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Liedermacher zieht Bilanz: Wolf-Biermann-Autobiografie: „Wer sich nicht wehrt, geht kaputt“

Er war der wohl berühmteste Dissident der DDR. Jetzt blickt der Liedermacher Wolf Biermann in „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ auf sein Leben zurück.
„Warte nicht auf bessre Zeiten!“, singt Wolf Biermann in einem seiner Lieder. Und so heißt denn auch die Autobiografie des Liedermachers. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild-POOL) „Warte nicht auf bessre Zeiten!“, singt Wolf Biermann in einem seiner Lieder. Und so heißt denn auch die Autobiografie des Liedermachers.

Wolf Biermann hat die deutsch-deutsche Geschichte geprägt wie kaum ein anderer. Die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers vor 40 Jahren läutete das Ende der DDR ein und ebnete den Weg für die deutsche Einheit. Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 15. November legt der wortmächtige Poet, der aufmüpfige Widerständler und bekehrte Kommunist jetzt seine Lebenserinnerungen vor – wie kann’s anders sein, unter einem seiner Liedtitel: „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ (Propyläen-Verlag, 576 Seiten, 28 Euro). Darin wird deutlich, warum der kleine Junge aus dem Hamburger Hinterhof sich so furchtlos mit den Mächtigen in der DDR anlegte. Der jüdische Vater, ein überzeugter Kommunist, wurde 1943 von den Nazis im KZ Auschwitz ermordet – der Sohn war noch keine sieben. Nada Weigelt sprach mit dem Autor.

Herr Biermann, gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

WOLF BIERMANN: Nein. Ich weiß ja die Gründe viel zu genau, warum ich mich so oder anders verhalten habe. Und man kann nicht klüger sein, als man ist – oder wie es in dem grobianischen Sprichwort der Deutschen heißt: Kein Mensch kann höher springen, als der Arsch kommt!

Sie haben trotz jahrelanger Schikanen und Berufsverbot noch sehr lange auf eine Wende in der DDR gehofft. Warum eigentlich?

BIERMANN: Ich kam aus der Nazizeit als ein Kommunistenkind, das heißt, ich habe die kommunistische Religion mit der Muttermilch gesoffen. Anders als die Kinder der Nazis war ich deshalb viel enger gefesselt an die Hoffnung auf ein kommunistisches Narrenparadies, in dem der Löwe Gras frisst. Ich habe lange gehofft, dass es eine Demokratisierung in der DDR geben könnte. Ich hielt mich für den richtigen und die Herrschenden für die falschen Kommunisten.

Wie hat der Tod Ihres Vaters im KZ Auschwitz Sie beeinflusst?

BIERMANN: Ich bin intensiver mit meinem Vater aufgewachsen als die meisten Kinder, in deren Leben der Vater jeden Tag rumläuft. Ein Toter kann sehr lebendig sein! Die Tatsache, dass mein Vater Widerstandskämpfer war und ermordet wurde, hat mich geprägt und verpflichtet. Es hat mir aber auch die Kraft und den Mut gegeben, mich mit den mächtigen Schweinehunden in der DDR auf Streit einzulassen.

Hätte es anfangs nicht doch die Chance gegeben, dass aus Ihrem „kommunistischen Paradies“ etwas wird?

BIERMANN: Nein, nein, nein! Das ist ja die schmerzliche Einsicht, zu der ich mich hinarbeiten musste, weshalb ich brechen musste mit dem Kommunismus und ein treuer Verräter, ein guter Renegat wurde: Der Weg in dieses Paradies ist mit Notwendigkeit immer ein Weg in die Hölle von Massenmord, Krieg, Ausbeutung und Lüge. Das ist leider der kleine Fehler an dieser schönen Idee.

Was hat diese Wende in Ihrem Kopf ausgelöst?

BIERMANN: Da gibt es keinen schönen, klaren Knackpunkt. Ich war ja von Anfang an konfrontiert mit der Ungerechtigkeit und Barbarei im Namen des Sozialismus. Erst denkt man, das sind einzelne Idioten, schlechte Menschen, unglückliche Umstände. Dann kommt die Phase der Selbstzweifel: Sehe ich alles verkehrt? Muss ich mir neue Augen einsetzen? Aber wenn man Gedichte schreiben will, ist man drauf angewiesen, dass die Musen einen küssen. Und das kann ich sagen: Die Musen sind nicht Mitglied der Kommunistischen Partei, sie haben eine unglaublich feine Nase für den Gestank der Heuchelei und der Karrieregeilheit.

Die Ausbürgerung hat Sie trotzdem nicht erleichtert.

BIERMANN: Im Gegenteil. Die ersten vier, fünf Jahre im Westen waren die schwierigste Zeit meines Lebens. Ich war in die westliche Gesellschaft, in ein mir neues Koordinatensystem geworfen und wusste nicht, was links und rechts, oben und unten, richtig und falsch ist. Ich war plötzlich der Anfänger, der keine Ahnung hatte. Meine treuen Feinde haben sich trotzdem weiter um mich gekümmert – nicht mehr Stasi-Chef Mielke, sondern sein Stellvertreter Markus Wolf, der Chef für Westspionage. Ich war ja nun in dem Revier, in dem er jagte.

