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Interview: Wolfgang Dunkelau vom Bund Deutscher Architekten über die komplizierte Statik der Städtischen Bühnen

Vor etwa einem Jahr präsentierten Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und Baustadtrat Jan Schneider die Machbarkeitsstudie zu den Städtischen Bühnen. Veranschlagte Kosten: rund 900 Millionen Euro für die zehn Jahre dauernde Sanierung oder den Neubau von Oper und Schauspiel. Seither stehen die Stadtpolitiker unter Schock. Allein das Architekturmuseum belebte mit der Schau „Große Oper – viel Theater?“ und Begleitveranstaltungen die öffentliche Diskussion. Wir baten nun Architekten und sonstige Bauexperten um ihre Meinung. Heute im Gespräch: Wolfgang Dunkelau, Vorsitzender der Frankfurt-Gruppe des Bundes Deutscher Architekten.
Die Doppelanlage von Schauspiel und Oper am Willy-Brandt-Platz ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Foto: Arne Dedert (dpa) Die Doppelanlage von Schauspiel und Oper am Willy-Brandt-Platz ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen.

Wolfgang Dunkelau, geboren 1962 im westfälischen Herford, ist seit 2014 der Vorsitzende der Gruppe Frankfurt des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Er war Professor an der Fachhochschule Frankfurt und im Städtebaubeirat der Stadt Frankfurt. Seit 2016 führt er mit Birgit Giebel das Architekturbüro Dunkelau Giebel Architekten.

Herr Dunkelau, wie bewertet der BDA das Gutachten?

WOLFGANG DUNKELAU: Es hat zunächst den Vorteil, dass es das Gebäude – und das sind 120 Jahre Baugeschichte mit zahlreichen größeren und kleineren Umbauten, Brandsanierungen und Nachbesserungen – baulich penibel dokumentiert. Problematisch ist die daran anschließende Machbarkeitsstudie mit der Kostenuntersuchung. Letztere ist nur ein ziemlich unverbindliches Zahlenspiel, das eine Sicherheit vortäuscht, die man gar nicht hat – obwohl die mit dem Gutachten beauftragten Kollegen sehr ehrlich gerechnet haben. Aber: Kosten kann man erst dann seriös ermitteln, wenn man weiß, was man haben will. Wenn man also die wichtigen Entscheidungen – etwa zur Standortfrage oder ob Neubau oder Totalsanierung – getroffen hat. Der Planungsprozess ist im Alltag von Architekten stets ein Entscheidungsprozess – in Abstimmung mit dem Bauherrn. Je mehr Entscheidungen getroffen werden, desto genauer die Planung, desto seriöser die Kostenberechnung. Bei den Städtischen Bühnen wurden die Kosten über das benötigte Volumen und die benötigte Fläche geschätzt. Das ist aber eine sehr ungefähre Rechnung mit einer Abweichung von bis zu 50 Prozent.

Es wurde überschlagsmäßig ausgerechnet, dass die Gutachter bei einem Neubau von 6000 Euro pro Quadratmeter ausgehen – das kostet ungefähr ein Quadratmeter Krankenhaus. Reicht das?

DUNKELAU: Wir haben ja eine sehr komplizierte und auch sehr ausgefeilte Bühnentechnik. Die Theaterleute sagen mir, dass diese Bühne mit all ihren Möglichkeiten unbedingt zu erhalten ist. Was eine Integration in einen Neubau kostet, kann man bei dem derzeitigen Stand der Entscheidungen eben nicht sagen. Klar ist aber auch, dass allein wegen dieser Bühnentechnik ein Wiederaufbau des alten Schauspiels von 1902 gar nicht möglich ist. Neben der Frage, ob man einen sehr, sehr durchschnittlichen Bau des Wilhelminismus rekonstruieren soll, scheitert das schon bei der Unterbringung der Bühnentechnik. Ein Neubau müsste, da es sich ja um ein öffentliches Gebäude handelt, seiner Funktion angemessen repräsentativ sein. Aber ob die Fassade aus Glas, Naturstein oder Sichtbeton besteht, ob und wie man das Wolkenfoyer integrieren soll, all diese Dinge wissen wir gar nicht. Die Machbarkeitsstudie tut so, als könne sie das alles schon im Vorfeld beschreiben. Deswegen kommt sie auf eine Zahl, die nur auf dem Papier steht. Allerdings, da sie die Kosten für die Interimsspielstätten, die Preissteigerung sowie einen 30-prozentigen Anteil für Unvorhergesehenes einschließt, ist die Zahl vielleicht nicht ganz so fiktiv wie bei anderen Großprojekten der jüngeren Vergangenheit – etwa Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen.

