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Zehn Mal die Frage: Wie wollen wir leben?

„Rethink Your World“ (Überdenke deine Welt) lautet das Motto der neuen Filmschau, die nach Spanien und Mainz zum ersten Mal in Frankfurt Einzug hält.
Werner Herzog, der Visionär unter den Filmemachern.	Foto: dpa Bilder > Werner Herzog, der Visionär unter den Filmemachern. Foto: dpa

„Reflecta“? Ein ungewöhnlicher Name für ein Kultur-Event (5. bis 7. Dezember im Mousonturm, 8. bis 14. Dezember in mehreren Partnerkinos). Ein wenig klingt er nach Frankfurts „Luminale“, nur geht es eben nicht um äußere Beleuchtung, sondern um das Licht im Kopf und die Reflexion äußerer Wirklichkeiten, anders gesagt: das Nachdenken über wichtige Dinge im Medium Film. Daher der Festival-Schwerpunkt, der auf Dokumentarfilmen und Film-Essays liegt. Zweihundert Einreichungen lagen Festivalleiterin Daniela Mahr vor, zehn stehen auf dem Programm. Wie Mahr sagt, wählte sie solche Filme aus, die „etwas bewegen“ oder Bewegung darstellen, sie zum Lachen oder Nachdenken brachten.

Der Eröffnungstag (5. Dezember) hat eine Art Öko-Schwerpunkt. Erzählt die mehrteilige Kurzfilmreihe „Die Gärtner und ihre Gärten“ (Ljudmila Belkin, Alexandra Vetter) von Stadt, Natur und urbanem Gärtnern, so geht es in „Schluss mit Schnell“ von Philippe Borrel um Entschleunigung. Werner Herzogs antarktische „Begegnungen am Ende der Welt“ berühren sich nicht nur, aber auch mit dem weitläufigen Thema „Nachhaltigkeit“. Am 6. Dezember dann packt Rainer Voss, ehemaliger Investmentbanker, in Marc Baudets „Master of the Universe“ aus über die glitzernde Finanzwelt. Am 7. reflektiert und kritisiert Carmen Losmann in „Work Hard Play Hard“ die Optimierung unserer Arbeitswelt; Alexander Conrads rückt einen Bluesmusiker ins Zentrum, der aus Zigarrenkisten Instrumente fertigt. Florian Opitz’ „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ fragt nach der durch Rationalisierung „gewonnenen“ Zeit: Wo ist sie nur geblieben?

Eine dreiköpfige Jury entscheidet über die Vergabe des mit 500 Euro dotierten Festivalpreises „Reflecta Artivist Award 2014“ an einen dieser Filme. Hinzu kommt ein Publikumspreis.

Krise und Wandel

Außer Filmen sieht das Festival einen „globalisierungskritischen Stadtrundgang“ vor (6. Dezember, 14 Uhr), am 6. und 7. Dezember Podiumsdebatten („Wachstum, Krise und gesellschaftlichen Wandel“, „Arbeit, Leistung, Zeit und Lebensqualität“) und Live-Musik („Bender & Schillinger“, „La route du bonheur“, „Aaden“).

Woher kommt der außergewöhnliche Ansatz dieses Festivals, der es klar von vielen Kunst-, Genre- und Landes-Filmschauen unterscheidet? Mit der Festivalgründung „Reflecta“ zog es Daniela Mahr, um das Jahr 2004 noch eine junge deutsche Philosophin in Spanien, von der akademischen Theoriearbeit und der ihr offenstehenden Universitätskarriere in die praktische Umsetzung von Ideen. Das erste Festival fand noch in Spanien statt, bevor es 2013 und im Mai 2014 Neuauflagen in Mainz, der Partnerstadt Sevillas, hatte. 2015 soll es nach Wiesbaden, 2016 nach Dresden weiterziehen – spätere Rückkehr nach Frankfurt nicht ausgeschlossen. Mahrs pragmatische Wahl, aus Sätzen Handeln zu machen und von der Vernunft zum Sehen und Tun zu gelangen, spiegelt (reflektiert) „Reflecta“ auch inhaltlich.

Ähnlich, wie der philosophische Pragmatismus eines Jürgen Habermas in ein konstruktives Engagement für eine aufgeklärte Bundesrepublik mündete, setzt „Reflecta“, Mahrs Kopfgeburt, auf „positiven Wandel“ und von ihr bejahte Ideen und Werte um: ökologisch, gesellschaftskritisch, „nachhaltig“. Selbst gastronomisch, sagt sie, sei bei „Reflecta“ alles „Bio und Fairtrade“. Hauptförderer ist eine Bankgründung aus den 1960/70er Jahren, die sich „Europas führende Nachhaltigkeitsbank“ nennt und entsprechend orientiert. Gleichwohl und erfreulicherweise zeigen sowohl Mahr als auch „Triodos“-Sprecherin Stefanie Jellestad ein akutes Bewusstsein dafür, dass der weitgefasste Begriff „nachhaltig“, der ja heute von der sachlichen oder wissenschaftlichen Beschreibung über den politischen Kampfbegriff bis zum anbiedernden Werbeslogan immer mehr an Kontur zu verlieren droht, durchaus problematisch sein kann. dek

Filmfestival „Reflecta“, 5. bis 7. Dezember, Mousonturm Frankfurt, Waldschmidt-
straße 4. Ausgewählte Filme werden vom 8. bis 14. Dezember in den Kinos Orfeos Erben, Pupille, Filmforum Höchst und Filmtheater Valentin gezeigt. Karten zu 12 Euro unter Telefon (069) 40 58 95 20. Internet www.reflecta.org

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