War dann die Wiedervereinigung nicht noch mal ein Bruch? Sie haben Ihre Feinde verloren.

BIERMANN: Als juristische Person ist die Partei Die Linke heute immer noch die SED-Partei. Nur der Name hat sich geändert. Mit Hilfe von Gregor Gysi und Konsorten haben sie es geschafft, sich in die Demokratie rüber zu mogeln, indem sie ihr geistiges und materielles Erbe gerettet haben vor der neuen Zeit.

Wie beurteilen Sie Deutschland heute?

BIERMANN: Deutschland ist heute das wohlhabendste und wohl freieste Land dieser verrückten Welt. Aber eine Folge von zwei hintereinander blühenden Diktaturen in Deutschland, der Nazi-Diktatur und der DDR-Diktatur, ist jetzt zu beobachten: die Angstbeißer. Das gibt es bei Hunden, das gibt es aber auch bei Schweinehunden.

Was sehen Sie als Grund?

BIERMANN: Noch nie in der Menschheitsgeschichte ist so viel Geld von A nach B geliefert worden wie nach der Wiedervereinigung, um Kohls Wahlpropaganda von den blühenden Landschaften wahr zu machen. Wenn man so eine Hilfe nicht zurückgeben kann, egal in welcher Währung, dann passiert es fast automatisch, dass man die genossene Hilfe klein- oder schlechtredet. Und dann geht man eben zu den Linken von Gregor Gysi oder zur AfD. Zusammen haben diese beiden Parteien in Ostberlin 55 Prozent aller Stimmen errungen. Dort möchte ich nicht wohnen.

Haben Sie inzwischen nicht wieder Sehnsucht nach Berlin?

BIERMANN: Ich nicht so sehr, weil ich ja ein geborener plattdeutscher Fischkopf bin und mit der norddeutschen Sprache aufgewachsen. Aber meine Frau Pamela, die bei uns den Stoffwechsel mit der Menschheit regelt, haut mir bei jedem Berlin-Besuch immer den gleichen Satz vorn Latz: „Wolf, Komma, ich finde, wir sollten doch noch nach Berlin ziehen. Du gehörst doch hierhin.“

Und?

BIERMANN: Ich sage dann: Der Wolf gehört nach Hamburg, und der Biermann gehört nach Berlin.

Und, geht’s nach Berlin?

BIERMANN: Mal sehn! Auf dem Brecht-Friedhof warten ja schon alle auf mich, weil sie sich zu Tode langweilen: der Hegel, der Brecht, der Heiner Müller und die Anna Seghers, Ruth Berlau, Helene Weigel, Hanns Eisler, Wolfgang Langhoff, Stephan Hermlin – die freuen sich, wenn der kleine Biermann kommt, dieser Schreihals, dann lohnt es sich, zur Geisterstunde mal wieder rauszukommen und sich mit dem ein bisschen rumzustreiten.

Sie reden so locker übers Sterben. Setzen Sie sich viel mit dem Thema auseinander?

BIERMANN: Nein, gar nicht. Ich bin schon als Kind im großen Brand der Bombennächte in Hamburg dem Tod entkommen.

Was hat Sie bewogen, Ihr Leben aufzuschreiben?

BIERMANN: Ich habe das Projekt seit 1983 vor mir hergeschoben. Bei einem Besuch in Paris hat Manès Sperber damals zu mir gesagt: „Sie müssen unbedingt Ihre Memoiren schreiben!“ Ich war 46 Jahre alt und sagte: „Ich bin doch noch viel zu jung dazu!“ Da blaffte mich der alte Sperber an: „Seine Memoiren muss man schreiben, wenn man selbst noch was davon lernen kann.“

Woran hing es dann so lange?

BIERMANN: Ich war faul und wollte lieber Gedichte und Lieder schreiben. Denn ich bin von Natur aus ein Sprinter, kein Marathonläufer. Aber Pamela hat mich so lange gequält, bis ich endlich angefangen habe, allerdings mit einem Trick: Da ich nur 100 oder 200 Meter schaffe, bin ich eben immer nur 100 oder 200 Meter gelaufen, und meine Frau hat diese Strecken zusammengeflickt und behauptet jetzt, es sei ein Marathonlauf.

Was machen Ihre Musen derzeit?

BIERMANN: Sie haben ihren Abscheu gegenüber einem Greis noch einmal überwunden. Und deshalb erscheint in meinem neuen Gedichtbuch eine Ballade, die mich wirklich freut, „Biermanns Bilanzballade im 80. Jahr“. Darin heißt es: „So viele gingen an Schlägen zugrund / Die sie leider nicht ausgeteilt haben“. Und das ist meine Lebenserfahrung. Natürlich geht man kaputt, wenn man totgeschlagen wird. Aber man geht auch kaputt, wenn man sich nicht wehrt.

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