Der Architekt Wolfgang Dunkelau sieht Möglichkeiten, wie man die Städtischen Bühnen am bestehenden Standort halten könnte. Eine Alternative, ebenfalls an zentraler Stelle, wäre seiner Meinung nach ein Neubau am oder über dem Main. Bild-Zoom Foto: Enrico Santifaller
Der Architekt Wolfgang Dunkelau sieht Möglichkeiten, wie man die Städtischen Bühnen am bestehenden Standort halten könnte. Eine Alternative, ebenfalls an zentraler Stelle, wäre seiner Meinung nach ein Neubau am oder über dem Main.

Das war auch schon früher so: Der Wiederaufbau der Alten Oper hat auch sechsmal mehr gekostet, als man ursprünglich veranschlagt hatte. Zurück zu den Städtischen Bühnen: Das Gutachten weist ja auf erhebliche bauliche Mängel hin, die man als Laie nicht sieht.

DUNKELAU: Das Dach ist undicht, die Haustechnik, vor allem die Klimaanlage muss dringend erneuert werden. Das Problem ist, dass man in den vergangenen Jahren nur noch das, was unbedingt nötig war, in dem Haus gemacht hat. Man hat die Bauunterhaltung unterlassen und dachte, man könne so sparen. Jetzt rächt es sich, wobei das absehbar war.

Das heißt, dass Sie am liebsten das bestehende Haus am bestehenden Standort sanieren wollen?

DUNKELAU: Von Leuten aus Schauspiel und Oper höre ich, dass sie die Städtischen Bühnen als die kulturellen Herzkammern der Stadt sehen. Dem stimme ich zu, allerdings – um im Bild zu bleiben –, dieses Herz kann nur in der Innenstadt, an einem zentralen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreichbaren Ort und eben nicht irgendwo in Bockenheim oder im alten Polizeipräsidium schlagen. Eine Alternative gäbe es: Auf dem Fluss zu bauen – auf dem Main, am Mainufer, aber dann auch nur in zentraler Lage.

Aber ist es nicht so, dass am bestehenden Standort keine Erweiterungsflächen für die zusätzlich benötigten Räume zur Verfügung stehen?

DUNKELAU: Das ist richtig. Und da kritisiere ich auch den fehlenden Weitblick der Politik. Das Problem ist, dass wir gerade in den vergangenen Jahren die Städtischen Bühnen „eingebaut“ haben: Im Osten wurde auf dem Degussa-Areal das „Maintor“ hochgezogen – das wäre der ideale Ort für einen Neubau von Schauspiel und Oper gewesen. Im Süden wird gerade der Erweiterungsbau des Jüdischen Museums errichtet. Man könnte allerdings mit der Nassauischen Heimstätte, die dort ebenfalls ein Haus hat, über die Verlagerung der Büroräume der Bühnen sprechen. Im Westen, zum Anlagenring, haben wir die Grünanlage, wo man wegen des Wallservitutes nichts bauen darf. Und wir sollten auch das Wallservitut, das zusammen mit dem Mainufer für einen grünen Ring rund um die Frankfurter Innenstadt sorgt, mit Händen und Füßen verteidigen. Schließlich der Eurotower im Norden, der derzeit von der EZB-Bankenaufsicht belegt wird: Ich könnte mir schon vorstellen, dass man im Hochhaussockel Räume der Städtischen Bühnen unterbringt. Das Restaurant zum Beispiel oder die Betriebskita, deren Bedarf wegen der sehr speziellen Arbeitszeiten an Schauspiel und Oper ohne Zweifel feststeht, könnte man dort unterbringen. Selbst für diese zusätzliche Bühne mit 200, 300 Zuschauern, die das Schauspiel benötigt, könnte der Sockel der ideale Ort sein. Und das würde auch dem Willy-Brandt-Platz gut tun, dessen Leben durch die Sicherheitsvorkehrungen der EZB und die Tiefgaragenzufahrt beeinträchtigt wird. Als die EZB in ihren Neubau zog, hätte die Stadt ja mal über eine Verlagerung von Räumen der Bühnen in den Eurotower sprechen können.

