mitläufer. Nicht zu vergessen die Ausbeutung Afrikas und Südamerikas, abzulesen an Antonio Vega Macotelas Münzprägemaschine in der Karlsaue oder Ibrahim Mahamas Jutesäcken, mit denen er die alte Torwache verhüllt hat. All diese Künstler regen zweifellos zum Nachdenken an, ihre Werke zählen zu den wichtigsten Documenta-Beiträgen.

Freilich mischt sich die Kunst damit zusehends in die Politik ein und gibt dafür ihre zäh erstrittene Autonomie auf. „Man traut ihr nur noch zu, Objekt der Geschichtsschreibung zu sein“, konstatiert das „Art“-Magazin. Natürlich kämpft jeder Künstler für eine bessere Welt. Aber muss man deshalb dem mündigen Bürger alles vorkauen? Die Documenta, so viel steht fest, wird die Welt nicht verändern, schon gar nicht den Kunstmarkt.

Mit der übermächtigen Polit-Kunst erweckt sie zudem den Eindruck, dass sich kein Maler mehr nur für Farben interessiert. Wo bleiben diese sogenannten „Malerschweine“? In der globalen Kunstwelt existieren nicht nur die Bilder von Miriam Cahn, die mit ihren 68 Jahren wahrlich keine Neuentdeckung ist und nicht so ermüdend in der Documenta-Halle ausgebreitet werden müsste. Und wo bleibt der von der Radiernadel fast Besessene? Und wo der Bildhauer, der mit Gipsklumpen um sich wirft? Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um gefällige Kunst, die man auch auf vielen Messen landauf, landab sehen kann.

Die Macher, die ihr Handwerk lieben und mit all ihren Sinnen arbeiten, werden in Kassel vernachlässigt. Statt der klassischen Künste triumphiert die allzu plakative Polit-Kunst. Auch die flüchtige Performance-Kunst ist Szymczyk wichtig, setzt er doch damit dem ungeliebten Kunstmarkt etwas entgegen.

Bei der letzten Documenta, weiß die „F.A.Z.“, „bezahlten große Galerien ganze Werkkomplexe. Manche Arbeiten, die offiziell eigentlich im Lauf der Documenta zerfallen sollten, mussten so präpariert werden, dass man sie anschließend mit dem Gütesiegel, frisch von der wichtigsten Kunstschau der Welt‘ auf den Markt bringen konnte.“ Dieses Problem umgeht man mit Performances, die aber das Kunsterlebnis immer individueller machen, zumal man in Kassel mit Infos und Erklärungen geizt.

Aber wovon leben eigentlich die Performer? Ihr technischer und personeller Aufwand ist groß, ähnlich wie beim Theater. Wenn sie ihre Kunst nicht als Videos vermarkten, müssen sie Auftrittshonorare fordern, leben also vom Steuerzahler. Wie jetzt bekannt wurde, zahlt die Documenta jedem Künstler ein nicht näher beziffertes Ausstellungshonorar. Das ist durchaus ehrenwert, aber diese Verweigerung gegenüber dem Markt können sich nur Blockbuster-Unternehmen wie die Documenta mit ihrem Etat von 34 Millionen Euro leisten.

Richtig gute Laune

Doch ist es nicht Szymczyks Aufgabe, die Kunstszene kritisch gegen den Strich zu bürsten? Und entspricht die Documenta 14 der Realität, wenn man sich in Ateliers umsieht? Glasklares Nein. Politischer geworden sind in den vergangenen 20 Jahren die Kuratoren, nicht die Künstler. Folglich kommt man heute bei fast allen Gruppenausstellungen kaum um Politik herum.

Es gibt aber noch genug Gegenbeispiele: Im westfälischen Münster, bei den nur alle zehn Jahre stattfindenden „Skulptur-Projekten“, zeigen 35 Künstler momentan, was Kunst heute leisten kann, mal ernst, mal spielerisch. Von moralinsaurem Agitieren keine Spur. Münster macht, im Gegensatz zu Kassel, richtig gute Laune, frei nach der alten Maxime, die Besucher nicht nur zu belehren, sondern auch zu unterhalten. Das ist wohl dem „Projekte“-Mitbegründer und heute noch als Kurator wirkenden Kasper König zu verdanken, der von 1988 bis 2000 die Frankfurter Städelschule auf Vordermann brachte.

Auch die diesjährige Biennale in Venedig meidet in der Hauptschau tunlichst die Politik. Freilich wird die Schau mit dem sprechenden Titel „Viva Arte Viva“ (Es lebe die Kunst) in Schatten gestellt von Anne Imhofs düsterer Performance im Deutschen Pavillon. Imhof zeigt, wohin der Trend derzeit geht, weg von den klassischen Künsten und hin zum Crossover von Kunst, Theater und Tanz. Aber solche Trends kommen und gehen wie in der Mode – irgendwann sind (hoffentlich!) wieder mehr die Maler, Bildhauer und Grafiker gefragt.

 

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