Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 29°C

Frankfurter Oper: "Xerxes": Der Adel tanzt auf dem Tisch

Von Intrigen, Verwicklungen, Sehnsucht und Liebe – kein menschliches Gefühl lässt Händels Oper „Xerxes“ aus. Und auch nicht das grandiose Frankfurter Ensemble.
Die Frankfurter Inszenierung von Tilmann Köhler zeigt das Personal aus Händels Oper „Xerxes“ als dekadente Tischgesellschaft: Perserkönig Xerxes (Gaëlle Arquez, links) langweilt sich, die Fürstentochter Atalanta (Louise Alder, Mitte) tanzt auf dem Tisch. Die Frankfurter Inszenierung von Tilmann Köhler zeigt das Personal aus Händels Oper „Xerxes“ als dekadente Tischgesellschaft: Perserkönig Xerxes (Gaëlle Arquez, links) langweilt sich, die Fürstentochter Atalanta (Louise Alder, Mitte) tanzt auf dem Tisch.

Großes Kino zu Beginn. Gaëlle Arquez singt „Ombra mai fu“, jene göttliche Eingebung Georg Friedrich Händels, eine der berühmtesten Arien der Musikgeschichte. Das Publikum schmilzt dahin, schönerer Schatten war nie, gespendet von einer Platane. In der Tat: Xerxes, der mächtige Perserkönig, liebt einen Baum. Der kann seinem Begehr nicht widersprechen, nur leise mit seinen Blättern wispern – ironische Idealkonstellation für eine emotional schwierige Existenz. Das kleine Orchester sitzt hinter ihm, ist Bestandteil der Bühne, wieder dahinter der Vorhang, auf ihn projiziert die Platanenkrone, in der man herrlich kuscheln und sich verstecken kann.

Dekadente Gesellschaft

Erst dann geht es richtig los. Im tauben- (oder adelsblut-?)blauen Halbrund (Bühne: Karoly Risz) tafeln und belauern sich die Liebeskonkurrenten. Sie werden sich in den kommenden drei Stunden gegenseitig anhimmeln, begehren, verachten und verraten. Eine dekadente Gesellschaft junger Leute, reif fürs „Dschungelcamp“ oder die Klatschpresse. Köstliche Früchte, Fasane, Krustentiere türmen sich auf Tisch und Tellern – die moderne (von Susanne Uhl schick-protzig eingekleidete) High Society weiß jedoch nicht mehr damit umzugehen. Sie grapschen und schmatzen und richten eine unappetitliche Sauerei an. Wie beim „Großen Fressen“! Später wird Xerxes Romilda auf dem Tisch flachlegen, werden die auch vom königlichen Bruder Arsamene begehrte Generalstochter und ihre Nebenbuhlerin Atalanta sich mit Obst und Geflügel bewerfen.

Hier den Durch- und Überblick zu behalten, fällt schwer, auch wenn Regisseur Tilmann Köhler die Personen wohl zu gruppieren weiß, Nähe und Distanz inszeniert, Situationen von Streit und Versöhnung und hinterrücks arrangierter Intrigen. Angeheizt wird die Szenerie durch riesige Live-Videoprojektionen (Marlene Blumert) gespannt und bange lauernder Gesichter hinter der Bühne. Entrinnen ist nur durch die Öffentlichkeit möglich, durchs Parkett, oder durch enge Gelasse an den Seiten, die zum Blumenfenster in der Rückwand führen. Hier kümmert die Platane vor sich hin, nach der Pause sind ihr die Blätter abgefallen, längst geht es nicht mehr um Liebe, sondern darum, wer wen bekommt und überhaupt seinen Hals retten kann. Wie immer in der barocken Oper geht alles glimpflich aus, die Pistole, mit der Xerxes herumfuchtelt, kommt nicht mehr zum Einsatz.

Mit maximalen Verwicklungen suchte Händel (nach einem Libretto von Silvio Stampiglia) mit „Xerxes“ im Jahr 1738, seine Londoner Opernkarriere zu retten. Erfolglos – was eher an den Verwicklungen liegen mag als an der Fülle seiner musikalischen Einfälle. Immer wieder fasziniert Händels Kunst, aus wenigen Tönen und kleinen Motiven herrliche Melodien zu formen und vor allem Affekte zu vermitteln. Also Furcht und Verzweiflung, Freude und Sehnsucht.

Wütende Koloraturen

Man hört sie unmittelbar, so kongenial steuert und animiert Constantinos Carydis die mit Blockflöte (wunderbar: Sabine Ambos) verstärkte, mit Laute und Gitarre, Cembalo und Orgel grundierte Barockgruppe des Museumsorchesters. Noch nicht mit allerletzter Präzision, aber aufmerksam, mit beweglichen Tempi und geschärften Rhythmen erklingen die gefühlvollen Bögen und wütenden Koloraturen, ein stetes Hin und Her von Rezitativen, in denen die Sänger miteinander streiten, und Arien, die bisweilen auftrumpfend ihre Persönlichkeit betonen.

So gelingt es allen, sich und ihre Interessen in den Vordergrund zu spielen. Ein Sängerwettstreit nur mit Siegern. Gaëlle Arquez: temperamentvoll, ausdrucksstark und dynamisch in der Titelpartie; Lawrence Zazzo mit kraftvollem, selbstbewusstem Countertenor (manchmal arg durch die schlanken Koloraturen gezwängt) als Arsamene; Elizabeth Sutphen, erstaunlich reifes Mitglied des Opernstudios, als eher mädchenhafte Romilda; die resolute Louise Alder, die mit ihrer Stimme alles kann, kecke Staccati ebenso wie rasante Koloraturen und eine tolle Schauspielerin überdies (Atalanta); Tanja Ariane Baumgartner, ebenfalls aus dem Ensemble, als dunkel umwitterte, soldatische Femme fatale (Amastre, von Xerxes verlassene Braut); der Bariton Brandon Cedel, Romildas und Atalantas Vater Ariodate, und Thomas Faulkners ziemlich aufdringlicher Elviro, Diener und Strippenzieher vom Dienst. Man braucht allerdings einiges Sitzfleisch für diese üppige, von häufigem Szenenbeifall umrauschte musikalische Wellness!

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse