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Worte rauben ihm den Schlaf

Der Hofheimer zählt zu den profiliertesten Literaturübersetzern aus dem Portugiesischen. Derzeit hat er so viel zu tun wie noch nie zuvor.
Michael Kegler in der portugiesischen Buchhandlung in Frankfurt. Seine Arbeit ist seine Leidenschaft.	Foto: Holger Menzel Michael Kegler in der portugiesischen Buchhandlung in Frankfurt. Seine Arbeit ist seine Leidenschaft. Foto: Holger Menzel

Das ist sein Reich, hier kennt er sich aus: Michael Kegler sitzt in der portugiesischen Buchhandlung in Frankfurt und trinkt einen Espresso. Er blickt auf die vollgepackten Bücherregale, die ihn umgeben: „In der brasilianischen Literaturszene passiert gerade unglaublich viel. Eine neue, stimmgewaltige Generation bringt eigene Themen ins Spiel.“ Keglers Augen leuchten, wenn er von den vielen jungen südamerikanischen Schriftstellern spricht: „Die Autoren wollen in ihren Büchern nicht den Gringos das Land Brasilien erklären. Die Themen sind kosmopolitisch. Brasilien ist ein Land der vielen Stimmen.“

Von ganz unten

Wenn einer weiß, wie es um die zeitgenössische brasilianische Literatur bestellt ist, dann Michael Kegler. Der Mittvierziger ist einer der arriviertesten Übersetzer portugiesischsprachiger Literatur in Deutschland und hat derzeit so viel zu tun wie noch nie zuvor in seinem Übersetzerleben: „Momentan arbeite ich für drei. Im Zuge der Buchmesse veröffentlichen viele Verlage Literatur aus Brasilien. Für uns Übersetzer ist das natürlich super.“ Eine ereignisreiche Zeit für ihn und seine Kollegen. Kegler schätzt, dass in Deutschland nur etwa 25 ernsthafte Übersetzter portugiesischsprachige Literatur ins Deutsche übertragen. Das habe verschiedene Gründe: „Der Markt in Deutschland ist für die portugiesischsprachige Literatur begrenzt. Man muss als Übersetzer den Verlagen schon auf den Keks gehen, wenn man ein tolles Buch hat, das man gerne übersetzen will.“ Das sei schade, schließlich habe die Literatur Brasiliens einen starken, farbenfrohen Klang, der nicht zu verwechseln ist mit der gefälligen Erbauungsliteratur des Platzhirschen Paulo Coelho.

Der Übersetzer hofft, dass sich die Aufmerksamkeit für die portugiesischsprachige Literatur durch den brasilianischen Buchmesseauftritt vergrößert. „Der wohl derzeit wichtigste Autor ist Luiz Ruffato. Bei ihm geht es um Zerrissenheit und Scheitern. Er erzählt von ganz unten, vom Schmutz und vom Dreck“, sagt Kegler und streicht dabei zärtlich über den Einband eines der Bücher von Ruffato: „Mama, es geht mir gut“ heißt das Werk.

In dem schmalen Büchlein verleiht der Autor den Verlierern des brasilianischen Aufschwungs eine Stimme. Er erzählt von der harten Welt am Abgrund der Gesellschaft. Übersetzt hat das Buch Michael Kegler, wie schon viele weitere Romane und Erzählungen von Ruffato. „Es geht darum, die Sprache auch in der Übersetzung zum Klingen zu bringen“, sagt Kegler. Und das ist schwere Arbeit: „Manchmal kloppe ich ganze Kapitel wieder in die Tonne, wenn ich finde, dass ich den Ton nicht richtig getroffen habe.“ Wenn Kegler ein Buch übersetzen will, liest er es zunächst gründlich, dann fängt er an auszuprobieren: „Es gibt Tage, da kann ich einfach nicht übersetzen, da bleibt man an einem Satz hängen, träumt sogar davon.“ Sein erstes Buch habe er einst spaßeshalber übersetzt, erzählt Kegler.

Literatur ist Leben

Während er an der Frankfurter Goethe-Uni Englisch und Geschichte studierte, jobbte er in der portugiesischen Buchhandlung in Bockenheim: „Hier hat alles angefangen“, sagt er lachend. „Meine Ausbildung hat hier stattgefunden, in dieser Bücherei. Hier habe ich Bücher kennengelernt, von denen ich immer noch zehre.“ Eines dieser Bücher ist „Kein Land wie dieses“ von Ignácio de Loyola Brandão: Das sei eines der wichtigsten Bücher seines Lebens. In den Übersetzer-Job sei er irgendwie hineingestolpert, so Kegler. „Ich bin in Brasilien aufgewachsen. Die portugiesische Sprache habe ich bereits als kleines Kind gelernt. Mein Vater war Geologe und für einige Zeit in Brasilien beschäftigt. Später sind wir nach Gießen gezogen. Jetzt lebe ich mit meiner Familie in Hofheim am Taunus.“ Hier, im Taunus, da fühle er sich wohl, da könne er gut arbeiten, da sei er angekommen.

Zur Literatur kam er über Umwege: „Ich habe erst spät angefangen, richtig zu lesen. Bei der portugiesischen Literatur bin ich hängen geblieben. Da habe ich Bücher entdeckt, von denen ich dachte, die sollten unbedingt ins Deutsche übertragen werden. So kam dann eins zum anderen.“ Nur vom Übersetzen zu leben, das sei schwer: „Ich mache noch 1000 andere Projekte. Lesereisen gehören etwa dazu. Dabei kommt man auch viel rum.“

Einer der Höhepunkte seiner bisherigen Arbeit sei die Übersetzung von „Tagebuch eines Sturzes“ von Michael Laub gewesen: „Das ist ein wahnsinnig wichtiges Buch für mich“, erklärt Kegler. Laub sei ein meisterhafter Erzähler: „Nach dem ersten Lesen war ich total begeistert.“ Die Begeisterung von Kegler ist ansteckend. Man spürt: Für den Übersetzer ist Literatur Leben.

Aktuell aus der Übersetzerwerkstatt von Michael Kegler: Michael Laub, „Tagebuch eines Sturzes“ (Klett-Cotta); João Paul Cuenca, „Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“ (A1-Verlag); Luiz Ruffato, „Mama, es geht mir gut“ (Assoziation A)

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