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Konzert in Frankfurt: Yello - Skurrile Klänge aus dem Zeittunnel

Musik zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Auf seiner ersten Tournee überhaupt macht das Schweizer Elektropop-Duo „Yello“ in der Frankfurter Festhalle Station.
Mit erhobenem Zeigefinger: Dieter Meier, die eine Hälfte des Schweizer Elektropop-Duos „Yello“, in der Frankfurter Festhalle. Foto: Sven-Sebastian Sajak Mit erhobenem Zeigefinger: Dieter Meier, die eine Hälfte des Schweizer Elektropop-Duos „Yello“, in der Frankfurter Festhalle.

Besser spät als nie: Da musste Frontmann Dieter Meier erst 72 Jahre alt werden, bevor er sich mit dem 1978 gegründeten experimentellen Elektropop-Projekt „Yello“ auf Tournee begibt. Am exzentrischen Züricher mit obligatorischem Oberlippenbart und noch immer ungemein vollen, zurückgekämmten schulterlangen Haaren hat es ohnehin nie gelegen. Wirkt doch der umtriebige Sohn eines reichen Privatbankiers, der sich aus armen Verhältnissen emporgearbeitet hat, nach wie vor als Konzeptkünstler (1972 machte er beim Concept-Art-Programm der Documenta 5 am Kasseler Hauptbahnhof in einem urigen Langzeitprojekt mit). Zudem arbeitet er als Filmemacher, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Produzent, Zeichner, Bildhauer, Fotograf und Poet, betreibt aber parallel als gewiefter Unternehmer auch eine Rinderzucht, Weinanbau und Restaurants.

Starkes Lampenfieber

Nicht zu vergessen: Meier, der sich selbst als Individual-Anarchist beschreibt und wie gewohnt im Rampenlicht im schicken anthrazitfarbenen Anzug, mit Halstuch und getönter Brille agiert, designt für sein Leben gerne Uhren. Außerdem ging der Renaissance-Mensch Meier als Solist immer wieder mal auf Tournee, zuletzt beehrte er Frankfurt 2011 im Mousonturm.

Als Langzeitausbremser bei „Yello“ zeichnete stets Meiers bessere Duohälfte Boris Blank verantwortlich. Verweigert hat sich Blank jahrzehntelang wegen seines starken Lampenfiebers, aber auch, weil es dem Komponisten klangtechnisch nie gelang, den pittoresk exzellenten Studio-Sound auf die Bühnenbretter zu zaubern. Doch jetzt, wo Blank mit seinem Yellofier, einem selbstentwickelten Taschencomputer im Smartphoneformat, um Klänge spontan zu improvisieren, das Unmögliche möglich machen kann und der 65-Jährige, der einst „Yello“ mit dem 1983 ausgestiegenen Carlos Perón und Dieter Meier als Trio ins Leben rief, auch die Rampenangst überwunden hat, steht einer späten Bühnenkarriere dann doch nichts mehr im Wege.

Opulenter Rundumklang

Zumindest plaudert der redeaffine Dieter Meier alle diese Details in gewohnter Nonchalance und polyglott vom Deutschen ins Englische überblendend zwischen jenen 20 Songs aus, die er gemeinsam mit Blank in ausgelassen unterhaltsamen zwei Stunden nicht nur ziemlich opulent, sondern für Festhallenverhältnisse in einem dreidimensionalen Rundumklang auch ungemein patent in Szene setzt.

Beim Blättern durch den umfangreichen Songkatalog von „Yello“, deren Name nicht etwa die Abkürzung von Yellow, sondern auf die Verballhornung von „A Yelled Hello“ (ein geschrienes Hallo) zurückzuführen ist, unterstützen ein erstklassiges zehnköpfiges Ensemble, darunter auch ein ziemlich agiles Blechbläserquintett und zwei Chorsängerinnen, sowie zusätzlich für einzelne Songs die Gastvokalistinnen Malia und Fifi Rong. Ein Hauch nostalgischer Achtzigerjahre-Zeitgeist schwebt ebenso durch die nicht ausverkaufte Festhalle wie ein undefinierbarer Futurismus, als „Yello“ zum Intro „Magma“ und „Do It“ mit imposanten Video-Impressionen des beleuchteten nächtlichen New York aus majestätischer Vogelperspektive eröffnen. Unmittelbar lässt sich die Besucherschar von der rhythmischen Göttlichkeit in den Bann ziehen, mit der „Yello“ ungemein abwechslungsreich zu faszinieren zu verstehen: Pop, Trance, Techno, Elektro, Disco, House und noch weitaus bizarrere Zutaten fusionieren unter häufig lateinamerikanischer Rhythmik und Dieter Meiers signifikant tiefem Sprechgesang zu groovigen Stimmungsbildern.

Kultiges aus der Frühzeit

Diese sind oftmals mehr Toncollage als Song, trotz eingängiger Charthits wie „Oh Yeah“, „Tied Up“ und „The Rhythm Divine“. Letzterer Titel ist ein von Malia gesungener fabelhafter James-Bond-Themensong, der es leider nie in einen der Kinofilme der langlebigen britischen Agentenreihe schaffte, aber ursprünglich von keiner Geringeren als Shirley Bassey interpretiert wurde. „Yello“ bitten in den Zeittunnel („The Time Tunnel“), blicken gerne zurück, verweilen auch länger in der Vergangenheit, wo Kultiges aus der Frühzeit wie „Bostich“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ in neu erstrahltem Arrangierglanz ausgepackt wird. Im Fokus steht aber auch Aktuelles vom jüngsten Album „Toy“ (2016): Philosophisch tiefsinnig thematisieren sie in „30 000 Days“ die durchschnittliche Lebensspanne eines Menschen hier auf Erden, sinnieren in „Limbo“ über jene Momente im Leben nach, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Packend geraten vor allem die Songs „Kiss The Cloud“ und „Lost In Motion“ mit der aufreizend knapp in Rot gehüllten chinesischen Vokalistin Fifi Rong – eine Entdeckung. Für das an „Je t’aime . . . moi non plus“ erinnernde Liebesgeflüster „Starlight Scene“ samt Shadows-Gitarre paaren sich Meier und Malia zum Duett.

Alle Smartphones fahren noch einmal in die Höhe, als im Zugabenteil Boris Blank erst nach anfänglichem Fehlschlag ausführlich seinen Yellofier vorführt. Aus spontan improvisierten und aufgezeichneten Geräuschen von ihm und Meier baut er binnen Minuten einen neuen fabelhaften Song. Danach lässt sich das Publikum durch die favorisierten Charthits „Vicious Games“ und „The Race“ (war die Themenmelodie der allwöchentlichen TV-Musikshow „Formel Eins“) noch einmal so sehr in Entzückung versetzen, dass es minutenlang mit stürmischem Applaus nach weiteren Zugaben verlangt, jedoch leider keine mehr erhält.

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