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Austellung im Frankfurter Städel: Zeichnungen des Rokoko-Meisters Antoine Watteau

Die Frankfurter Schau im StädelMuseum zeigt anhand von 70 Blättern und sechs Gemälden eine wenig bekannte Seite des Erfinders der „galanten Feste“, Antoine Watteau.
Anmut und Leichtigkeit: Antoine Watteau (1684–1721) – Studienblatt mit drei Frauenköpfen und einer linken Hand, um 1718.	Abbildungen: Städel Bilder > Anmut und Leichtigkeit: Antoine Watteau (1684–1721) – Studienblatt mit drei Frauenköpfen und einer linken Hand, um 1718. Abbildungen: Städel
Frankfurt. 

Die junge Frau hat sich auf auf einer Chaiselongue ausgestreckt, einem Liegesofa. Sie trägt nur einen dünnen Morgenmantel aus Seide, darunter einen Unterrock und ein Hemd, das jedoch ihre Brust nicht bedeckt. Aber Sinnlichkeit verströmt nicht der Körper, sondern die fein hervorgehobene Kleidung, ihre Stoffe, Verzierungen und Muster. Damit umging der Künstler geschickt seinen Schwachpunkt. Der Quereinsteiger war in der Anatomie nicht gut ausgebildet und hatte große Probleme, einen nackten menschlichen Körper zu zeichnen.

Trotz dieser Quälerei genoss Antoine Watteau (1684–1721) die gelöste, freie Stimmung beim Aktzeichnen. Der mit ihm befreundete Comte de Caylus hatte in verschiedenen Vierteln von Paris mehrere Zimmer angemietet, damit er und Watteau ungestört nach Modellen zeichnen konnten. Der sonst immer bescheiden und schüchtern, oft kränklich und düster wirkende Watteau blühte dabei regelrecht auf und wurde, wie Caylus notierte, fast zu einer der arkadischen Figuren seiner Gemälde.

Spontaner Strich

Watteau, der Maler großer Feste, ein verdruckster Mensch, der das Zeichnen eher geschätzt hat als seine Bilder? Dafür hat Kurator Martin Sonnabend rund 50 Zeichnungen und sechs Gemälde Watteaus versammelt, ergänzt von 20 Werken seiner Zeitgenossen und Nachfolger. Also keine große, aber repräsentative Schau für das Werk. Es umfasste einst mehr als 1000 Blätter; heute sind nur noch 670 Zeichnungen nachzuweisen.

Sieben Werke besitzt das Städel, neun weitere Blätter das Teylers Museum im niederländischen Haarlem, wo die Schau als zweite Station zu sehen sein wird. Ohnehin kommen die meisten Werke aus deutschen, holländischen und französischen Sammlungen, mit bewusstem Verzicht auf teuer zu entleihende Spitzenstücke aus Amerika. Einen guten Eindruck von dem rasant-furiosen Zeichner erhält man auch so. Der bevorzugte nämlich die Kreide mit ihrem weichen und spontanen Strich.

Diese Unmittelbarkeit ist kaum in ein Gemälde zu übertragen und zu erhalten. Doch Watteau ist es mit seinem berühmtesten Werk gelungen, der „Einschiffung nach Kythera“. Die früheste von drei Varianten, angelegt wie eine Theaterbühne und um 1709–12 entstanden, besitzt das Städel, aber erst seit 1982. Eine Gruppe junger Menschen hat sich am Ufer versammelt, um zur Liebes-Insel im Hintergrund aufzubrechen. Ein Mann weist mit dem Arm den Weg, während einige Frauen noch unentschlossen sind. Der Maler erzielt große Spannung, indem er die Figuren miteinander verbindet durch kleine Gesten und Bewegungen.

Freiheit in der Liebe

Damit begründete Watteau die neue Bildgattung der „Fêtes galantes“. Bei diesen „galanten Festen“ treffen sich junge Menschen in Landschaftsparks, um in poetisch-eleganter Stimmung die Natur zu bewundern, sich zu unterhalten oder zu musizieren. Fast könnte man meinen, ein Theaterstück würde in einer idealisierten Natur aufgeführt. Aber eines, das sich von dem in Zeremonien erstarrten Hof des Königs absetzt und sich Freiheit allein in der Liebe erhofft. So wurde Watteau zum Hauptmeister des französischen Rokoko. Schon in frühen Blättern zeigt sich seine Liebe zur Bühne, die wohl in der Zusammenarbeit mit dem Dekorations- und Theatermaler Claude Gillot von 1703 bis 1708 wurzelt. Beim Rundgang hat man ohnehin den Eindruck, Watteau hätte immer nur Figuren skizziert, aber nie Landschaften. Das ist falsch, denn viele der früher wohl unterschätzten Naturstudien sind verloren. Ein Blatt freilich fällt ins Auge, die „Landschaft mit Kirchturm“ von 1712–14, die Watteau erst mit Rötelkreide begann, bevor er später zu Pinsel und Aquarellfarben griff. So erscheinen Watteaus Zeichnungen wie kleine Gemälde, selbst in den mit Kreide skizzierten Blättern.

Die Kreidetechnik hatte es ihm sowieso angetan. Mit dem Rötelstift zeichnete er das Gesicht, die Schultern, Hände und Füße; mit weißer und schwarzer Kreide abwechselnd die Kleidung und die Umrisse der Figur. Watteau setzte die drei Farbkreiden so virtuos neben- und übereinander, dass sie eine verblüffend malerische Wirkung entfalten. Gut sichtbar wird das am Brustbild einer jungen Frau, die versonnen dreinblickt. Watteau ließ seine Modelle sich immer frei bewegen und wählte dann spontan ihre Haltungen aus.

Ohnehin sind es die Blicke und Bewegungen, die Gesten, Gefühle und Gedanken, die er munter zwischen den Figuren aufblitzen lässt. Seine berühmte Drei-Kreiden-Technik zeigt aber auch das Schimmern der erlesensten Seidenstoffe, bauscht die Kleider und damit die Figuren plastisch auf. Das Malen von Stoffen schien Watteau allemal leichter zu fallen als das Wiedergeben des hüllenlosen Menschen.

 

Städel, Frankfurt, Schaumainkai 63, Telefon (069) 6 05 09 80. Bis 15. Januar 2017. Geöffnet dienstags, mittwochs, samstags und sonntags 10–18 Uhr, donnerstags und freitags 10–21 Uhr. Eintritt 14 Euro. Katalog: 34,90 Euro. Internet: www.staedelmuseum.de

 

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