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Digitalisierung: Wut, Hass und Hysterie: Über die Extreme im Internet

Die Digitalisierung versetzt die Welt in einen nervösen Ausnahmezustand. Bernhard Pörksen beschreibt in seinem neuen Buch die Lage, analysiert die Gründe und sagt, was wir tun sollten.
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Wir leben in einer Welt der Shitstorms, der Fake News und alternativen Wahrheiten. Im Netz verbreiten sich Hass, Pöbelei, manipulierte Fakten und Verschwörungstheorien. Was ist da los? Woher kommt dieser beispiellose Furor? Zerstört er den Staat und die Demokratie? Stürzen wir in einen neuen Rausch der Barbarei? Michael Kluger hat bei Bernhard Pörksen nachgefragt.

Herr Professor Pörksen, sind wir Menschen des 21. Jahrhunderts dabei, den Verstand zu verlieren?

BERNHARD PÖRKSEN: Nein, so würde ich es nicht formulieren, weil man dann doch sehr leicht pauschal über andere spricht. Aber natürlich gibt es jede Menge Verrücktheiten: die Tweets eines delirierenden amerikanischen Präsidenten, die neueste Verschwörungstheorie über einen Amoklauf in Florida, die gerade aktuellen Fake-News, die durch die sozialen Netzwerke wirbeln. Und doch, die globale Diagnose, wir würden den Verstand verlieren, wäre mir deutlich zu pessimistisch.

Lehrt Medienwissenschaften an der Universität in Tübingen: Professor Bernhard Pörksen.
Medienwissenschaftler Pörksen hat das Buch der Stunde geschrieben

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, hat Germanistik, Journalistik und Biologie studiert. Heute lehrt er als Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen.

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Sie haben den Titel „Die große Gereiztheit“ in Anspielung auf Thomas Manns großen Roman „Der Zauberberg“ (1924) gewählt. Dort sitzen Lungenkranke in einem Sanatorium in den Alpen, während sich im Tal der Erste Weltkrieg vorbereitet. Die Atmosphäre der Nervosität, der Aggression, des Streits und der Bösartigkeit erfasst aber auch die Kranken auf dem Berg. Was verbindet unsere Gereiztheit mit der vor 100 Jahren?

PÖRKSEN: Natürlich sind die konkreten Anlässe der Gereiztheit unterschiedlich. Zum einen die Vorkriegsstimmung im Jahre 1913, die plötzliche Eruption von Panik und Gewaltbereitschaft. Zum anderen, wie heute, die Debatte über Flüchtlinge, der drohende Zerfall Europas, das Nachbeben der Finanzkrise. Und doch, darin liegt für mich die Verbindung: Thomas Mann führt meisterhaft vor, dass es keine Idylle mehr gibt, die Idee der Flucht auf den Zauberberg illusionär ist. Und ich zeige, in welchem Maße die Tatsache der Vernetzung verstört und im Weltinnenraum der Kommunikation für Aufregung sorgt. Wir sehen alles, sofort. Der Zauberberg ist eigentlich ein Symbol für einen Ort informationeller Isolation. Und dieser Ort hört auf zu existieren, wenn jeder ein Smartphone hat und konstant sendet und empfängt.

Sie beschreiben die digitalisierte Welt als ein globales Nervensystem: Eine Erregung an einem Ort kann sich über das Netz wie ein Virus in Echtzeit über den ganzen Planeten verbreiten. Was richtet das an mit uns?

PÖRKSEN: Wir kommen einander zu nahe, sehen in radikaler Unmittelbarkeit, was der Freund über die AfD postet, werden im eigenen Kommunikations- und Wahrnehmungsradius mit den unterschiedlichsten Gedanken- und Bewusstseinsströmen konfrontiert. Es ist die gleichzeitige Sichtbarkeit des Verschiedenen, die beunruhigt und irritiert: von der geschickten Fälschung bis hin zum tatsächlich relevanten oder eben trivialen Geschehen, von den Bildern des obszönen Reichtums bis hin zur Dokumentation von entsetzlicher Armut und bestialischer Gewalt. Ich behaupte: Der Meta-Effekt digitaler Kommunikation liegt im Schock des Unvereinbaren.

