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Christa Wolfs Briefe: Zwei Seelen in der Brust

Dokumente eines deutschen Lebens und ein Epochen- und Briefroman: Zum fünften Todestag der ostdeutschen Schriftstellerin Christa Wolf erscheinen bisher unveröffentlichte Briefe.
Christa Wolf. Es war ein spektakuläres Ereignis, als die Schriftstellerin 1982 an der Frankfurter Goethe-Universität ihre Poetik-Vorlesungen über eine Griechenlandreise und die Entstehung ihres „Kassandra“-Projekts hielt. Der legendäre Hörsaal VI war überfüllt. Foto: Rainer Jensen (dpa) Christa Wolf. Es war ein spektakuläres Ereignis, als die Schriftstellerin 1982 an der Frankfurter Goethe-Universität ihre Poetik-Vorlesungen über eine Griechenlandreise und die Entstehung ihres „Kassandra“-Projekts hielt. Der legendäre Hörsaal VI war überfüllt.

„Gehen oder bleiben“ wurde für Christa Wolf spätestens seit ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR im November 1976 eine zentrale Gewissens-, ja Lebensfrage. Sie zahlte, noch nach dem Fall der Mauer, einen hohen Preis für ihr Bleiben. Sie wusste, dass die Opposition von innen gegen „die da oben“ keine Chance hatte. Sogar Gedanken an Suizid kamen auf. „Manchmal frage ich mich, ob ich es meinen Kindern und Enkelkindern nicht schuldig bin, sie hier wegzubringen. Denn Unvorhersehbares ist hier doch oft Schreckliches. Jede Krise würde uns, dann auch sie, zu ihren Opfern zählen.“

Wolf glaubte, dass es Listen gab mit Leuten, die im Krisenfall in Lager zu bringen seien, und vermerkte in den 80er Jahren, sie habe nicht einmal „durch die Beschaffung eines schmerzlos tötenden Medikaments vorgesorgt“. Das schrieb die Aurorin 1984 in einem wohl nie abgeschickten Briefentwurf an die Frau des russischen Dissidenten Lew Kopelew.

Grass’ Kritik

Fast 500 Briefe und Entwürfe von 1952 bis 2011 sind jetzt in einem über 1000-seitigen Band unter dem Titel „Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten“ versammelt, den Sabine Wolf (nicht verwandt) zum fünften Todestag der Autorin am 1. Dezember herausgegeben hat. Sie ist die Leiterin des Literaturarchivs der Berliner Akademie der Künste, die den Nachlass der Autorin („Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“, „Kassandra“) betreut.

Bisher gab es nur einige Bände mit Briefpartnern Wolfs wie Brigitte Reimann, Franz Fühmann oder Anna Seghers. Besonders verdienstvoll ist jetzt die Recherche-Kleinarbeit der Herausgeberin bei den präzisen Anmerkungen zu den einzelnen Briefen über Personen, Hintergründe und Zusammenhänge, die heute nicht mehr vielen Lesern auf Anhieb so detailliert präsent sein werden, denn Wolf ahnte, dass die Jüngeren sich „immer weniger für unsere Geschichtsblessuren interessieren“ werden.

Die Anmerkungen zu den Briefen mit ihren zahlreichen Detailinformationen stellen schon für sich eine kleine deutsche-deutsche Geschichte dar, vor allem natürlich auch Literaturgeschichte. Der ganze Band ist ein kleiner Epochen- und Briefroman über Utopien, Illusionen, Missverständnisse, Enttäuschungen und Bemühungen um ein „neues Deutschland“ nach 1945, an dem Wolf im Osten Deutschlands mitwirken wollte.

Wie das im Kulturleben der DDR ablief, schildert die Schriftstellerin in ihren Briefen an Kollegen, Funktionäre und Leser (denen sie immer antwortete) bis hin zu ihrer Desillusionierung, die schon mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 begann und mit der Biermann-Ausbürgerung ihren Höhepunkt erreichte („Es wird so leer, man fängt an zu frieren“).

Spätestens seit ihrem offenen Protest gegen diese Ausbürgerung, den sie zusammen mit anderen Kollegen wie Stefan Heym, Volker Braun, Heiner Müller, Sarah Kirsch und Stephan Hermlin unterzeichnet hat, ist Wolf stark im Visier der Stasi, mit der sie selbst in jungen Jahren kurzzeitig zusammengearbeitet hatte – „das sind Sachen, die ich vergessen habe und die ich mir schwer verzeihen kann“.

