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Archäologie: Wo einst die Wikinger Handel trieben

Weltkulturerbe, was für eine Auszeichnung! Die Wikingerstätten Haithabu und Danewerk im Norden Schleswig-Holsteins hat die Unesco vor einer Woche mit dieser Würdigung bedacht: Weil diese Stätten einzigartiges Zeugnis der Wikingerzeit und ihrer kulturellen Traditionen sind, so das Komitee der UN-Organisation.
Die rekonstruierten Häuser der Wikinger-Siedlung Haithabu bei Schleswig vermitteln einen Eindruck davon, wie die Nordmänner dort vor rund 1000 Jahren lebten. Foto: Carsten Rehder (dpa) Die rekonstruierten Häuser der Wikinger-Siedlung Haithabu bei Schleswig vermitteln einen Eindruck davon, wie die Nordmänner dort vor rund 1000 Jahren lebten.

Wir wollen uns diesem Wikinger- Welterbe versuchen anzunähern und sind unterwegs mit Ulf Ickeroth, Leiter des Achäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein mit Sitz in Schleswig. Vor wenigen Tagen ist er aus Manama, der Hauptstadt Bahrains, zurückgekehrt, wo die Unesco ihre Welterbe-Entscheidungen verkündet hatte. Von Champagnerlaune angesichts der Auszeichnung ist dem großgewachsenen Archäologen nichts anzumerken, jetzt, da er an diesem windigen norddeutschen Sommertag vor dem Teil des Danewerks steht, das die Bezeichnung Hauptwall trägt. Jeden Quadratzentimeter des rund 30 Kilometer langen, komplex angelegten Danewerks kennt Ickeroth. Er weiß, an welchen Stellen des Walls sich Reste eines aus Feldsteinen gefügten Mauerkerns unter dem Grasbewuchs verbergen. Und er weiß auch um die ideelle Bedeutung des Danewerks für die dänischen Nachbarn. „In der Geschichte Dänemarks nimmt das Danewerk einen zentralen Platz ein“, sagt Ickeroth. In der nationalen Mythologie Dänemarks spielt das Bollwerk der Wikinger eine herausragende Rolle, und als historischer Ort sowieso.

Identitätsstiftend

Ulf Ickeroth steht vor dem Teil des Danewerks, der als Hauptwall verzeichnet ist. „Das Danewerk ist ein gemeinsames Denkmal der Deutschen und der Dänen und grenzübergreifend bedeutsam“, stellt er fest. In diesem Sinne ist die rund 1000 Jahre alte Befestigungs- und Verteidigungsanlage grenzübergreifend identitätsstiftend und bekommt zu einem Zeitpunkt die höchstmögliche internationale Anerkennung durch die Unesco, da in der Europäischen Union Tendenzen zur Abschottung an Nationalgrenzen erkennbar werden.

Das Modell eines Wikinger-Kriegsschiffes kann in der Ausstellung des Museums Haithabu bei Schleswig besichtigt werden. Bild-Zoom Foto: Carsten Rehder (dpa)
Das Modell eines Wikinger-Kriegsschiffes kann in der Ausstellung des Museums Haithabu bei Schleswig besichtigt werden.

Geografisch liegen Haithabu und das Danewerk auf der Jütischen Halbinsel, am Ende des Ostseearmes Schlei in der Schleswigschen Enge zwischen Nord- und Ostsee. Der historische Ochsenweg ist in der Nähe. Haithabu findet man auf dem Gebiet der Gemeinde Busdorf bei Schleswig im Kreis Schleswig-Flensburg. Die Befestigungsanlage Danewerk zieht sich durch das Gebiet der Gemeinden Busdorf, Dannewerk und Ellingstedt (alle im Kreis Schleswig-Flensburg). Die Wallanlagen um die Wikingersiedlung gehören zum Naturschutzgebiet „Haithabu-Danewerk“.

Grenzbefestigung

Zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert lagen Haithabu und das Danewerk im Zentrum der Handelsnetze zwischen Nord- und Westeuropa und bildeten den Kern der Grenze zwischen dem dänischen Königreich und dem fränkischen Reich. Das Danewerk war vom 7. bis zum 12. Jahrhundert die südliche Grenzbefestigung des dänischen Reiches. Die rund 30 Kilometer lange Anlage reichte von Hollingstedt bis Haithabu bei Schleswig, das zu den wichtigsten mittelalterlichen Siedlungsplätzen in Nordeuropa zählt. Haithabu war vor rund tausend Jahren das skandinavische Tor zum kontinentalen Europa und damit auch zur restlichen Welt. Der Ort hatte in seiner Zeit eine wirtschaftliche und politische Bedeutung ähnlich einer heutigen Metropole mit Welthafen. Die Siedlung an der Schlei entwickelte sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte zu einem bedeutenden Seehandelsplatz. Fast 300 Jahre lang hatte Haithabu („Siedlung auf der Heide“) die Schlüsselposition im Warenumschlag zwischen Nord- und Ostsee inne.

Die Einordnung als bedeutendstes archäologisches Bodendenkmal in Schleswig-Holstein und als bedeutendste archäologische Zeugnisse in Nordeuropa genießen Haithabu und das Danewerk bereits seit geraumer Zeit. Indessen: „Erforscht sind bislang nur fünf Prozent“, weiß Ulf Ickerodt. Seit rund 150 Jahren widmen sich Archäologen in dieser Gegend den in großer Zahl und oft in überraschender Qualität im Boden verborgenen Zeugnissen der Wikinger.