Das Kernproblem scheint mir nach der Lektüre Ihres Buchs zu sein, dass die Realität für uns immer undurchschaubarer wird. Wir haben lernen müssen, dass es die eine Wahrheit nicht mehr gibt. Aber das Netz füttert uns inzwischen mit so vielen Wahrheiten, Versionen und Varianten, mit gefälschten, manipulierten und in ihr Gegenteil verkehrten Wahrheiten, dass wir buchstäblich nicht mehr durchblicken. Können wir unseren Wahrnehmungen noch trauen?

PÖRKSEN: Die gute Nachricht der Netzkommunikation lautet, dass sich jeder zuschalten kann, barrierefrei und ohne auf die Gnade der klassischen Gatekeeper angewiesen zu sein. Die schlechte Nachricht besagt, dass die Leichtigkeit des Zugangs die Barrieren für Tricksereien drastisch senkt. Wir wissen: Etwa ein Fünftel aller Netzempfehlungen ist gefälscht. Wir wissen: Die unterschiedlichsten Akteure entsenden längst ihre eigenen Troll-Armeen in die sozialen Netzwerke und simulieren auch durch Social Bots eine Meinungsmacht, die so nicht existiert. Und die allgemein erlebbare Macht der Desinformation erzeugt, so zeige ich in meinem Buch, eine Stimmung der gefühlten Manipulation. Die Renaissance der Verschwörungstheorien bis weit in bürgerliche Kreise hinein ist vor dem Hintergrund einer allgemeinen informationellen Verunsicherung kaum verwunderlich.

Sie beschreiben einen Wandel von der Medien- zur Empörungsdemokratie: Was sind seine markantesten Kennzeichen?

PÖRKSEN: Die Mediendemokratie der vordigitalen Zeit war gekennzeichnet durch publizistische Machtzentren, die klassischen Leitmedien in Gestalt von Zeitung, Radio und Fernsehen. Mediale Verantwortung besaß hier, so könnte man sagen, eine klar benennbare Adresse. In der Empörungsdemokratie tritt an die Stelle des Leitmediums eine Art Wirkungsnetz; jeder ist hier zum Sender geworden, kann mit seinen eigenen Erregungs- und Empörungsangeboten um ein Publikum werben. Publizistische Verantwortung wird diffus. Ich würde sagen: Wir befinden uns heute im Übergang von der Medien- zur Empörungsdemokratie, denn die klassischen Machtzentren werden schwächer, die von Ad-hoc-Schwärmen produzierbaren Medieneffekte jedoch stärker.

Im Begriff „Empörungsdemokratie“ steckt immer noch „Demokratie“. Tatsächlich gibt es im Netz aber keine Institutionen, Prozeduren, institutionalisierte Kontrollen. Wir wissen oft nicht, wer da spricht: Sind es Roboter oder Menschen? Wir wissen nicht, welche Mächte dahinterstecken: Individuen, Algorithmen, Kollektive, Konzerne, Staaten? Die Machtverhältnisse im Netz sind völlig undurchschaubar. Widerspricht das Chaos im Netz nicht allen Begriffen, die wir von Demokratie haben?

PÖRKSEN: Die Demokratisierung der Enthüllungs- und Empörungspraxis bedeutet für mich schlicht: Jeder bekommt, ein Smartphone in der Hand, Zugang zur digitalen Öffentlichkeit, kann sein eigenes Thema setzen, potentiell ein Großpublikum erreichen. Aber das heißt natürlich nicht, dass dann auch im Weiteren die Mechanismen demokratischer Prozeduren bestimmend sind. Genau das ist das Problem, das auf eine doppelte Herausforderung verweist: Zum einen kommt es auf das Ethos des Einzelnen an wie kaum jemals zuvor. Und das ist eine gewaltige, gesellschaftlich noch gar nicht wirklich verstandene Bildungsherausforderung. Zum anderen aber brauchen wir, gerade im Blick auf Plattformen, Regeln, die Transparenz erzwingen und dem selbst medienmächtig gewordenen Publikum ein größeres Maß an Mündigkeit und Selbstbestimmung erlauben.

Wenn nicht alles täuscht, sind es vor allem negative Energien, die sich in der digitalen Welt in den Vordergrund drängen. Warum? Der utopische Hippie-Traum der Internet-Pioniere richtete sich ja einmal auf eine versöhnte, aufgeklärt-zivilisierte Menschheit, die barrierefreien Zugang zu den Wissensbeständen hat. Warum scheint sich diese Utopie in ihr Gegenteil zu verkehren: Woher so viel Spaltung, Lüge, Gewalt?