Die Drangsalierungen und Behinderungen gegen sie nehmen seit 1976 zu. Sie stürzen Wolf – wie die ganze politische Entwicklung in der Endphase der DDR – in Depressionen und verstärken auch körperliche Schmerzen. Krankenhausaufenthalte und Operationen nehmen zu. Sie weiß aber auch, dass viele andere und nicht prominente Oppositionelle, für die sie sich einsetzt, bis hin zu Briefen an den „Genossen Erich Honecker“, viel schlimmer dran sind.

Sie bleibt, obwohl sie später wünscht, „radikaler, konsequenter gehandelt zu haben“. Aber „ich musste in diesem Land bleiben“. Sie will sich aber auch nicht erpressen lassen. „Was wollt ihr denn von mir? Ich habe gekämpft, da habt ihr alle den Kopf eingezogen“, schreibt sie in einem Briefentwurf an Hermann Kant, ihren Kollegen, Widerpart und einflussreichen Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, den sie nach eigenem Bekunden seit 1976 nicht mehr lesen kann und von dem man sich fragen müsse, „ob er nicht vielleicht ein pathologischer Lügner ist“. Kant starb im vergangenen August im Alter von 90 Jahren.

In einem nicht abgeschickten Briefentwurf vom Februar 1977 erklärt Wolf ihren Austritt aus der SED („Ich kann nicht weiter schweigen, ohne meine Selbstachtung zu verlieren“), den sie dann erst im Sommer des sich anbahnenden DDR-Zusammenbruchs 1989 tatsächlich vollzieht.

Günter Grass hat zu ihr gesagt, sie hätte die Kritik an der Partei deutlicher aussprechen sollen. „Ich habe sie sehr deutlich ausgesprochen, Günter, und nach 1976 erklärt, dass ich ausgeschlossen werden will“, antwortet sie ihm 1993. „Ich habe das nicht in die westlichen Medien gegeben, das stimmt“, einfach deshalb, „weil wir uns entschlossen hatten, in der DDR zu bleiben und dort zu wirken“. Wolf rührt da an einen zentralen Punkt ihrer „DDR-Tragödie“. Ihre Loyalität zum realsozialistischen Deutschland wurde zwar ziemlich strapaziert, hatte aber aus ihrer Sicht eigentlich keine Alternative. Wo sollte sie hingehen? „Drüben würde ich mein Thema verlieren, ich bin zu alt, ein neues zu gewinnen“, schreibt sie 1984.

Erfolge und Niederlagen

Für Wolf kam noch etwas Entscheidendes hinzu, das ihr das Verbleiben in der DDR wenigstens erträglich machte – ihre Privilegien als in Ost und West berühmte Schriftstellerin mit Reisemöglichkeiten bis in die USA und gemeinsamen Essen mit Stephan Hermlin in Pariser Restaurants. Alles Dinge, wovon der normale DDR-Bürger nur träumen konnte. Und ohne den Zugang zur westlichen Literatur „hätte ich hier sicher nicht weiter leben können“, wie sie 1991 in einem Brief an Jürgen Habermas bekennt.

Aber ist das nicht ein allgemeines Bürgerrecht? Wieso bestimmt eine Partei, was man lesen darf? Für die massive Einschränkung solcher und anderer Grundrechte und Deformationen der Gesellschaft macht Wolf auch die Stasi verantwortlich, „ein mit Recht tief diskriminiertes System“, das verantwortlich sei „für die Zerstörung der gesellschaftlichen Kommunikation von der Wurzel her“.

Die Briefe Wolfs über mehr als ein halbes Jahrhundert sind ein erstaunliches Dokument eines deutschen Lebens mit all seinen Kämpfen, Zweifeln, Erfolgen, Niederlagen, Rechtfertigungen, Selbstbehauptungen und Mut. Die Briefe geben beredt Auskunft über eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

„Über unsere Zeit wird es später mal keine Briefliteratur geben, weil keiner mehr Briefe schreibt“, formuliert Wolf einmal. Im Nachlass befinden sich noch die Tagebücher, die Christa Wolf fast ein Leben lang geschrieben hat. Über ihre Veröffentlichung gibt es laut Verlag noch keine Pläne. Es sei zwar nicht alles aussprechbar, meinte die Schriftstellerin einmal, aber „dass man sich selbst möglichst viel sagen sollte, denke ich allerdings“.

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