Vielfalt und Qualität der archäologischen Zeugnisse sowie das reiche und äußerst gut erhaltene archäologische Material zeigen die einzigartige Bedeutung dieses Denkmal-Ensembles. Während der gesamten Wikingerzeit war Haithabu eine der größten und wichtigsten Handelsstädte. Im 10. Jahrhundert wurde Haithabu in das Verteidigungssystem des Danewerks eingebettet, welches das Grenzland und die schmale Landbrücke zwischen Nord- und Ostsee kontrollierte. Beide Denkmale sind ein herausragendes Zeugnis für den Austausch und Handel zwischen Menschen verschiedener kultureller Traditionen in Europa zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert. Sie wurden zu wichtigen wissenschaftlichen Quellen, um eine Vielzahl wirtschaftlicher, sozialer und historischer Entwicklungen im wikingerzeitlichen Nordeuropa verstehen zu können.

Mächtiger Hauptwall

Haithabu ging 1050 bei einem Angriff norwegischer Truppen unter. Der Versuch eines Wiederaufbaus scheiterte 1066, als slawische Stämme die Siedlung überfielen und endgültig zerstörten. Die Siedlungsreste der Stadt mit ihren typischen hölzernen Langhäusern fanden Archäologen ungewöhnlich gut erhalten, wohl auch, weil der Ort nie überbaut worden war. Heute befindet sich an der Stelle das populäre Wikinger-Museum mit sieben rekonstruierten Häusern und einem nachgebauten Wikingerschiff. Puristen mag die Anlage am Haddebyer Noor samt Jahresprogramm mit Frühjahrs- und Herbstmarkt als Inszenierung von Wikinger-Folklore verdächtig sein, indessen erfährt sie bei Touristikern des Landes allergrößte Beachtung und Wertschätzung. „Wikinger wins!“, könnte der Slogan sein, der nun, mit dem neuen Welterbe-Prädikat angereichert, mehr kulturinteressierte Gäste in die Region locken soll.

Dass jeder, der mag, in Haithabu und am komplexen Danewerk buchstäblich auf den Spuren der Wikinger wandeln kann, gehört zum Konzept auch des Landesamtes für Archäologie, bestätigt Ulf Ickerodt. Während also an diesem Tag vier nach der Welterbe-Titelverleihung in Haithabu Besucher in großer Zahl mit Kind und Kegel über das weitläufige Gelände des Museums Haithabu strömen, geht es am wenige Kilometer entfernten Danewerk beschaulich zu.

Das Danewerk ist für jedermann zugänglich, ein buchstäblich begehbares Denkmal. Informationstafeln und Wegweiser fügen sich diskret in die Landschaft ein. Ein Hinweis auf den Welterbe-Titel fehlt. Noch. Sattgrün zieht sich der mächtige Hauptwall durch die stille Knicklandschaft im Norden Schleswig-Holsteins. Wer ihm folgt, trifft alsbald auf weitere Wälle. Hier gibt es keine Rekonstruktionen und kein Entertainment. Auf einem Fußweg führt Ulf Ickerodt die alte Grenz- und Verteidigungsanlage der Wikinger entlang. Vorbei am längst verlandeten Dannewerker See, erreicht man eine Anhöhe mit einem imposanten Plateau. Hier stand einmal die Thyraburg. „Ein mythischer Ort, über den wir wenig wissen“, so Ickerodt. Der Hauptwall nahe dieser Stelle wurde auf das Baujahr 737 n. Chr. datiert, das Alter der Burg indessen ist unbekannt. Benannt wurde sie nach Königin Thyra Danebod, der Mutter des legendären Dänenkönigs Harald Blauzahn. „Möglicherweise befand sich auf der Thyraburg eine Art Befestigung. Ein Graben und ein flacher Außenwall sicherten die Anlage. Welche Bedeutung die Thyraburg für das Danewerk hatte, ist bis heute rätselhaft“, erklärt Ulf Ickerodt

Panzersperranlage

Das Danewerk erfuhr im Laufe der Zeit etliche Veränderungen. Die Waldemarsmauer ließ der dänische König Waldemar im 12. Jahrhundert vor die von den Wikingern errichten Wälle bauen, bis zu sieben Meter hoch und zwei Meter breit. Ein Teil der Mauer ist noch erhalten und zu besichtigen. Am Danewerk und den Veränderungen kondensiert sich Geschichte wie kaum an einem anderen Ort. Schanzen wurden im deutsch-dänischen Krieg (1861–1864) errichtet, die heute noch erkennbar sind. 1944 wurde das Bollwerk der Wikinger zur Panzersperranlage umgestaltet.

Das wikingerzeitliche Danewerk – nur das ist als Welterbe qualifiziert – schloss über einen Verbindungswall den wichtigen Handels- und Siedlungsort Haithabu in die Befestigung ein. Damit waren und sind bis heute Haithabu und Danewerk eine Einheit. Und nun auch Welterbe. Mit diesem Erbe behutsam umzugehen, wird eine der großen Herausforderungen für die Zukunft sein: für Archäologen und Politiker, für Touristiker und Besucher.

Wikinger-Museum Haithabu

Am Haddebyer Noor 5, Busdorf. Täglich geöffnet 9–17 Uhr. Eintritt 7 Euro. Telefon (0 46 21) 81 32 22. Internet www.schloss-gottorf.de

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