PÖRKSEN: Ich glaube, man muss, um ein gerechtes Bild zu skizzieren, ergänzen: Die digitale Öffentlichkeit hat ihren eigenen Schrecken und ihre eigene Schönheit. Ich selbst profitiere jeden einzelnen Tag als Wissenschaftler von der Sofort-Verfügbarkeit von Daten und Dokumenten, genieße die Möglichkeit, mit einem Klick die Angebote der „New York Times“ oder irgendeines anderen Spitzenmediums zu studieren. Gleichwohl: Spätestens nach den Brexit-Lügen, dem Wahlsieg von Donald Trump und der Fake-News-Schwemme wird unabweisbar, dass wir unseren Medienmöglichkeiten mental noch nicht gewachsen sind. Die Hippies, die im kalifornischen Sausalito die erste Online-Gemeinschaft der Welt gründeten, waren naive Optimisten: Sie glaubten, wir hätten nun die Instrumente, um die Ideale von Freiheit, Liebe und Verbundenheit wirklich zu leben. Heute müssen wir erkennen: Es gibt großartige Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung – und gleichzeitig eine Kloake aus Hass und Niedertracht.

Befördert die digitale Technologie selbst diese Negativität? Müssen wir womöglich erst lernen, mit ihr umzugehen? Oder ist die Technologie im Grunde neutral, und wir sehen nur die Symptome eines sich verdunkelnden Welt- und Zeitgeists?

PÖRKSEN: Der Technikhistoriker Melvin Kranzberg hat einmal gesagt, Technologie ist nicht gut, nicht böse und sie ist nicht neutral. Ich stimme ihm zu und würde hinzufügen: Technologie wirkt verschärfend. Sie transformiert die Raum- und Zeiterfahrung und setzt, manchmal auf ganz und gar undeutliche Weise, eine Art Raster der Welterkenntnis und Wirklichkeitswahrnehmung. Für die digitalen Medien gilt, so meine ich, dass sie die ohnehin vorhandenen Unterschiede zwischen Menschen im Guten wie im Bösen radikal sichtbar machen und eben dadurch zum Faktor der Eskalation werden. Das heißt: Wir sehen uns selbst – eben mit Hilfe der digitalen Technologien. Und wir sehen uns im Modus greller Kontraste, sofort und überall. Und eben diese Sofort-Konfrontation ist medial induziert.

Ist die Digitalisierung überhaupt vernünftig steuerbar oder ein selbstläufiger Prozess, der ganz neue Strukturen aus sich hervorbringt?

PÖRKSEN: Ich bin kein Technikdeterminist, wie beispielsweise der Internet-Pionier Kevin Kelly, der eine unaufhaltsame, den Menschen irgendwann ins Abseits drängende Evolution der Technologie beschreibt. Meine Position ist eine eher weiche Form von Determinismus, die besagt: Medien liefern ein bewegliches Korsett, in dem sich der Einzelne auf verantwortliche oder eben unverantwortliche Weise zu bewegen vermag. Das heißt: Im Letzten kommt es auf uns an, auf unsere Absichten und unsere Verantwortung. Nur: Um Verantwortung unter den digitalen Bedingungen neu zu denken, braucht es Bildungsanstrengungen, muss Medienmündigkeit bereits in der Schule gelehrt werden.

Wenn Sie auf 2118 vorausblicken: Sehen Sie mehr Gründe für Zuversicht oder mehr für Angst?

PÖRKSEN: Ein weiser Mann, dessen Name mir leider entfallen ist, hat einmal gesagt: Wissenschaft arbeitet mit dem Rücken zur Zukunft; wir sortieren, was war. Und doch: Im Letzten bin ich Bildungsoptimist und halte den Menschen für ein ungeheuer anpassungsfähiges, erfindungsreiches Wesen. Und der Blick in die Glaskugel sagt mir, dass wir alle schon in den nächsten Jahren neue Filtermechanismen und neue Formen der Achtsamkeit entwickeln werden, die helfen, die radikalen Veränderungen der Informations- und Medienwelt auszugleichen. Ein paar Vorschläge auf diesem Weg mache ich in meinem Buch, das allerdings 2118 leider längst total vergessen sein wird.

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