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Wo bleibt die Höflichkeit?

Die Empfehlungen des Freiherrn von Knigge für gutes Benehmen sind im Zeitalter der Hektik und der Handys, da die Rücksicht nachlässt, umso wertvoller.
Ist das die Höflichkeit im Zeitalter der Handys und Smartphones? Jeder für sich und keiner für alle? Freiherr von Knigge würde empfehlen, sich den Menschen statt den digitalen Geräten zu widmen, wenn man schon mit ihnen zusammenkommt. Denn nur so lassen sich gute Beziehungen aufbauen. Bilder > Foto: Robert Kneschke Ist das die Höflichkeit im Zeitalter der Handys und Smartphones? Jeder für sich und keiner für alle? Freiherr von Knigge würde empfehlen, sich den Menschen statt den digitalen Geräten zu widmen, wenn man schon mit ihnen zusammenkommt. Denn nur so lassen sich gute Beziehungen aufbauen.

„Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen!“ Was sich liest wie eines der zehn Gebote, ist der gute Rat von einem, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, durch Geistes- und Herzensbildung Menschen zu erziehen: Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796). Viele dieser klugen Gedanken hat der norddeutsche Aufklärer einst in seiner Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ (Esprit de Conduite/1788) formuliert. Und das ein Jahr vor der Französischen Revolution, als man von Gleichheit und Brüderlichkeit noch geträumt hat. Die unbeschadete Aktualität der Knigge-Empfehlungen steht weitgehend außer Frage. Guter Grund für den Verlag Insel in Berlin, eine Auswahl der Knigge-Ratschläge in seiner hübschen Edition Insel-Bücherei zu veröffentlichen.

Sein statt Schein

Der verarmte Adlige, der irrtümlich noch immer als reiner Verkünder feiner Tischmanieren gilt, hat das Sozialverhalten der Menschen untersucht und Schlüsse fürs „gute Benehmen“ daraus gezogen. Wobei er unbedingt Wert auf Einsicht legt. Das Sein ist ihm wichtig, nicht der Schein. Und so plädiert Knigge beispielsweise: „Beurteile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun. (...) Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, nicht auf die Haupthandlungen, zu denen jeder sich in seinen Staatsrock steckt.“

Nach Ansicht des Freiherrn will der Umgang mit dem Gegenüber gelernt sein: „Reiche nicht jedem Deine rechte Hand dar. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz. Denn: „...wer wird Deinen Freundschaftsbezeigungen trauen, ihnen Wert beilegen, wenn Du so verschwenderisch in Austeilung derselben bist?“ Vergnüglich sind auch Knigges Gedanken zur Kleidung. Und trotz der mehr als 200 Jahre, die seit ihrer Formulierung vergangen sind, entbehren sie nicht des Wahrheitsgehalts: „Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht unter und nicht über Dein Vermögen; (...) nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen musst, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus. (...) Man ist in der Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“

Knigge unterscheidet genau zwischen Stolz und Hochmut, wobei ersterer „eine edle Erscheinung der Seele“ sei, die zu großen Taten führen könne. „Hochmut hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat.“ Er sei fast immer mit Dummheit gepaart und somit „durch keine vernünftigen Gründe zu bessern und keiner bescheidenen Behandlung wert.“ Ähnlich vernichtend beurteilt der Aufklärer Eitelkeit und Schmeichelei: „Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches Weihrauchstreuen eiteln Leute den Kopf so einnehmen, dass diese zuletzt nichts anderes mehr hören möchten als Lob, dass ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind und dass sie jeden guten, graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so weit erniedrigen kann (...), ihnen dergleichen Süßigkeiten ins Gesicht zu werfen.“

Geist der Aufklärung

Ja, der Freiherr hält den Menschen den Spiegel vors Gesicht – in dem Bestreben, dass sie sich bessern mögen. Er lässt dabei nahezu keine Seite des Lebens aus: so beispielsweise vom Verhalten der Eltern zu ihren Kindern (und umgekehrt), von ehelichen Pflichten, Treue und Eifersucht, von Jugend und Alter, von Reichtum und Armut, nicht zuletzt von der Einstellung zur Religion. Hier bricht sich der Geist der Aufklärung besonders deutlich Bahn: „Dass ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott erlauben wird, ich meine, das versteht sich von selber (...). Man respektiere das, was andern ehrwürdig ist. Man lasse jedem die Freiheit in Meinungen, die wir selbst verlangen.“

Ein kurzes Fazit „über den Umgang mit dem Menschen“, den Esprit de Conduite, gibt eine Kapitelüberschrift desselben: „Strebe nach Vollkommenheit; aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit!“ Man kann Knigges Regelwerk mit einigen Abstrichen gerade heute als guten Ratgeber für seinen Lebensweg nehmen. Der vorliegende Band verzichtet daher auf Kapitel, die zur Vorsicht beim Pferdehändler gemahnen oder über die Bestechlichkeit von Postkutschern informieren, was als Zeitdokument zwar interessant und amüsant wäre, nicht aber mehr dem hehren Anliegen des Autors entspräche.

Allerdings zeigt Knigges 228 Jahre alte Abhandlung zwar einen fortschrittlichen Zeitgeist, aber nach heutiger Lesart keine sehr geballte Kompetenz fürs Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Was in der vorliegenden Auswahl des Insel-Verlags denn auch weitgehend fehlt, ist das Kapitel „Über den Umgang mit Frauenzimmern“. Es sei „missgünstig und vorurteilsbeladen, einseitig und arrogant“, schreibt Marion Poschmann in ihrem Nachwort. Dies falle vor allem deshalb auf, weil Knigge sich gewöhnlich um Ausgewogenheit bemühe. Vielleicht sei „die bittere Erfahrung der Rache einer Frau“ ein Grund, weshalb in seinem Werk die Gleichheit aller Menschen an der Geschlechtergrenze ende.

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