Noch mal zum Standort: Der bestehende an der Schnittstelle von Bahnhofsviertel und Innenstadt ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erreichen. Aber sorgt nicht die U-Bahn für statische Probleme?

DUNKELAU: Wäre dieser Standort auf der grünen Wiese, wäre alles easy. Bagger hin, abreißen, dann schnell neugebaut – das wäre in relativ kurzer Zeit erledigt. Leider, oder besser: Gottlob befindet sich die Theaterdoppelanlage mitten in der Stadt. Ein Neubau ist dann nicht so einfach. Die Fundamente des Gebäudes stützen statisch derzeit den Röhrentunnel der U-Bahn und damit auch den Eurotower. Das heißt, wir können das Haus gar nicht ersatzlos abreißen oder einfach ein Loch graben. Da muss schon ein richtig guter Statiker lange darüber nachdenken, damit uns die U-Bahn nicht absäuft und das Hochhaus nicht umkippt. Entsprechend kostet das richtig Geld. Deswegen ist es umso wichtiger, vorher Klarheit zu schaffen, was für ein Theater, was für eine Oper man haben will. Was neugebaut werden muss und was saniert werden kann.

Das Gutachten enthält ja auch eine Bedarfsanalyse. Die besagt, dass die Bühnen rund 9000 Quadratmeter mehr brauchen, und schlägt vor, diese etwa durch eine Aufstockung am selben Standort unterzubringen.

DUNKELAU: Wie gesagt, eine standortnahe Möglichkeit der Auslagerung von Räumen wäre das Gebäude der Nassauischen Heimstätte sowie der Sockel des Eurotowers. Zusätzlich könnte man die Werkstätten – die Schreinerei etwa oder die Schneiderei – etwa am Osthafen oder in Fechenheim unterbringen. Und einen Teil der Haustechnik in der Tiefgarage des Theaters. Natürlich ist es so, dass unter den Aspekten der Produktionstechnik die Regisseure und Dramaturgen von Oper und Schauspiel die Werkstätten lieber am selben Standort haben. Weil das einfach kürzere Wege bedeutet. Wenn man die Werkstätten in Fechenheim baut, hat man natürlich geringere Kosten – wegen der Grundstückspreise, aber auch wegen der erwähnten statischen Probleme.

Frau Hartwig sagt, sie möchte das Theater zukunftssicher machen. Wie kann Architektur dabei helfen?

DUNKELAU: Der BDA war ja vergangenen Sommer in Lyon, und die dortige Oper hat uns alle sehr beeindruckt. Das ist ein sehr anständiger Altbau – zentral, gegenüber vom Rathaus –, in den Jean Nouvel ein Opernhaus hineingeschneidert hat. Wegen der nahen U-Bahn-Trasse ist aus akustischen Gründen der neue Saal abgehängt. Der Bau ist beeindruckend, aber noch beeindruckender war, wie ihn sich die jungen Leute angeeignet haben: In den Arkaden führten sie Breakdance auf, es gibt Konzerte – die Oper wird auch tagsüber zum selbstverständlichen Teil des öffentlichen Lebens. Wenn Sie sich das jetzt ähnlich am Willy-Brandt-Platz denken, zwischen dem Sockel der Städtischen Bühnen und dem Sockel des Eurotowers. Da wäre ständig etwas los, das würde den Touristen Spaß machen, das würde den Frankfurtern Spaß machen, wahrscheinlich auch den Bewohnern der Rhein-Main-Region. Zusätzlich zu Schauspiel und Oper auf Highclass-Niveau. Das wäre doch ein richtiges regionales Projekt?

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